Vom 26. bis 29. Oktober 2020 fanden die Fraunhofer Solution Days statt – die erste vollkommen digitale Fraunhofer-Messe. Zu verschiedenen Themenfeldern konnten Besucher*innen Vorträge über aktuelle technologische Highlights besuchen, sich an virtuellen Ständen umschauen oder mit Fraunhofer-Wissenschaftler*innen in Kontakt treten. Doch wie wird eine digitale Messe konzipiert? Was gab es bei der Ausführung zu beachten und wie fiel die Wirkung aus? Susanne Pichotta, zusammen mit Christine Strughold und Franziska Kowalewski für Messen der Fraunhofer-Gesellschaft zuständig, berichtet im Interview.

Frau Pichotta, die Fraunhofer Solution Days entstanden eigentlich aus der Not heraus, denn die Covid-19-Pandemie verhinderte im gesamten Jahr 2020 die Durchführung von Präsenzmessen. Hätte es unter anderen Umständen trotzdem diese digitale Messe oder ein entsprechendes vor-Ort-Pendant gegeben?

Das ist absolut richtig. Wir mussten etliche Präsenzmessen für den Herbst 2020 absagen und uns schon früh über Alternativen Gedanken machen, denn unseren Instituten keine Plattform zu bieten, auf der sie mit potentiellen Kund*innen und Partnern in Kontakt treten können, kam für uns nicht in Frage.

Deswegen haben wir uns für die digitale Messe entschieden und uns hierbei auch auf die Themenbereiche konzentriert, die im Herbst bei Präsenzmessen vertreten gewesen wären. Ich denke, dass die aktuelle Situation die Entwicklung hierhingehend extrem beschleunigt hat. Sicherlich hätte es 2020 sonst kein digitales Pendant zu einer bestehenden Messe gegeben. Bis wir so ein Format genutzt hätten, wären vermutlich noch fünf bis sechs Jahre vergangen.

Welche Message möchte Fraunhofer mit so einer rein digitalen Messe vermitteln?

Bereits seit Beginn der Corona-Pandemie gibt es bei Fraunhofer die Kampagne »#WeKnowHow Fraunhofer vs. Corona«. Hier haben wir uns mit unserer Messe eingegliedert. Tatsächlich bestand ursprünglich die Idee, den Zusatz »vs. Corona« fallen zu lassen und die Veranstaltung als einen Weg aus der Krise hinaus zu zeigen. Die Zeit hat uns dann leider gezeigt, dass es dafür noch zu früh war.
Unsere Kernbotschaft, die auch von Professor Neugebauer in der Keynote angesprochen wurde, war, dass wir die Technologieführerschaft von Deutschland vorantreiben möchten. Wir wollen deutsche Firmen unterstützen – und das teilweise mit schon sehr konkreten Lösungen, die sich beispielsweise auf die Flexibilisierung von Lieferketten beziehen. Außerdem haben wir Ideen zu digitalen Laboren präsentiert und gezeigt, wie Arbeit auch in der Produktion digital gestalten werden kann.

Es war uns sehr wichtig, breit gefächert Lösungen zu präsentieren, mit denen heute schon gearbeitet werden kann, aber auch solche, die in Zukunft wichtig sein werden.
Ziel war natürlich auch, diese Technologie an die Kund*innen und an die deutsche Wirtschaft zu tragen.

Digitale Messe versus Präsenzmesse: Was waren die Unterschiede bei der Vorbereitung? Wann haben Sie damit angefangen?

Schon als die ersten Messen im Frühjahr 2020 abgesagt wurden, haben wir begonnen, uns intensiv mit digitalen Formaten zu beschäftigt. Wir sind selbst auf zig digitalen Messen gewesen, um uns diese anzusehen und haben an zahlreichen Webinaren teilgenommen.
Bis wir dann eine Vorstellung davon hatten, was wir gerne anbieten möchten und wie eine digitale Fraunhofer-Messe aussehen könnte, hat es so zwei bis drei Monate gedauert.

Die richtige Plattform zu finden, war eine besondere Herausforderung. Denn es gibt sehr viele und sehr unterschiedliche Anbieter und Möglichkeiten und eine solche Komponente war für uns in der Messeplanung neu. Auf jeden Fall mussten wir einen guten Datenschutz gewährleisten und sicherstellen, dass die Server des Anbieters in Europa stehen.
Aber auch die restliche Vorbereitung war anders als sonst, denn bei einer digitalen Messe muss man sehr viel genauer planen. Anders als bei einer normalen Messe kann bei einer solchen Veranstaltung nicht einfach ein Podest zwanzig Zentimeter nach links oder rechts gerückt werden. Jedes Detail muss vorher programmiert werden. Das heißt, dass auch kurzfristige Änderungen nicht wirklich möglich sind.

Thematisch muss man sich bei der Vorbereitung zudem wesentlich stärker fokussieren und man kann nicht allzu viele Inhalte unterbringen. Die Aufmerksamkeitsspanne im digitalen Bereich ist nicht so groß, Besucher*innen neigen auch ganz gerne dazu, gedanklich abzudriften. Sprich, nur weil der oder die Besucher*in den Tab geöffnet hat, heißt das noch lange nicht, dass er oder sie die Ausstellung auch wirklich wahrnimmt.

Das klingt nach einer großen Umstellung. Welche Vor- und Nachteile sehen Sie denn in Hinblick auf so eine Online-Messe und haben Sie schon im Vorfeld versucht, die bekannten Nachteile zu kompensieren?

Da es unsere erste rein digitale Messe war, ist ein richtiger Vergleich aktuell natürlich noch schwierig. Ein großer Vorteil ist aber definitiv, dass die vorbereiteten Inhalte – zum Beispiel Filme über Exponate oder Vorträge – wiederverwertbar sind. Die Plattform ist ja auch weiterhin offen und kann auch im Nachhinein noch besucht werden. Dementsprechend hat die Messe einen deutlich längeren Nachhall. Ein weiterer Vorteil ist, dass man auch Leute erreichen kann, die nicht reisen können oder wollen. Die Informationsdichte selbst ist auch wesentlich höher.

Allerdings ist die Verweildauer auf der Plattform vermutlich nicht so hoch. Wenn man eine Präsenzmesse besucht, verbringt man oft den ganzen Tag dort, schaut sich verschiedene Stände an – auch solche, die man vorher vielleicht nicht auf dem Schirm hatte. Bei einer Online-Messe kann man sich hingegen ganz genau aussuchen, welche Themen zu welchen Zeiten einen interessieren. So entgehen den Messebesuchenden weitere spannende Programmpunkte.
Der größte Nachteil ist ganz klar der fehlende persönliche Kontakt. Wir hatten zwar verschiedene Optionen, um wenigstens ein bisschen Interaktion anzubieten, aber das lief noch nicht ganz optimal.

Wie fühlt es sich an, wenn man Kund*innen und Interessent*innen nicht sehen und direkt ansprechen kann? Wie verändert das die Interaktion?

Das ist natürlich ein großes Problem. Kund*innen sind nur noch Namen. Man weiß nicht, wer er oder sie ist, von welcher Firma die Person kommt und welches Anliegen möglicherweise mitgebracht wird. So wird es schwieriger, den Dialog zu eröffnen. Wir hatten zwar eine Chatfunktion, über die Messeteilnehmer*innen mit unseren Wissenschaftler*innen in Kontakt treten konnten, aber von dieser Funktion wurde eher bei den Vorträgen und weniger an den virtuellen Ständen Gebrauch gemacht. Diese Art der Kommunikation ist noch recht ungewohnt – zumindest für unsere Zielgruppe. Viele Besucher*innen haben die Messe letztendlich zur reinen Informationsbeschaffung genutzt und werden sich dann vermutlich erst im Nachgang bei den Instituten melden.

Es dauert wohl noch etwas, bis sich sowohl das Standpersonal als auch die Besucher*innen an die neuen Funktionen gewöhnt haben.
Zudem gab es auch auf technischer Seite einige Hürden, da z.B. die Einhaltung strikter Datenschutzregeln gewährleistet sein musste.

Kann eine digitale Messe denn letztendlich trotzdem auffangen, was eine Präsenzmesse leistet? Es entfallen ja nicht nur die Gespräche. Auch das Anfassen und Ausprobieren von Exponaten ist nicht möglich.

Grundsätzlich hat eine digitale Messe wohl ein anderes Ziel und ein andere Daseins-Berechtigung als eine Präsenzmesse. Die Präsenzmessen legen den Fokus auf das Netzwerken, bei einer virtuellen Messe steht die Informationsvermittlung mehr im Vordergrund.

Trotzdem besteht aber auch virtuell die Möglichkeit, ein gewisses Messegefühl herzustellen. Die Frage ist immer: Wie leicht macht man es den Besucher*innen, einen Einstieg in die Messe zu finden und soll der Fokus auf den Informationen oder dem spielerischen Charakter liegen. Nicht jeder mag es, durch virtuelle Räume laufen zu müssen.
Die Plattform, mit der wir gearbeitet haben, hat solche Gamification-Aspekte allerdings auch nicht hergegeben. Hier war maximal die Darstellung von 3D-Exponaten im Rahmen des Möglichen. Das heißt, wir mussten vieles basierend auf Filmen und Erklärvideos aufbauen.

Ich schätze aber, dass sich die zur Verfügung stehenden Plattformen schnell weiterentwickeln werden, sodass man zukünftig z.B. mit AR arbeiten kann. Dabei darf aber nicht außer Acht gelassen werden, dass nicht jede Person vor dem heimischen Bildschirm die technischen Anforderungen erfüllen kann, die so etwas benötigen würde. Daran scheiterten bei einigen beispielsweise auch die Videochats.

Haben Sie einen Überblick darüber, wie viele Besucher*innen zu den Fraunhofer Solution Days gekommen sind?

Anhand erster Zahlen konnten wir schon feststellen, dass wir knapp zweitausend Messebesucher*innen in den vier Tagen hatten. Darunter waren auch Industrievertreter. Ich würde meinen, im Schnitt waren etwa sechzig Prozent der Teilnehmer*innen Externe und etwa vierzig Prozent interne Besucher*innen. Dazu muss man aber sagen, dass wir auch großes Interesse an internen Teilnehmer*innen hatten, um die Vernetzung der Institute und Forscher*innen zu unterstützen.

Und wie sieht Ihr allgemeines Fazit zur Messe aus?

Im Großen und Ganzen sind wir mit diesem ersten Aufschlag sehr zufrieden – das Format ist gut angenommen worden. Wir haben – teilweise schon während der Messe – viel positives Feedback erhalten. Jetzt ist es an uns, das Format weiter auszubauen, an der Dauer oder den zeitlichen Abständen zwischen Veranstaltungen zu feilen und uns mehr mit dem Thema Live-Vorträge und Interaktion zu beschäftigen.

Was unterscheidet eine virtuelle Fraunhofer-Messe vielleicht von anderen virtuellen Messen?

Die Menge und die Qualität der Inhalte waren wohl schon unser Aushängeschild und Alleinstellungsmerkmal. Bei Firmen haben die Messen oft eher einen werblichen Charakter. Bei uns war alles sehr intensiv wissenschaftlich und fundiert und ich denke, unsere Qualität ist schon eine Besonderheit. Die Institute haben sich da auch unglaublich engagiert.
Wird Fraunhofer also auch künftig mehr auf digitale Messen bauen – auch, wenn die Pandemie bewältigt sein sollte?
Ich kann mir durchaus vorstellen, dass wir die Fraunhofer Solution Days als regemäßiges Format etablieren. Ebenso denke ich, dass es grundsätzlich mehr digitale Veranstaltungen geben wird, denn unsere Institute haben schließlich auch weltweit Zielgruppen. Für Forscher*innen kann es von Vorteil sein, Kund*innen aus aller Welt zu einem Webinar oder einer Präsentation einladen zu können.

(cst)

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