Als Vorreiter der Digitalisierung konzentriert sich das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST in Dortmund bereits seit 25 Jahren darauf, die Industrie, Dienstleister, wichtige Institutionen wie Behörden und das Gesundheitswesen mit Prozess- und IT-Optimierung fit für die Zukunft zu machen. Ermöglicht wird das durch ein Team aus Mitarbeitern, die das Institut teilweise seit seiner Gründung tragen. Wie das Ganze im Detail aussieht erläutern vier von ihnen im Gespräch:

Prof. Dr. Boris Otto Bild: Fraunhofer ISST

Herr Professor Otto – Sie haben Anfang dieses Jahres die Leitung des Fraunhofer ISST an der Seite von Professor Jakob Rehof und Professor Michael ten Hompel übernommen. Wie gestaltet sich die Leitung des Instituts zu dritt und welche sind Ihre Aufgaben?

Schon vor meiner Zeit als Institutsleiter arbeiteten wir bereits jahrelang zusammen an der Verzahnung des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik IML und des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik ISST. Damals war ich aber eher im Interims- und Projektmanagementbereich tätig. Heute entwickeln wir für führende Partner aus der Industrie umfassende digitale Geschäftslösungen. Verwurzelt im Ruhrgebiet möchten wir gemeinsam die »Digitalisierung made in Germany« vorantreiben. Zudem haben wir uns schon immer persönlich sehr gut verstanden. Das erleichtert die Aufteilung der Arbeitsbereiche ungemein. Während ich die Gesamtverantwortung innehabe, ist mein Kollege ten Hompel die Brücke zum Fraunhofer IML und kümmert sich um das gemeinsame Fraunhofer-Innovationszentrum für Logistik und IT. Jakob Rehof widmet sich stärker der Vernetzung innerhalb der wissenschaftlichen Communities. Wir richten unsere Ziele an vier Dimensionen aus: Zum einen der thematisch-inhaltliche Block, in dem ich beispielsweise eines unser Leitprojekte den »Industrial Data Space« vorantreibe. Andererseits die finanzielle Ebene, auf der ich bei unserem strategischen Partnern Gelder akquiriere, dann der Bereich der Wissenschaftsexzellenz und des Publikationsmanagements, in dem ich versuche, unser Institut in große Forschungsinitiativen zu integrieren und selbst an der Veröffentlichung von Papers mitwirke. Schließlich der vierte Block, der sich mit der internen Weiterentwicklung auseinandersetzt.

Wie stellen Sie sich die Zukunft des Fraunhofer ISST vor?

Unser thematischer Kern wird weiterhin die Datenwirtschaft bleiben. In Zukunft wollen wir aber noch stärker für uns in Anspruch nehmen, einen gesamtheitlichen Ansatz mit Hilfe der »Digital Business Engineering«-Methode zu verfolgen. Das reicht von der Entwicklung von Technologien und Systemen, IoT-Lösungen und Software über das Prozessverständnis in unseren Hauptgeschäftsbereichen Digitalisierung in der Logistik, Gesundheit und im Servicegeschäft bis hin zu ökonomischen Fragen zur Werthaltigkeit von Daten. Ein weiteres konkretes Ziel ist der weitere personelle Ausbau des Instituts. Wir wollen wachsen, um unsere Themen mit noch mehr kreativen Köpfen nachhaltiger vorantreiben zu können. Momentan sind zukunftsweisende Projekte neben dem Industrial Data Space etwa die Unterstützung der digitalen Transformation des Industriepartners Boehringer Ingelheim im Rahmen unseres gemeinsamen Enterprise Labs, die medizintechnische und datenanalytische Leistung im Projekt »EPItect« oder die Entwicklung von Geschäftsszenarien und der begleitenden Software für DB Schenker. Wir sind agil, flexibel, schnell und das ist auch das, was von unseren Partnerunternehmen geschätzt wird.

Florian Kimmann Bild: Fraunhofer ISST

Herr Kimmann – was hat Sie dazu veranlasst, eine Ausbildung im Bereich »Digitization in Healthcare« am Fraunhofer ISST zu beginnen? Was ist Ihnen an Ihrer Arbeit wichtig und haben Sie Gelegenheit, auch andere Institutsbereiche näher zu begutachten?

Ich hatte tatsächlich schon im Jahr 2013 vor meiner Ausbildung angefangen, am Institut als Hilfskraft in der damaligen Abteilung Business Communication zu arbeiten. Nach einer Namensänderung und Weiterentwicklung zu »E-Health« heißt sie heute »Digization in Healthcare« - ich bin immer noch dabei, da mir die Arbeitsatmosphäre und die Themen in der Abteilung und am Institut sehr gefallen. Bei Projekten bin ich größtenteils für die softwaretechnische Umsetzung der Grundideen verantwortlich, helfe aber auch des Öfteren bei der Konzeptualisierung der zu implementierenden Software wie etwa bei den Projekten »iHerz« oder »MDK EFA-Arbeitsplatz«. Ich finde es grundlegend sehr wichtig, Anwendungen, die einen guten gesellschaftlichen Nutzen haben zu gestalten und da wir uns hier oft an der Schnittstelle zwischen Patienten, Pflegekräften und Ärzten befinden wird der praktische Nutzen der Entwicklungen unserer Abteilung schnell deutlich. Beispielsweise arbeiten wir aktuell an »EPItect«, ein Projekt bei der durch Früherkennung und Analyse von epileptischen Anfällen die Pflege und Therapie von Patienten verbessert werden kann. Und es findet in der Tat auch ein reger Austausch mit den anderen Institutsbereichen statt – institutsweit wird am Industrial Data Space gearbeitet und in unserer Abteilung ist zum Beispiel der »Medical Data Space« von Relevanz.

Wie sehen Ihre Pläne nach der Ausbildung aus? Können Sie sich vorstellen, weiter am Institut zu arbeiten – wenn ja: Warum?

Die Ausbildung werde ich vermutlich im Sommer des nächsten Jahres abschließen. Ich würde danach gerne erst einmal weiter am Fraunhofer ISST arbeiten, sollte sich diese Möglichkeit ergeben. Das sehr positive Arbeitsklima und die freundlichen Kollegen sind klare Gründe dafür aber auch, dass ich bei meiner Aufgabenlösung selbstbestimmt arbeiten kann, zeitlich flexibel bin und oft die Möglichkeit habe, neue Technologien auszuprobieren. Diese Dinge machen für mich das Arbeiten am Institut im Vergleich zur Privatwirtschaft sehr viel angenehmer. Zudem hätte ich die Gelegenheit weiter an wichtigen und interessanten Themen wie der »Elektronischen Fallakte« (EFA) zu arbeiten und einen Beitrag zur Verbesserung der Kommunikation im medizinischen und Pflegebereich zu leisten.

 

Britta Klocke Bild: Fraunhofer ISST

Frau Klocke – inwiefern tauchen Sie als Leiterin der Unternehmenskommunikation in die verschiedenen Geschäftsbereiche Digitalisierung in der Logistik, im Gesundheitswesen und in der Dienstleistungsindustrie ein?                 

Als Kommunikatorin muss ich jedes Projekt am Institut kennen, aber ich arbeite nicht an den Projekten mit. Insofern ist mein Blick eher übergreifend und nicht technologisch in die Tiefe gehend. Meine Aufgabe ist es ja auch, die Themen für die breite Außenkommunikation aufzubereiten, insofern passt das sehr gut. Ein meiner klassischen Aufgaben ist die Gestaltung von Projektpräsentationen auf Messen: Inhaltlich werden die Exponate von den Abteilungen entwickelt, aber ich unterstütze die Kolleginnen und Kollegen bei der Gestaltung und Umsetzung. Beispielsweise planen wir gerade den Messeauftritt des Projekts »Industrial Data Space« auf dem Fraunhofer-Gemeinschaftsstand auf der Hannover Messe Industrie. Hier überlege ich gemeinsam mit der Fachabteilung bei uns und Kollegen aus den anderen beteiligten Instituten, ein interaktives Stadtmodell zu bauen, in dem die einzelnen Gebäude für Funktionen, Rollen und Komponenten des Industrial Data Space stehen. Mein Arbeitsumfeld verändert sich immer wieder, deshalb wird mein Beruf auch nach 15 Jahren nicht langweilig: Es gibt immer wieder neue Themen, neue Menschen, neue Kommunikationskanäle, neue Aufgaben. Manchmal tauchen Themen oder Branchen auch nach Jahren mit einem inhaltlich völlig neuen Fokus wieder auf. Das erlebe ich gerade zum Beispiel in Bezug auf unsere Forschungsarbeiten für die Automobilindustrie.

Seit 15 Jahren sind Sie nun schon am Fraunhofer ISST tätig – wie war es für Sie als ausgebildete Sozialwissenschaftlerin und PR-Beraterin in einem Institut zu arbeiten, dass sich maßgeblich mit IT-Themen auseinandersetzt? Hatten Sie Einstiegsschwierigkeiten?

Als ich mit 23 Jahren anfing, am Institut zu arbeiten, wusste ich nicht viel über Informatik. Ich war neugierig auf das, was mich am Institut erwarten würde, hatte aber auch eine Menge Respekt davor. Die ersten Projekte, die damals um das Thema Geodaten kreisten, waren für mich thematisch völliges Neuland. Dank meiner geduldigen und zuvorkommenden Kollegen habe ich mich aber schnell eingearbeitet. Zudem betrachte ich es eher als Vorteil, dass ich als Kommunikatorin nicht aus dem wissenschaftlichen Fachgebiet komme und die Perspektive eines fachfremden Lesers einnehmen kann. Ich habe mich immer als Übersetzerin gesehen, welche die wissenschaftlichen Informationen für die Anwender aufbereitet und nach außen in die breite Öffentlichkeit trägt. Natürlich hat sich über die Jahre am Institut vieles verändert. Aber auch die Kommunikationsformen sind heute andere: Anfangs arbeiteten wir beispielweise noch viel mehr mit klassischen Presseinformationen und Printpublikationen, da die heutigen Sozialen Medien kaum eine Rolle spielten. Die Kommunikation ist schneller und direkter geworden, sodass auch die Mitarbeiter selbst mehr nach außen kommunizieren als früher. Diesen Wandel mitgestalten zu dürfen, finde ich nach wie vor sehr reizvoll.

Dr. Bernhard Holtkamp Bild: Fraunhofer ISST

Herr Dr. Holtkamp – Sie sind stellvertretender Abteilungsleiter im Bereich »Digitization in Logistics«. Wodurch zeichnet sich Ihre Arbeit aus und gab es in Ihrer langjährigen Tätigkeit Projekte, die Sie besonders fasziniert haben?

Ein spezieller Unterschied zu vergleichbaren Organisationen sind die inhaltlich-gestalterischen Freiheiten, die so typisch für Fraunhofer sind und unsere Forschung möglich machen. Neben meinen inhaltlichen Aufgaben bin ich auch an Entscheidungen über das Budget und Personal beteiligt. Zudem habe ich die Gelegenheit, nationale Projekte wie »HANDELkompetent«, aber auch EU-Projekte wie »AMable« zu betreuen.

Ein besonders faszinierendes Projekt war für mich die Entwicklung des Adecco JobShops Ende der 1990er Jahre, als es praktisch noch kein Internet gab. Die Firma suchte als Personaldienstleister für die Expo 2000 30.000 neue Mitarbeiter, aber ihre klassischen Rekrutierungsmechanismen waren nicht ausreichend. Unsere damalige Entwicklung in Form von Selbstbedienungsterminals, sogenannte Kiosk-Terminals, passten wir an das Adecco-Design zur Anwerbung neuer Mitarbeiter an, nachdem die Firma darauf aufmerksam geworden war. Ich flog damals noch mit einem PC unter dem Arm nach Hamburg, um dem Geschäftsführer unser System zu präsentieren. Die Idee fand so großen Anklang, dass Adecco entschied, die Terminals deutschlandweit einzuführen, was zu einer mehrjährigen Kooperation führte. Auf Basis der Terminals entstanden dann verschiedene Folgeprojekte mit Partnern wie der Deutschen Bank, einem Verlag in München und einem Dienstleister für die Bundesgartenschau in Potsdam. 

Sie sind einer der Mitarbeiter, die schon seit der Gründung des Fraunhofer ISST dabei sind. Wie sind Sie zum Institut gekommen und welche Hürden gab es am Anfang zu überwinden?

Nach meinem Post-Doc Aufenthalt in den USA, begann ich schon im August 1991 als vorgezogene Maßnahme vor der Gründung des Instituts bei der Fraunhofer-Gesellschaft zu arbeiten. Da das Fraunhofer ISST nach dem Fall der Berliner Mauer zunächst im ehemaligen Ost-Berlin gegründet wurde, musste ich Hunderte Bewerbungsunterlagen sichten und die dazugehörigen Gespräche führen. Als dann noch der ursprünglich geplante Standort in Dortmund hinzukam, war es meine Aufgabe, eine Abteilung in Dortmund zu leiten und den Aufbau einer weiteren in Berlin zu unterstützen. Das häufige Pendeln zwischen Dortmund und Berlin nahm viel Zeit in Anspruch, da eine Zugfahrt über sieben Stunden dauerte und das Fliegen noch sehr teuer war. Meine Aufenthalte im östlichen Teil von Berlin waren teilweise auch sehr einprägsam, da unter anderem die Qualität der Straßen sehr zu wünschen übrig ließ. In Bezug auf die Änderungen am Institut in den letzten Jahren ist klar, dass wir jetzt deutlich industrieorientierter sind und nach dem Modell des Digital Business Engineering strukturierter und zielorientierter arbeiten. Zudem versuche ich derzeit zusammen mit Professor Otto Partnerkontakte in Indien zu knüpfen. Unser Institut ist noch recht klein, aber generell lässt sich sagen: Wir sind ein Haufen von Enthusiasten mit mehr guten Ideen als Kapazitäten, diese umzusetzen.

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Britta Klocke
  • Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST
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