Forscher am Fraunhofer IGD haben ein System entwickelt, mit dem Ärzten, Schwestern und Pflegepersonal der Überblick über ihre Station deutlich erleichtert wird. Health@Hand fungiert als eine Art medizinischer Leitstand, der alle relevanten Daten zur Station, der Belegung und dem Patienten zusammenbringt und visuell so aufbereitet, dass sich Verantwortliche »ein Bild« machen können. Das datensichere System nutzt dafür nicht nur einen klassischen Multitouch-Tisch, sondern erlaubt auch die Anbindung mobiler Endgeräte. 

Das Lexikon definiert einen »Leitstand« als »technische Einrichtung, die den Menschen bei der Leitung eines Prozesses unterstützt«. Unabdingbar für das Funktionieren eines Leitstands seien übersichtlich aufbereitete Informationen. Nur so könnten organisatorische, kontrollierende und prozessfördernde Maßnahmen effektiv durchgeführt werden.

Definitionen wie diese sind ebenso bekannt wie der Einsatz eines Leitstandes eigentlich selbstverständlich ist, um Abläufe zu kontrollieren und zu optimieren. Eine Ausnahme dabei bildet allerdings unser Gesundheitssystem. Insbesondere unsere Krankenhäuser: Hier fehlt ein »Leitstand«, der die reale Situation vor Ort er- und zusammenfasst, um als effektive »Zentrale« beispielsweise für einzelne Abteilungen oder Stationen zu fungieren. Deshalb wird das Steuern von Prozessen oftmals erschwert. Diese sind daher besonders, dass es sich hierbei nicht um technische Prozesse, sondern um Maßnahmen zur Heilung von Menschen oder gar zum Retten von Menschenleben handelt.

Visueller Leitstand

Abhilfe soll künftig ein neuartiger »visueller Leitstand« schaffen, der von Forschern am Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD in Rostock entwickelt wird: Health@Hand wird alle nötigen Informationen etwa zu Belegung, Diagnosen, Medikamenten, Verpflegung oder Auffälligkeiten sammeln, zusammenfassen und mit weiteren Daten wie zum Beispiel den individuellen Krankheitsgeschichten kombinieren. Natürlich lassen sich so auch Behandlungstermin, Medikamentenvergabe oder Reinigungsintervalle und Belegungskapazitäten einfach und schnell planen. Alle Ergebnisse werden visuell so ansprechend aufbereitet, dass die allgemeine Lage auf einer Station oder der individuelle Zustand eines Patienten »auf einen Blick« erfasst werden kann: »Das System untersucht die aktuelle Situation und die hinterlegten Angaben in mehreren Stufen«, erklärt Projektleiter Dr. Mario Aehnelt vom Fraunhofer IGD. So können beispielsweise Kennzahlen für die gesamte Station entweder vollständig angezeigt werden oder der Entscheider »zoomt« auf einzelne Zimmer. Und natürlich kann er auch alle medizinisch relevanten Informationen zu einem einzelnen Patienten einsehen. Oder er markiert einen bestimmten Zeitraum, um Details zu erfahren. »Auf diese Weise wird das Monitoring einer Station deutlich vereinfacht. Störungen und Probleme können schneller erkannt werden und die Chance steigt, bei sich anbahnenden Notfällen frühzeitig intervenieren zu können«, sagt Aehnelt.

»Das Zentralisieren und die Aufbereitung von relevanten Informationen in verschiedenen Informationstiefen ist aber nur ein Teil der Aufgaben unseres Systems«, betont der Forscher. Denn oftmals ergeben sich aus den zusammenfließenden Einzeldaten am Leitstand wichtige Auskünfte über Zusammenhänge. Bislang aber sind die Schnittstellen vieler Geräte nicht kompatibel mit denen anderer medizinischer Instrumente. So sind Röntgengeräte beispielsweise meist nicht mit der medizinischen Infrastruktur gekoppelt. Die Ergebnisse der Röntgenuntersuchungen werden damit sozusagen zu »Parallel-Informationen«, weil sie noch nicht automatisch in das allgemeine medizinische System aufgenommen wurden. Mithilfe von Health@Hand wird es erstmals möglich, auch diese Informationen sofort zugänglich zu machen, ohne dass (wie bislang) das Pflegepersonal von Zimmer zu Zimmer gehen muss, um die jeweiligen Patientendaten händisch zu erfassen. Eine zentrale Zugangsmöglichkeit zu allen Daten, die einen Patienten betreffen, ist auch wichtig, um mögliche Komplikationen zu analysieren und damit schnell zu erkennen. Denn jeder Patient bringt eine eigene Vorerkrankung mit und reagiert damit möglicherweise anders auf verabreichte Medikamente. »Während bisherige Systeme im Gesundheitsbereich in der Regel lediglich darauf ausgelegt waren, zu dokumentieren, steht bei unserem System die Analyse der Daten im Mittelpunkt«, erklärt Aehnelt.

Auch mobile Endgeräte können in das System von Health@Hand integriert werden. Bild: Kwangmoo | Fotolia

Mobiles und webfähiges Monitoring einer Krankenstation

Um die Grundidee eines Gesundheits-Leitstandes umzusetzen, nutzen die Forscher einen Multitouchtisch, über den alle Informationen (visuell aufbereitet) abgerufen werden können, um sich so beispielsweise von Zimmer zu Zimmer oder von Patient zu Patient zu informieren. Health@Hand aber bietet– im Unterschied zu einem traditionellen Leitstand – einen weiteren bedeutenden Vorteil: Das System entspricht allen strengen Datenschutzregeln und ist trotzdem flexibel. Kein Arzt, keine Pflegekraft und kein Verantwortlicher in der Verwaltung muss die Informationszentrale physisch besuchen. Mobile Endgeräte reichen aus. »Eine Schwester kann beispielsweise über ihr Tablett von überall innerhalb der Station auf die Daten des Leitstand-Speichers zugreifen und Informationen zu Medikamenten abrufen, Beobachtungen oder Empfehlungen eingeben oder sich via »Leitzentrale« auch mit dem Arzt austauschen«, sagt Aehnelt. Aber auch die Patienten selbst können Health@Hand mit Informationen versorgen. So ist es beispielsweise problemlos möglich, die Vital- und Aktivitätsdaten etwa von Fitnessarmbändern oder Smartwatches sofort zu integrieren und die Daten in den individuellen medizinischen Kontext einzubinden.

 (aku)

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