Mathe ins-π-riert! Unter diesem Motto fand am 28. April 2022 der Girls'Day @ Fraunhofer statt. Seit 20 Jahren motiviert der Girls'Day Mädchen, ihre persönlichen Zukünfte und Fähigkeiten im MINT-Bereich (Mathematik, Ingenieurswesen, Naturwissenschaften und Technik) genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn Frauen sind im MINT-Bereich noch immer deutlich unterrepräsentiert. An dem Aktionstag öffnete der Fraunhofer-Verbund IUK-Technologie seine virtuellen Türen, damit Schülerinnen in die Welt der IT-Forschung eintauchen konnten. 

Seit 2001 findet der Girls'Day jährlich statt. An diesem Zukunftstag können Mädchen ab der fünften Klasse in Berufe reinschnuppern, die ihnen normalerweise aufgrund von gesellschaftlichen Normen vorenthalten bleiben – und das ganz frei von Geschlechterklischees. Denn auch nach über zwanzig Jahren Girls'Day gibt es noch immer zahlreiche Ausbildungsberufe und Studienfächer, in denen Frauen weniger als 40 Prozent des Nachwuchses ausmachen. Gerade im MINT-Bereich – und hier vor allem in den Feldern, die sich mit Informatikthemen befassen – sind Frauen deutlich unterrepräsentiert. Im Rahmen des Girls'Day sammeln die Schülerinnen praktische Erfahrungen, die ihr Selbstbewusstsein und Interesse wecken und ihnen Zukunftsaussichten aus der weiten MINT-Welt aufzeigen.

Der Girls'Day @ Fraunhofer

Mädchen für MINT-Berufe zu begeistern, hat besonders bei der Fraunhofer-Gesellschaft einen hohen Stellenwert, denn Spitzenforschung benötigt Spitzenforscher*innen. Ein Blick auf das Geschlechterverhältnis im wissenschaftlichen Personal aber zeigt, dass Forscherinnen nur einen Anteil von etwa 20 Prozent ausmachen, in leitenden Positionen sind es sogar noch weniger. Massiv verschenktes Potenzial für Fraunhofer, das auf das ungleiche Geschlechterverhältnis in den technischen und wissenschaftlichen Studiengängen und die unzureichende Förderung im Kindesalter zurückgeführt werden kann. Auch für den weiblichen Nachwuchs selbst ist diese Quote tragisch, da ihnen sehr reale Chancen auf Erfolg und Entfaltung in diesen Bereichen vorenthalten bleiben.

Die Gründe dafür sind zahlreich, zwei wichtige sind aber klischeebehaftete und oft unattraktive Darstellungen von wissenschaftlichen Berufen sowie fehlende Rollenvorbilder. Entgegen dem Vorurteil der einsamen Arbeit im stillen Kämmerlein lebt die Forschung tatsächlich vor allem von Kreativität, Teamwork und Empathie. Und obwohl es genug geniale Forscherinnen gibt, die maßgeblich zu hochkarätigen technologischen Errungenschaften beigetragen haben, sind diese oftmals nicht sichtbar genug und können daher nicht als Vorbilder für potenzielle Nachwuchsforscherinnen dienen. Diese Zugangshürden aufzulösen hat sich der Fraunhofer-Verbund IUK-Technologie mit dem Girls'Day @ Fraunhofer zur Aufgabe gemacht.

Virtuelle Botschaften

Wie bereits im Pandemiejahr 2021 fand auch der Girls'Day @ Fraunhofer 2022 online statt. Aufbauend auf den Lektionen des letzten Jahres schuf der IUK-Verbund eine digitale Plattform, auf denen sich die Teilnehmerinnen wie auf einer virtuellen Messe zwischen verschiedenen Räumen frei bewegen konnten, um gemeinsam zu lernen, zu staunen und zu interagieren. In den Räumen stand den Schülerinnen ein vielfältiges Angebot an Lern- und Ausprobierinhalten offen, aus dem sie sich ihren Zukunftstag selbst zusammenstellen konnten. Nur einen fixen Programmpunkt gab es: Der Eröffnungs-Livestream mit den Moderatorinnen Lisa und Miriam vom Fraunhofer-Verbund IUK-Technologie.

Beim Girls'Day @ Fraunhofer 2022 haben die Organisator*innen zwei Ziele verfolgt. Erstens sollte die große Bandbreite an spannenden Themen greifbar gemacht werden, die unter den abstrakten Begriff IT-Forschung fallen. Entgegen allen Vorurteilen gibt es bei Fraunhofer nahezu unendlich viele Möglichkeiten, um mit IT-Forschungsarbeit die Welt zu verbessern und sich dabei selbst zu verwirklichen. Außerdem wollte Fraunhofer mit echten weiblichen Vorbildern zeigen, was für Typen von Frauen den kreativen und kooperativen Tätigkeiten im MINT-Bereich tatsächlich nachgehen. Lisa und Miriam haben sich deshalb drei Vertreterinnen in den Livestream eingeladen, allesamt mit MINT-Studium in der Tasche, aber aktuell in den unterschiedlichsten Berufen aktiv.

Ein kreatives Programm

Mit Henrike Stephanie vom Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik ITWM war die klassische wissenschaftliche Karriere vertreten. Ganz am Anfang ihrer Reise hingegen war die zwanzigjährige Emely Janke, duale Studentin am Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE. Dass MINT und Kreativität Hand in Hand gehen, bewies die erfolgreiche Youtuberin Susanne Scherer – besser bekannt als MathemaTrick. Die drei Frauen berichteten von ihren Werdegängen und ihrem Berufsalltag. Ausgiebig wurde von den Teilnehmerinnen auch die Möglichkeit genutzt, live im Chat Fragen zu stellen. Henrike, Emely und Susanne beantworteten allerlei Fragen von »Wie viel verdient man als Wissenschaftlerin/Youtuberin?« über »Wie wart ihr in Mathe?« bis hin zu »Hast du neben der Arbeit genug Zeit für deine Freunde?«.  »Eine offene Fragenrunde ist sehr ansprechend für die Teilnehmerinnen und im Fragenchat trauen sich viel mehr Mädchen, offen ihre Fragen zu stellen«, meint dazu Miriam Boos. Das Auftakt-Interview kann hier noch einmal angeschaut werden.

Im Anschluss wurden die »Bühnen« zum Schauplatz für die Live-Vorträge der teilnehmenden Fraunhofer-Institute. Vertreten waren die Fraunhofer-Institute FOKUS, ISST, AISEC, IKS, IESE, ITWM, IPA und IAO. Das Forschungszentrum ATHENE wurde durch die Fraunhofer-Institute IGD und SIT repräsentiert. In den Live-Vorträgen konnten die Mädchen in vielfältige Themenwelten eintauchen, die sich von Bilderkennung im Medizinbereich über Datenschutz in Social Media bis hin zu Anwendungen von Quantencomputern erstreckten.

Für alle, die gerne selbst Hand anlegen, gab es die sogenannten »Labs«, in denen die Institute in interaktiven Formaten ihre IT-Forschung zugänglich machten. Workshops, Videos, Rätsel, Lernspiele. Abstrakte Begriffe wie Data Science, Informatik, Software Engineering haben die Mitarbeiter*innen der Institute mit Inhalt und Leben gefüllt. Und wenn das bunte Programm nicht schon Anreiz genug war, sorgte eine große Schnitzeljagd mit Preispaketen für weiteren Ansporn, alle Räume mindestens einmal unter die Lupe zu nehmen.

Im direkten Austausch

Forschung ist selten eine einsame Einzelleistung und daher sollte der Girls'Day @ Fraunhofer bei den Mädchen als bereicherndes Gemeinschaftserlebnis in Erinnerung bleiben. Dafür gab es einen eigenen moderierten Chatraum, in dem sich über den Tag Dutzende Mädchen ungezwungen ausgetauscht haben. Und in den Chat-Kanälen mit den Forscherinnen glühten die Leitungen mit regen Nachfragen des Nachwuchses zu ihrer Arbeit. Hoch im Kurs bei den Teilnehmerinnen standen vor allem konkrete Praktikums- und Karrieremöglichkeiten bei Fraunhofer.

Eine starke Resonanz

Nach dem zweiten virtuellen Girls'Day wird klar, dass mit Online-Events viel mehr Schülerinnen auf einmal erreicht werden können, als vor Ort der Fall wäre. Technikinteressierte Mädchen aus ganz Deutschland (und sogar Spanien) konnten problemlos teilnehmen, auch wenn in ihren Regionen keine Girls'Day-Aktionen angeboten wurden. Das war auch erfreulich für die ausstellenden Institute: »Wir haben uns sehr über die Anfrage des IUK-Verbunds gefreut, da wir mit dem virtuellen Girls'Day eine viel größere Reichweite hatten und mehr Mädchen dabei waren als in den vergangenen Jahren in Präsenz in Kaiserslautern«, sagt Esther Packullat vom Fraunhofer ITWM. Im Laufe des Tages besuchten über 260 Teilnehmende aus ganz Deutschland und mehrere Schulklassen die Plattform.

Online-Events sind aber auch mit einem beachtlichen Mehraufwand in der Konzeptionierung, Vorbereitung und Produktion verbunden. Gerade in digitalen Formaten besteht die große Herausforderung darin, die Aufmerksamkeit des jungen Publikums zu halten – eintönige Frontalvorträge reichen da definitiv nicht aus. »Spannende Interviewpartnerinnen sind das A und O und es wird schwierig unsere diesjährigen Gäste beim nächsten Girls'Day zu übertreffen«, stellt Miriam zufrieden fest. Bemerkenswert war auf jeden Fall das Interesse für die Erfahrungen der dualen Studentin Emely. Mit Hinblick auf den nächsten Girls'Day überlegt Miriam weiter: »In Zukunft könnte der Fokus noch mehr auf die jungen Menschen, die bereits bei Fraunhofer arbeiten oder sich sogar noch in der Ausbildung befinden, gelegt werden.«

Die Arbeit geht weiter

Um Berufsklischees aufzulösen und Geschlechterparität in MINT herzustellen braucht es natürlich viel mehr, als sich nur einmal im Jahr am Girls’Day zu beteiligen. Deswegen ist der Fraunhofer-Verbund IUK-Technologie auch in weiteren Kampagnen und Initiativen zum Thema involviert. Die eigene Twitter- Kampagne #IUKHeldinnen beispielsweise stellt über Social Media echte Wissenschaftlerinnen in der Öffentlichkeit als (nahbare) weibliche Rollenvorbilder vor, mit denen Mädchen sich identifizieren und denen sie nacheifern können. In der internen Kampagne »Verbundweite Frauenförderung in MINT-Berufen« werden Erfahrungen der verschiedenen Fraunhofer-Institute gesammelt und gemeinsam Konzepte erarbeitet, die die Unternehmenskultur nachhaltig verändern, Schüler*innen aktiv miteinbeziehen und Recruiting-Prozesse diversifizieren sollen.

 


(jme/the)

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