Technik – da gerate ich ins Schwärmen. Technik ermöglicht Dinge wie Gehirntransplantationen! Das ging vorher nicht. Und es wird toll, obwohl sich die meisten zu Unrecht davor fürchten, zum Beispiel ein neues funktionstüchtiges Gehirn zu bekommen. Das häufige Auswaschen des Gehirns reicht doch, rufen die technikfeindlichen Tugendhüter.

Nach der eigentlichen Innovation, die sich neuer Wirksamkeit oder dem neuen Effekt widmet, kommt die Effizienz gleich zur Hintertür mit hinein. Hmmh. »Wir haben hier ein neues System, das Sie von aller Routine entlastet. Sie selbst widmen sich nur dem kleinen Teil, der höchste Expertise verlangt.«

Das Neue wird bald so gut, dass es die meisten Fälle von selbst lösen kann. Das gefällt mir auch noch. Ich habe jetzt keine Routine mehr. Ich setze nun als Arzt meine pure ärztliche Kunst ein. Jetzt! Ich schaue das Resultat an. Toll!

Darf ich das aber? Ich muss jetzt stundenlang begründen, warum ich von der Routine abgewichen bin. »Hey, Arzt, warum hast du selbst gearbeitet? Warum war das Expertensystem nicht gut genug für diesen stinknormalen Patienten? Warum so teuer? Hast du zuerst das System nach Vorschrift solange benutzt, bis der Patient halbtot ist? Erst dann darfst du einen besonders komplizierten Fall mit manuellem Eingriff abrechnen.« Ich habe natürlich nicht alles halbtot prozessiert, sondern gleich eingegriffen! Jetzt muss ich das irgendwie in einen Bericht pressen, am besten erst all die nutzlosen Voruntersuchungen abrechnen, die ich gar nicht erst versucht habe. Was abgerechnet ist, existiert nämlich. Wirklich?

Da gibt es wieder andere Systeme, die das genauer feststellen …

Ach, zuerst ist Technologie wie Spitzensport und dann wird sie endlich für jedermann zum Hilfsmittel. Das erfreut das Erfinderherz – bis sie das Alte billiger herstellen kann. Da aber ist der Punkt gekommen, wo sie zur Pflicht werden soll. Dazu wird die Technologie sicher gemacht, unantastbar standardisiert – alle Alternativen werden inquisitorisch ausgerottet. Als Technologie bejubeln wir vieles. Aber dann frisst die Routine die Kunst.

Dagegen ist eigentlich nichts zu sagen, denn nun ist das Neue in einer gewissen durchschnittlichen Form für jeden da. Aber der lange Prozess des Abtötens des Kunstanteils tut den einst noch selbst agierenden Künstlern weh.

»Sind wir Ärzte denn Datensicherheitsbeamte? Polizeibüttel? Versicherungsschadensregulierer? Werden wir zu Bürokraten umfunktioniert? Muss ich jeden Handgriff begründen? Heißt es nicht Vertrauensarzt? Wer – bitte – hat denn in mich Vertrauen? Soll ich Billigmediziner werden? Bin ich die Vorstufe zum Automaten?«

Technologie ermöglicht dem Menschen, nie vorher Dagewesenes in den Griff zu bekommen. Automatisierung aber bekommt den Menschen in den Griff. Ein RFID zählt automatisch die Kalorien und schließt beim Erreichen der Schwelle den Mund. Ein Expertensystem einigt sich mit dem Kassencomputer, ob ich noch einmal operiert werden soll oder nimmermehr. Irgendwer schrieb: »Seht die niedlichen Kinder. Nicht auszudenken, dass daraus normale Erwachsene werden!« (Kästner war’s, glaube ich.) So empfinde ich das bei Technologie oft auch.

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Prof. Dr. Gunter Dueck
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