Beim Bundeswettbewerb für Informatik treten jährlich informatikbegeisterte Jugendliche im intellektuellen Wettbewerb gegeneinander an. In drei Runden werden den Teilnehmer*innen knifflige Aufgaben rund um das Fachgebiet Informatik gestellt. Während die Jugendlichen die Aufgaben in der ersten Runde noch gemeinsam bearbeiten, sind sie in Runde zwei und drei auf sich allein gestellt. Auch nach dem Wettbewerb bleiben viele dem Fachgebiet treu. Wo genau sie heute stehen und welcher Weg sie dorthin gebracht hat, hier im Interview.

Thorsten Joachims, Professor Computer Science, Cornell University Bild: privat

Hallo Herr Joachims! Sie haben 1991, also vor mittlerweile 31 Jahren den Bundeswettbewerb Informatik gewonnen – wie sind Sie damals dazu gekommen?

Ich habe damals über die Schule davon erfahren. Mein Lehrer hatte uns die Teilnahme vorgeschlagen und wir fanden es interessant. Bei meiner ersten Teilnahme war ich Preisträger bzw. habe ich damals den zweiten Preis gewonnen. Dann habe ich das Jahr darauf direkt noch mal teilgenommen, weil mir der Wettbewerb mit allem Drum und Dran sehr viel Spaß gemacht hat und ich die Materie wahnsinnig spannend fand.

 

Wie war der Wettbewerb damals, für Sie persönlich?

Zu der Zeit konnte ich zwar nicht viel Informatik, aber schon allein durch logisches Denken, Ausprobieren und Tüfteln konnte man sich interessante Algorithmen ausdenken. Das hat mich damals schon fasziniert!

Grundsätzlich war bei dem Wettbewerb eine Menge Energie da, vor allem in der letzten Runde waren alle sehr aufgeregt und motiviert. Es war aber schon auch ein bisschen überwältigend. Ich war außerdem ganz schön nervös, weil ich einen Vortrag halten musste. Und das hatte ich noch nie vorher gemacht! Da hatte ich einen ziemlich flauen Magen.

 

Und mittlerweile sind Sie als Professor an der Cornell Universität tätig. Wie sind Sie denn dahingekommen?

Ich denke, dass der BWINF meinen Lebensweg da beeinflusst hat: Die Preisträger*innen oder Sieger*innen des damaligen BWINF durften ein Praktikum bei IBM machen. Die Chance habe ich wahrgenommen und dort habe ich dann, zusammen mit einem Professor und einem Mitarbeiter von IBM, an einer Inferenzmaschine gearbeitet. Das hat mir viel Spaß gemacht, und darüber hinaus konnte ich die Beiden danach bitten, dass sie für mich ein Empfehlungsschreiben verfassen. Im sechsten Studiensemester habe ich dann von der Rotary Foundation ein Stipendium gekriegt, um für ein Jahr in die USA zu gehen. Dort durfte ich dann später mit einem der führenden Wissenschaftler von der Carnegie Mellon University zusammenarbeiten. Das hat mich im Endeffekt auf die wissenschaftliche Bahn gebracht. Sowas ist ja oftmals und war auch in meinem Fall eine lange Kette von Kausalzusammenhängen. Aber ich weiß nicht, ob ich da wäre, wo ich heute bin, wenn ich nicht beim BWINF teilgenommen hätte.

Tobias Polley, Geschäftsführer, predic8 GmbH Bild: privat

Hallo Herr Polley, schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben! Was war damals Ihre Motivation, am BWINF teilzunehmen?

Was mich an Informatik schon immer fasziniert hat, ist, dass es ein bisschen so wie das Lösen von Puzzeln ist. Oder wie Lego bauen! Nur ist Informatik eigentlich noch besser, weil einem beim Programmieren nie die Steine ausgehen, wenn man aus Codezeilen Gebäude zusammenbaut. Ich wollte tiefer in den Themenbereich eintauchen und habe deswegen am BWINF teilgenommen.

 

Wie haben Sie die Stimmung beim BWINF damals wahrgenommen?

Die Stimmung war wahnsinnig gut! Am Abend vor dem Wettbewerb gab es bereits ein gemeinsames Essen, bei dem man sich beschnuppern konnte, wo sogar die Prüfer*innen mit dabeisaßen. Da hat man schnell gemeinsame Themen gefunden, über die man sich austauschen konnte. Die fachliche Beschäftigung mit demselben Thema gibt einfach einen gemeinsamen Hintergrund, durch den man auf einer ähnlichen Wellenlänge unterwegs ist.

 

Was ist Ihrer Meinung nach das Wertvollste am BWINF?

Die Kontakte. Wenn man beim BWINF gewinnt, kommt man in die Studienstiftung des deutschen Volkes. Daneben gibt es den Alumni-Verein der Ehemaligen. Beides war für mich sehr bereichernd! Ich habe die Studienstiftung tatsächlich vor allem dazu genutzt, mit Leuten aus anderen Studien- und Fachbereichen über spannende Themen zu diskutieren, das hat mich weitergebracht. Im Alumni Verein habe ich außerdem viele gute Freund*innen kennengelernt, die ebenfalls mal am BWINF teilgenommen haben. Einer davon war sogar mein Trauzeuge!


Was wäre Ihr Tipp an junge Leute, die sich nicht trauen, Informatik oder Mathematik zu studieren?

Dass es wahnsinnig wichtig ist, Spaß bei der Sache zu haben! Ehrlich gesagt, wenn man dabei keinen Spaß hat, dann ist das Fach vielleicht auch nichts für einen. Gleichzeitig würde ich aber sagen: Wenn es einem Spaß macht, dann sollte man sich auf gar keinen Fall davon beeinflussen lassen, dass es andere Leute gibt, die es besser können als man selbst. Die gibt es fast immer! Das sollte auf keinen Fall ein Hindernis sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Agnes Totschnig, Studentin, McGill Universität Bild: privat

Hallo Agnes! Du hast vor drei Jahren beim BWINF gewonnen, damals hast du grade Abitur gemacht. Kannst du ein bisschen von der Veranstaltung berichten? Was ist dir persönlich im Gedächtnis geblieben?

Die Veranstaltung zog sich über mehrere Tage und war als Mischung aus Interviews und Aufgaben lösen konzipiert. Vor allem während der Interviews habe ich gemerkt, wie facettenreich Informatik sein kann: Nicht nur Leute aus dem akademischen Bereich oder der Industrie befassen sich mit dem Thema, sondern auch Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus! Außerdem hat die Einstellung der Teilnehmer*innen zum Wettbewerb mir imponiert. Fast niemand dort hatte so eine „Ich muss das jetzt hier gewinnen“-Einstellung, es ging mehr darum, etwas Neues zu lernen. Bei mir war das auch so. Auch schon vor Bekanntgabe der Ergebnisse war ich wahnsinnig begeistert von dem Wettbewerb, weil ich den ganzen Tagen so viel gelernt habe.

 

Erinnerst du dich noch daran, was für Aufgaben gestellt wurden?

Es gab unterschiedliche Aufgabentypen. In der ersten Runde sollten wir beispielsweise einem Mädchen helfen, herauszufinden, wie spät sie aufstehen kann, um noch rechtzeitig den Bus zur Schule zu erwischen. Wir hatten die Position von ihrem Haus gegeben und die Position der nahegelegenen Straße, an der der Bus entlangfährt. Aber es gab keine konkrete Haltestation, das Mädchen konnte den Bus irgendwo an der Straße nehmen. Und dann gab es am Straßenrand noch ein Feld mit Hindernissen, an denen sie auf dem Weg zum Bus vorbeilaufen musste. Das Spannende an der Aufgabe war für mich, dass man so viele Faktoren bedenken musste: Wenn man den Bus früher nimmt, ist der Fußweg zwar kürzer, aber der Bus früher da. Wenn man den Bus weiter weg erwischt, dann kommt der dort zwar auch später, aber dann ist der Weg dorthin eben auch weiter. Das hat die Sache sehr komplex gemacht.

 

Die Anzahl der Frauen in der Informatik ist noch gering, genauso wie der Anteil an Siegerinnen beim BWINF. Was waren bisher deine Erfahrungen als Frau in der Informatik? 

Vermutlich zweifle ich schon mehr an meinen Kapazitäten und bin nicht ganz so selbstbewusst sozialisiert worden, wie viele Jungs das sind. Grundsätzlich muss ich aber sagen, dass die Informatik ein ziemlich inklusiver Bereich ist. Ich kann mich nicht erinnern, da als Frau stark benachteiligt worden zu sein. Was mir positiv aufgefallen ist, ist dass die wenigen Mädchen, die es im Studium dann gibt, schon zusammenrücken - wenn ich nur eine von zwei Frauen im Kurs bin, teilt man doch eine gemeinsame Basis.

 

Hast du eine Botschaft an junge Mädchen oder generell Menschen, die sich nicht trauen Mathematik oder Informatik zu studieren?

Auf jeden Fall am Bundeswettbewerb für Informatik teilnehmen! Am besten mit Freund*innen oder, falls man keine informatikbegeisterten Leute kennt, einfach dort versuchen, jemanden zu finden. Wichtig ist auch, dass es nicht darum geht, wie viel man vorher schon weiß, sondern darum, was man dort lernt. Man darf gar nicht erst anfangen, zu denken, dass man entweder gut ist oder nicht gut. Man muss sich die Chance geben, einfach mal Sachen auszuprobieren. Man kann immer noch dazulernen und immer mehr entdecken und das kann richtig Spaß machen.

(che)

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Henning Köhler
  • Fraunhofer-Verbund IUK-Technologie
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