Ob es sich um Detektionsalgorithmen in der Medizin oder Methoden in der Wirtschaftsinformatik dreht, um Simulationen für das Risikomanagement bei Großschadensfällen oder effiziente Kooperationssysteme – beim Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT steht der Mensch im Vordergrund und das schon seit 35 Jahren. Vier Mitarbeiter des Instituts erzählen jetzt ihre Geschichte und geben spannende Einblicke in ihre Erfahrungen und Aufgabenbereiche:

Foto von Prof. Dr. Stefan Decker
Prof. Dr. Stefan Decker Bild: Fraunhofer IUK

Herr Professor Decker – Sie haben bereits seit dem Jahr 2015 an der Seite von Herrn Professor Matthias Jarke das Fraunhofer FIT geleitet und jetzt die geschäftsführende Leitung übernommen. Wie hat sich dadurch ihr Alltag verändert?

In Irland habe ich ebenfalls ein Institut geleitet und eine Professur an der National University of Ireland innegehabt, aber die ganze Organisation war kompakter, die Aufgabenbereiche identisch und die Infrastruktur der Region erheblich überschaubarer. Jetzt in Deutschland, speziell in Aachen dem Standort der RWTH ist nicht nur die Einwohnerzahl höher und die Nähe zu Brüssel gegeben. Das deutsche Regelsystem hat mehr Bürokratie, aber ich weiß auch die hiesige Stabilität und Forschungssicherheit zu schätzen. Jetzt habe ich seit dem 1. Juli die geschäftsführende Leitung eines Fraunhofer-Instituts mit annähernd 200 Mitarbeitern inne und meine Professur an der renommierten RWTH Aachen. Das gelingt auch deshalb, da mich ein tolles Team umgibt, das mich weitestgehend von administrativen Aufgaben befreit. An der RWTH muss viel Administration an den einzelnen Lehrstühlen erledigt werden. Hinzukommt, dass ich Dagstuhl-Seminare initiiere und leite und neue Impulse setzen will, z.B. in der Medizininformatik oder in der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen wie den Nationalbibliotheken. Gäbe es künftig einen komplett freien Tag am Institut würde ich sehr gerne wieder einmal tiefere Gespräche mit unseren Mitarbeitern führen, da ich so noch am meisten über das Institut lerne – als Professor geht es mir mit meinen engagierten Studierenden genauso.

Welche Vision haben Sie für die Zukunft des Instituts? Was ist geplant?

Ich möchte auf der Basis der tollen 18-jährigen Institutsleitung meines Vorgängers, Herr Professor Jarke, weiter die Stärken des Instituts herausstellen und dessen Profil schärfen. Hier kann ich auf die bis zu 50 Jahre Erfahrung der ersten Forschungsgruppen zurückgreifen und mich an den seitdem von uns entwickelten menschenfokussierten Digitalisierungs­lösungen orientieren. Jetzt möchte ich die Erfahrungen aus meiner vorherigen Institutsarbeit in Irland nutzen, um die international anerkannten Kernkompetenzen des Fraunhofer FIT herauszustellen, die interne Kommunikation weiter zu verbessern und auch meine Hauptthemengebiete der Linked Data und des Semantic Web auf das Institut anzuwenden. Diese habe ich in meiner Zeit in den USA und Irland mit etabliert. Sie sollen jetzt auch verstärkt am Institut ausgebaut und in Verbindung mit bereits bestehenden Projekten wie dem Medical oder Industrial Data Space nutzbar gemacht werden. Gerade auf europäischer Ebene, etwa bei der European Open Science Cloud oder der dortigen GO-FAIR Initiative sehe ich viele Anknüpfungspunkte und entsprechendes Ausbaupotenzial für uns. Hinzu kommt der Wunsch nach einer noch engeren Kooperation mit Studierenden und universitären Kollegen mit dem Institut, die sich schon seit Jahrzehnten als erfolgreich erwiesen hat. Deswegen wollen wir demnächst im Zuge verschiedener Initiativen in den Bereichen Digitalisierung, Energie und Mobilität auch einen Standort des Fraunhofer FIT in Aachen eröffnen.

Foto von Deniz Weißbrodt
Deniz Weißbrodt Bild: Fraunhofer IUK

Frau Weißbrodt – was hat Sie dazu veranlasst Ihr studentisches Praktikum in der Abteilung »Biomolekulare optische Systeme - BIOMOS« am Fraunhofer FIT zu absolvieren? Was macht Ihnen dabei besondere Freude?

Wichtig waren dabei definitiv die sehr kollegiale Atmosphäre und die engagierten Kollegen – es gibt hier beispielsweise das Science Café, bei dem die Mitarbeiter einmal pro Monat zusammenkommen, um sich auszutauschen. Dieses Engagement habe ich schon während der Bewerbung zu schätzen gewusst. Kristian Berwanger und Benjamin Greiner haben sich mit mir zusammengesetzt, viel Geduld bei meinem Anliegen gezeigt und sind schließlich meine Betreuer geworden. Ich war früher auch schon als Werkstudentin bei der Institutsausgründung »LOCALITE« tätig und auf die Abteilung »BIOMOS« gestoßen.´In meinem breitgefächerten Studium für biomedizinische Technik ist der allgemeine Hauptschwerpunkt zwar Elektrotechnik, aber es gibt auch viele andere Elemente, wie Maschinenbau, Physik und das Arbeiten mit unterschiedlichen Programmiersprachen. Ich habe mich auch schon mit der Biosignalverarbeitung im Körper auseinandergesetzt. Dadurch habe ich einen leichteren Zugang zu den Praktikumsthemen erhalten, bei denen es um die Nutzung einer speziellen Programmiersprache bei der Verarbeitung von durch Raman-Spektroskopie produzierte Daten ging. Diese spezifische Spektroskopie kann etwa in der Medizin oder Pharmazie eingesetzt werden, um markerfrei bestimmte Stoffe im Körper präzise mit weniger Aufwand zu identifizieren. Ich habe mich dann im Büro darum gekümmert, die verwendeten Algorithmen so zu verbessern, dass schlussendlich sinnvolle Spektroskopiewerte vorlagen. Das war genauso neu für mich wie die betreute Arbeit im Labor, aber dadurch, dass am Institut generell eine sehr interdisziplinäre Atmosphäre herrscht, habe ich mich schnell zurechtgefunden.

Jetzt schreiben Sie sogar Ihre Bachelorarbeit am Institut – wie ist es zu Ihrer Entscheidung gekommen? Können Sie sich vorstellen, danach weiter am Institut zu arbeiten – wenn ja: Warum?

Zwar ist es oft so, dass das studentische Pflichtpraktikum oft mit dem thematisch verbundenen Schreiben der Bachelorarbeit verbunden ist. Die Entscheidung, sie am Fraunhofer FIT zu schreiben, fiel mir aufgrund der interessanten Arbeitsumgebung aber wieder besonders leicht. Ich kann hier in andere Fachbereiche hineinschauen, forschungsrelevante Geräte ausprobieren und mich so weiterbilden und spezialisieren. Dabei möchte ich gerne im Bereich der Raman-Spektroskopie weiterforschen – das ist manchmal wie detektivische Arbeit: Man muss viele Informationen, also die Messergebnisse auslesen und die unnützen von den zu verwertenden trennen. Das stellt auch deshalb einen wichtigen Teil der Grundlagenforschung dar, da die Methode keinesfalls perfekt ist. Es müssen beispielsweise weiterhin Störsignale reduziert und selbst entstehende Fluoreszenzsignale eliminiert werden. Ausgehend von dem, was ich bisher erlebt habe, würde ich auch nach meiner Bachelorarbeit sehr gerne weiter am Institut bleiben – unter anderem deshalb, weil ich nicht nur auf Kollegen getroffen bin, die sich Zeit nehmen, sondern immer wieder praktische Einsicht in deren spannende Berufsfelder wie Biologie, Mathematik und Informatik bekomme.

Foto von Erion Elmasllari
Erion Elmasllari Bild: Fraunhofer IUK

Herr Elmasllari – wodurch zeichnet sich Ihre Arbeit im Forschungsbereich »User-Centered Computing« aus und was fasziniert sie daran?

Jeder Technologienutzer hat spezielle Wünsche, die für sie oder ihn im Vordergrund stehen. Das sind zum Beispiel Entertainment, Effizienzsteigerung oder Weiterbildung. Keiner nutzt Technologie nur um »Technologie zu benutzen«. Die Kunst ist es, Technologien so zu gestalten, dass sie sich an die Bedürfnisse der Nutzer anpassen – nicht andersherum. Nachdem ich meinen Bachelor in Computer Science an der Amerikanischen Universität in Bulgarien absolviert hatte, wusste ich davon noch recht wenig. Das zeigte sich dann bei dem ersten großen Auftrag für das Steueramt in Albanien: Wir hatten eine komplexe Software programmiert, die auch funktionierte, aber die zuständige Mitarbeiterin war damit völlig überfordert. Dort habe ich realisiert, wie wichtig es ist, auf die Nutzerbedürfnisse zu achten. Das wird besonders dann wichtig, wenn es um Systemlösungen geht, von denen Leben oder große materielle Werte abhängen und bei denen die Benutzung zeitkritisch ist, wie beim EU-Projekt »BRIDGE«. Dort beschäftigte ich mich mit dem »Massenanfall von Verletzten«. Dabei wird schnell eine Priorisierung über die Bedürftigkeit der Verletzten vor Ort durchgeführt. In solchen Stresssituationen muss dann sofort alles benutzergerecht sein und funktionieren.

Im Fraunhofer FIT beschäftigen wir uns aber auch mit komplexen Systemen in Fabriken oder Produktionsstätten. Wenn dort jemand einen falschen Befehl gibt, können komplette Produktionsrunden zum Erliegen kommen und hohe Kosten entstehen. Wir nutzen mehrere Methoden, um an solche Probleme heranzu­gehen, aber meine liebste ist die sogenannte teilnehmende Beobachtung. Ein Beispiel: Bei einem simulierten Feuerwehreinsatz ging es um einen Tunnelbrand mit viel Rauch. Ein Seil war von einem Ende des Tunnels zum anderen gespannt – man musste den Tunnel daran einfach nur durchqueren. Ich dachte mir: Wie schwer kann es sein, an einem Seil geradeaus durch einen geraden Tunnel zu gehen? Im Endeffekt kam ich trotzdem wieder am Eingang statt am Ausgang des Tunnels heraus. Das hat mir gezeigt, wie viel Aufmerksamkeit schon für die Orientierung benötigt wird und wie wenige Kapazitäten für andere Aktionen zur Verfügung stehen. Solche Interaktionen mit Nutzern an deren Arbeitsplatz sind immer unglaublich spannend für mich. Darum sage ich oft zu meinen Kollegen: Ich werde bezahlt, um Spaß zu haben.

Wie kamen Sie dazu, im Jahr 2011 beim Fraunhofer FIT Ihre Arbeit aufzunehmen? Gibt es Überschneidungen im Hinblick auf Ihre vorherigen Tätigkeiten?

Nach meinem Bachelor-Studium habe ich sieben Jahre lang in der Industrie im Bereich Software Engineering und IT-Management gearbeitet, hatte meine eigene Firma in Albanien und kam dann nach Aachen, um meinen Master an der RWTH Aachen zu machen. Ich betrachte mich daher gerne als eine Brücke oder einen Übersetzer zwischen den Mentalitäten im Software Engineering und nutzerzentrierten Design und Entwicklung. Der im Ausland gängige Stereotyp, dass die Deutschen etwas kühl seien, hat sich überhaupt nicht bestätigt: Ich wurde am Institut herzlich aufgenommen. Nur die deutsche Bürokratie macht mir immer noch zu schaffen. Am Fraunhofer FIT genieße ich wie bei meinen vorherigen Tätigkeiten viel Entscheidungsfreiheit – wie früher habe ich meinen eigenen Arbeitsbereich und meine Vorgesetzten sind kooperativ statt einschränkend. Eines hat sich jedoch in den letzten sieben Jahren klar geändert: Als ich in meiner Abteilung angefangen habe, war ich einer der wenigen, die einen so strengen Fokus auf das »User Centered Design« hatten. Nach meinem Gefühl hat inzwischen die Mehrheit der Mitarbeiter eine solche Perspektive.

Foto von Hannah Kuhlmann
Hannah Kuhlmann Bild: Fraunhofer IUK

Frau Kuhlmann – was hat Sie dazu veranlasst, als Mitarbeiterin der Öffentlichkeitsarbeit am Fraunhofer FIT tätig zu werden und was motiviert Sie an Ihrer Arbeit?

Ich habe zunächst »Technikjournalismus und PR« studiert, da das Journalistische für mich schon immer einen besonderen Reiz hatte. Die ingenieurswissenschaftlichen Themen stellten anfangs zwar eine Herausforderung dar, aber meine Neugierde danach, tiefer in die technischen Aspekte der Wissenschaftswelt einzutauchen, war immer größer. Als ich an einem Online-Artikel für meine damalige Hochschule arbeitete, kooperierte ich erstmals mit dem Fraunhofer FIT und war danach in der Abteilung User-Centered Ubiquitous Computing als studentische Hilfskraft tätig. So bin ich im Bereich der Wissenschafts­kommunikation gelandet und beschäftigte mich insbesondere mit der Außenkommunikation von wissenschaftlichen Forschungs­einrichtungen, worüber ich am Institut auch meine Bachelorarbeit geschrieben habe. Dadurch erkannte ich, dass viele Wissenschaftler mit unglaublich viel Leidenschaft in ihren Projekten arbeiten, es ihnen aber oft schwerfällt, die Inhalte wirksam nach außen zu kommunizieren. Letzteres zu ändern und in die vielen Themen persönlich eintauchen zu können, stellt eine wesentliche Motivation für meine jetzige Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin dar.

In der Öffentlichkeitsarbeit sind Sie ein Bindeglied zwischen externer und interner Kommunikation, was die Arbeit hochanspruchsvoll macht – wie war es, vor kurzem als wissenschaftliche Mitarbeiterin Ihre neue Arbeit am Fraunhofer FIT aufzunehmen? Was hat sich dadurch für Sie geändert?

Vor allem mein Aufgabenbereich ist gewachsen. Als ich die Vollzeitstelle am Institut im April begonnen habe, sah ich mich vor allem in einer vermittelnden Position zwischen meiner Abteilung mit ungefähr 30 Mitarbeitern und Alex Deeg, dem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit, dem ich bei Aufgaben für die Außenkommunikation zuarbeite. Da dieser aber vor allem mit der Außenkommunikation sehr ausgelastet ist, bot sich für mich die Chance, thematisch tiefer in die Projektarbeit einzutauchen und selber spezielle Themen und Projekte zu fördern, die sonst vielleicht unterrepräsentiert wären. Das zeigt sich beispielsweise bei dem vom BMWi geförderten Transferprojekt für die Digitalisierung des deutschen Mittelstands – das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum eStandards, auf das ich ungefähr 50 Prozent meiner Arbeitszeit aufwende. Dort bin ich zum einen inhaltlich als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig, aber auch für die Öffentlichkeitsarbeit des Projektes seitens des Instituts verantwortlich. Durch meine Präsenz im Projekt hat sich wiederum meine Perspektive verändert: Ich verstehe, warum es manchmal schwierig ist, bestimmte Informationen direkt nach außen zu kommunizieren, warum viele Wissenschaftler dafür auch gar nicht die nötige Zeit besitzen oder weshalb sie nicht sofort den Nutzen der externen Wissenschaftskommunikation erkennen. Darum helfe ich ihnen, die komplexen Inhalte für die Öffentlichkeit aufzuarbeiten und greifbar zu machen.

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