Wenn heute eine Operation durchgeführt wird, müssen alle relevanten Daten wie Beatmungszeiten, die exakte Zeit vom ersten Schnitt bis zur Naht sowie Informationen zum anwesenden medizinischen Fachpersonal manuell festgehalten werden. Der Einsatz von RFID-Chips im OP könnte diesen Vorgang automatisieren und Zeit einsparen. Mittels der RFID-Technologie kann nicht nur die Anwesenheit von Ärzten, Pflegern und Patienten erfasst werden, auch die Konfiguration der medizinischen Geräte und der technischen Umgebung ist denkbar.

Rund 15 Millionen Operationen werden laut dem statistischen Bundesamt jährlich in deutschen Krankenhäusern durchgeführt. Im Anschluss an eine Operation ist es Aufgabe des medizinischen Personals, den Eingriff zu dokumentieren. So werden etwa Informationen zum anwesenden Personal oder Beatmungszeiten festgehalten. Was heute noch manuell eingegeben werden muss, könnte in naher Zukunft automatisiert werden: Im Rahmen des Forschungsprojekts »Hospital Engineering – Innovationspfade für das Krankenhaus der Zukunft« arbeiten Wissenschaftler an einem System, das eine automatische Anwesenheits-Erfassung ermöglichen soll. 

Die Forscher verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz: Sie betrachten das Krankenhaus als ein Gesamtsystem, um dann die Auswirkungen einzelner Maßnahmen auf angrenzende Bereiche untersuchen zu können. Die Anwesenheits-Erfassung im OP ist dabei nur ein Teil des Projekts. Das »große« Ziel ist es, Innovationen in der Krankenhaustechnik zu entwickeln, die helfen, bestehende Prozesse wie etwa in der Krankenhaus-IT, der Energieversorgung oder im Bereich Logistik zu optimieren. So sollen langfristig Kosten gesenkt werden und eine hohe Qualität der Leistungen gewährleistet werden.

Aufbauend auf diesem Projekt entsteht derzeit im Fraunhofer-inHaus-Zentrum ein »Hospital Engineering«-Labor, in dem erste Innovationen des Projekts zum Einsatz kommen. Das Labor bildet zahlreiche Bereiche eines echten Krankenhauses nach. Auf 400 Quadratmetern finden sich unter anderem ein Patienten- und Untersuchungszimmer, ein Materiallager, ein großer Operationssaal sowie ein Reha- und ein Empfangsbereich.

Um eine automatisierte Anwesenheits-Erfassung im OP zu ermöglichen, greifen die Wissenschaftler auf die »Radio Frequency Identification«-Technologie zurück. Denn über RFID-Chips in eingenähten oder aufgeklebten Etiketten können Informationen zuverlässig und kostengünstig ausgelesen werden. Gerade im  OP-Bereich ist mit dem medizinischen Equipment und der Vielzahl an hoch qualifiziertem Fachpersonal fast jeder Arbeitsschritt sehr kostenintensiv. Dementsprechend groß ist hier das Einsparpotenzial durch automatisierte Prozesse. »Heute müssen alle Daten per Hand eingegeben werden, manchmal in bis zu sechs unterschiedliche Systeme«, sagt Sahra Amirie, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer ISST. »Das ist nicht nur aufwendig, sondern erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass Fehler passieren.« Mit Hilfe einer Spezial-Software könnte der Einsatz von RFID im OP alle relevanten Daten über die Operation erfassen.

Nicht nur Ärzte und Pflegepersonal könnten mit RFID-Chips etwa an Armbändern oder eingenäht in die Kleidung ausgestattet werden. Ähnliches ist auch für Patienten denkbar. Auch medizinische Geräte könnten durch entsprechende Aufkleber mit einbezogen werden und auf Grundlage der angemeldeten Operation vorkonfiguriert werden. »Im Labor erproben wir die RFID-Technologie im OP und haben festgestellt, dass sie sich nicht nur für die Anwesenheits-Erfassung anbieten würde. Wir arbeiten beispielsweise auch mit einem Experten für die Beleuchtung im OP zusammen«, sagt Amirie. »Auch hier ist ein Einsatz denkbar: Mit Hilfe eines RFID-Chips könnten die Lichtverhältnisse so angepasst werden, dass der Chirurg optimale Arbeitsbedingungen vorfindet oder sich der Patient im Vorfeld der Operation möglichst wohl fühlt.«

Auch die Materialversorgung könnte mittels RFID vereinfacht werden. In seltenen Fällen kommen bereits heute intelligente, auf RFID-Technologie basierende Lagersysteme zum Einsatz, die beispielsweise eine automatische Bestandsführung der medizinischen Produkte und Arzneimittel auf den jeweiligen Stationen ermöglichen. Doch in den meisten Krankenhäusern werden Fehlbestände manuell erfasst und dann an die zentralen Versorger wie den Einkauf, das Zentrallager oder Apotheken gemeldet. Für bestimmte Produkte existieren außerdem besondere Dokumentationspflichten. Wird zum Beispiel ein Implantat eingesetzt, muss in der OP-Dokumentation die jeweilige Seriennummer erfasst werden. Auch hier ist es denkbar, diesen Vorgang mittels RFID zu automatisieren.

Leiter des Forschungsprojekts, das von der Europäischen Union und dem Bundesland Nordrhein-Westfalen gefördert wird, ist das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST in Dortmund. Außerdem sind das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML, das Fraunhofer-Institut für mikroelektronische Schaltungen und Systeme IMS, das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT, die Universität Duisburg-Essen sowie verschiedene Partner aus Medizin und Industrie beteiligt. Im »Hospital Engineering«-Labor werden die unterschiedlichsten Szenarien durchgespielt, jedes der Fraunhofer-Institute bringt dabei seine eigenen Blickwinkel – Logistik, Energieeffizienz, Informationslogistik und Adaptivität – ein. Die RFID-basierte Anwesenheits-Erfassung gehört zu einem der Leitprojekte, die im Labor in die Praxis umgesetzt werden. Die Kernidee des Labors ist es nicht, eine museumsähnliche Ausstellung für unterschiedliche Innovationen der Krankenhaustechnik zu schaffen, wie Amirie betont. »Wir wollen ein lebendiges Labor schaffen, in dem ständig neue Projektpartner zusammenkommen und gegenseitig von ihrer Arbeit und ihren Ideen profitieren.« Die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit fließen in die Weiterentwicklung der Innovationen mit ein.

Offiziell eröffnet wird das Labor im Sommer 2013. Das dreijährige Forschungsprojekt »Hospital Engineering« läuft noch bis 2014. Zeitgleich entsteht eine Initiative, in der die Projektpartner ihre Zusammenarbeit auch nach Ablauf des Projekts fortsetzen werden. (mdi)

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