Ein reibungslos ablaufender und sicherer Datenaustausch zwischen Unternehmen muss zwei entscheidende Hürden überwinden: Die Datensouveränität muss gewährleistet bleiben und der Austausch technisch problemlos möglich sein, weil alle die gleiche Schnittstelle nutzen. Im Projekt »Industrial Data Space« haben sich Forschungsinstitute und Unternehmen zusammengeschlossen, um beide Hindernisse hinter sich zu lassen.

Ein wenig wirkt es so, als sei das Telefon schon erfunden, aber die Telefonleitungen müssen erst geplant werden. So ähnlich jedenfalls scheint die Dimension im Bereich Industrie 4.0 und Datenaustausch in Deutschland. Die Techniken vor Ort sind oft (zumindest im Ansatz) schon vorhanden, selbst die Organisation steht meist. Die Verknüpfung aber mit anderen Zweigstellen, mit Produktionsstätten und mit Logistikdienstleitern ist lückenhaft. Im Gegensatz zu Telefonleitungen, bei denen das Verlegen und Anschließen vergleichsweise einfach ist, sind hier die Ansprüche an die Verknüpfungen exponentiell höher. Vor allem, wenn man auf Übertragungswege von Daten setzen will, über die man die Kontrolle hat. Und wenn man Möglichkeiten zu einem umfassenden Datenaustausch schaffen will.

»Unternehmen haben die Befürchtung, die Kontrolle über ihre Daten zu verlieren, wenn sie auf Clouddienste wie von Amazon oder Google setzen. Deshalb suchen Sie nach Möglichkeiten, ihre Daten zu kontrollieren und zu schützen aber auch leicht austauschen zu können«, weiß Heinrich Pettenpohl vom Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST.

Datensouveränität gewährleisten

Ein Dutzend Fraunhofer-Institute arbeiten deshalb – gemeinsam mit mehr als 60 Partnern aus Industrie und Handel - an der Entwicklung und an Tests zur Implementierung einer sicheren Datenplattform für die deutsche Industrie. Kern ihrer Arbeit ist eine Referenzarchitektur für einen Industrial Data Space. Dieser soll sich zu einer Art nationalem Umschlagplatz für Industrie-Daten entwickeln. »Entscheidend ist, dass dieser Industrial Data Space Dateneigentümern gewährleistet, dass ihre Daten nur von denjenigen eingesehen und genutzt werden können, die dafür legitimiert sind«, sagt Pettenpohl. Optimale Funktionalität und absolute Datensouveränität seien höchstes Gut in diesem Projekt. Und dazu gehört auch, dass – im Gegensatz zu bisherigen Lösungen etwa von Softwareunternehmen – ein systemübergreifender Datenaustausch möglich sein wird. »Wir arbeiten an einer offenen Datenplattform. So können wir beispielsweise auch Unternehmen einklinken, die andere Systeme als die der gängigen Anbieter nutzen«, sagt Pettenpohl. Unternehmen wird also ein Industrial Data Space zur Verfügung gestellt, auf dem wie in einem handelsoffenen und trotzdem datengeschütztenMarktplatz Daten ausgetauscht, angeboten, verknüpft oder auch verkauft werden können.

Erster Schritt auf diesem Weg ist – neben dem Ausarbeiten der theoretischen Grundlage – die Konzeption und das Testen von 16 konkreten Anwendungsfällen für den Datenaustausch. Sie sollen klassische Geschäftsprozesse in Bereich wie der Produktion und Logistik abbilden.

Effiziente Koordination durch sicheren Datenaustausch

Wie wichtig der sichere Austausch der Daten ist, illustriert ein einfaches Beispiel aus der Logistik: Während heute noch telefonische Absprachen etwa bei Routenänderungen oder Staus nötig sind, um Ware rechtzeitig abzuholen, soll es künftig ein leichtes (und sicheres) sein, ein Umdisponieren über eine App zu koordinieren, mit der alle Fahrer einer Flotte verbunden sind. Fahrzeuge, die mit einem derartigen Transportmanagementsystem verbunden sind, seien zudem leichter »im Blick« zu behalten. So werde ein gegenseitiges Einspringen von verfügbaren Fahrzeugen deutlich einfacher. Disponenten können zudem beispielsweise die Zeitfenster für das Be- und Entladen optimieren und so Zeit und Kosten sparen.

Aber natürlich wird der Industrial Data Space nicht nur mit Navigationsdaten arbeiten. In weiteren Anwendungsfällen werden beispielsweise Maschinendaten für frühzeitige Wartungsaufgaben übertragen, oder auch aktuelle Mengen zu einem angefragten Produkt. Bei Letzteren werden die Einheiten und Daten automatisch in die verwendeten Einheiten und Daten des Kunden umgewandelt.

Mittlerweile ist das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung BMBF geförderte Projekt so weit fortgeschritten, dass die Projektbeteiligten daran denken, die neue deutsche Datendrehscheibe auch international zu nutzen. Interessenten aus unterschiedlichen europäischen und asiatischen Ländern haben sich bereits gemeldet. Auf der diesjährigen Hannover Messe wird das Fraunhofer ISST und die Fraunhofer-Initiative Industrial Data Space über die Fortschritte informieren und einen ersten Demonstrator vorführen.

Sie finden die Fraunhofer-Institute auf der Hannover Messe vom 25.04.2017 – 29.04.2017 in Halle 2, Stand C16/22 (Hauptstand und Adaptronik), in Halle 7, Stand E11 (Simulation) und in Halle 17, Stand C18 (Produktion). (aku)

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