Ein Jahreswechsel ist immer eine gute Gelegenheit, einen resümierenden Blick zurückzuwerfen und analytisch nach vorn zu schauen. 2014 hat gezeigt, dass sich neue Technologien und damit unsere Lebens- und Arbeitswelten so schnell entwickeln, dass klassische Prozesse der Gesetzgebung, Regulierung und Verwaltung kaum noch Schritt halten können.

2014 war das Jahr, in dem die neue Bundesregierung auf der Basis der großen Koalition ihre Arbeit aufnahm. Dabei zeigte sich schnell, vor welch großen Herausforderungen sie stand, weil viele Themen der Digitalisierung in den Jahren davor nicht mit genügend Nachdruck angegangen wurden. Dass dann die Digitale Agenda 2014-2017 von gleich drei Ministerien entwickelt und beschlossen wurde, zeigt dass die Politik die Bedeutung dieses Themas erkannt hat. Sicher ist es auch ein Erfolg, dass 2014 zusätzlich ein eigener Bundestagsausschuss „Digitale Agenda“ eingerichtet wurde. Bleibt zu hoffen, dass diese Konstellation nicht das Tempo behindert, das jetzt nötig ist. Leider blieb die Digitale Agenda viele Antworten in Bezug auf konkrete Maßnahmen, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten schuldig. Diese müssen 2015 in weiteren Initiativen und Gesetzen nachgeliefert und ausformuliert werden. Als eines der ersten steht hier das IT-Sicherheitsgesetz in der Warteschlange. Das ist auch dringend nötig, denn 2014 war auch ein Jahr, das uns den Schutzbedarf von IT-Systemen und Daten vor Augen führte. Aus Apples Cloud-Dienst gestohlene Fotos und spektakuläre Einbrüche in Unternehmensinfrastrukturen, wie kürzlich bei Sony Pictures, und das immer größer sichtbar werdende Ausmaß der Abhörtätigkeiten verschiedener Geheimdienste erinnern uns daran. Wichtig ist, dass hierbei Regelungen gefunden werden, die von ganz Europa mitgetragen werden.

Aber auch in anderen Bereichen gibt es Handlungsbedarf. Die fortschreitende Digitalisierung unserer Gesellschaft erfordert eine informationstechnische Grundbildung aller Menschen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, als mündige Bürger die digitale Gesellschaft mitzugestalten und ihre digitale Souveränität zu behalten. Informatik als Pflichtfach in den Schulen in allen Bundesländern und die rasche Überarbeitung vieler Berufsbilder wären die Voraussetzung dafür. Das föderale System und langwierige komplexe Prozesse stehen dem im Weg. Dadurch leidet Deutschland unter einem gravierenden Fachkräftemangel, der die Innovationsfähigkeit unserer Wirtschaft massiv hemmt - auch nach mehr selbst organisierten Programmierinitiativen, Hackathons und Makershops als in den Jahren zuvor. Dies kann die Politik nicht aus der Pflicht nehmen, hier aktiv zu werden.

Bei den technischen Trends muss man zunächst zwischen Trends und Hypes unterscheiden. Die Hypes um geschlossene Virtual-Reality-Brillen und leichte offene Augmented-Reality-Brillen klingen langsam ab, da erstere immer noch nicht den Weg in den Massenmarkt gefunden haben und zweitere noch die „Killer-Applikation“ suchen. Große Hypes werden 2015 sicher Wearables und Quadrocopter auslösen, da bei beiden der Spiel- und Entdeckungsfaktor relativ hoch ist, viele Fragen um ihren Einsatz aber noch offen bzw. noch gar nicht gestellt sind. Wearables, also kleine am Körper getragene Geräte in Form von Uhren, Armbändern, Schmuck oder Textilien werden Smartphones ergänzen oder ersetzen indem sie einzelne von deren Funktionen übernehmen. Mit einer Vielzahl von neuen Sensoren werden sie aber auch ganz neue Anwendungen u.a. im Sport, der Medizin aber auch im industriellen Bereich hervorbringen. Geräte, die nicht mehr als solche erkennbar sind, aber Ton-, Bild- und medizinische Daten aufzeichnen können, werden neue Fragen zur Privatsphäre aufwerfen. Ähnlich verhält es sich mit den Kleinstfluggeräten, die durch einfachere Steuerung, längere Flugzeiten und sinkende Preise gerade den Massenmarkt erreichen. Onboard-Kameras und ein wachsendes Maß an Eigenintelligenz ermöglichen es, diese Geräte auch ohne direkte Sichtverbindung weit in fremdes Terrain zu fliegen. Heftige Diskussionen um Privatsphäre und Sicherheit im öffentlichen Raum sind zu erwarten. Diese müssen konstruktiv und zügig geführt werden, denn neben dem Spaß von Modellfliegern bieten sie sicher auch eine Reihe von weiteren sinnvollen Einsatzmöglichkeiten.

Trend und Hype werden 2015 um 3D-Drucker entstehen, nachdem die ersten Modelle zu erschwinglichen Preisen schon in Elektronikmärkten aufgetaucht sind. Die preiswerten Modelle werden sich zunächst mit geringer Druckqualität noch im Hobby-Segment ansiedeln, allerdings wird dann auch jedem, der z.B. die Entwicklung von Tintenstrahldruckern miterlebt hat klar, welches gigantische kreative und industrielle Potenzial in dieser Technologie steckt. Da es vom 3D-Drucker zum 3D-Kopierer nur ein kleiner Schritt ist, sollten die rechtlichen Fragen dazu schnellstens geklärt werden, damit diese Technologie in Deutschland kein Schattendasein führt, sondern sich schnell verbreiten und entwickeln kann.

Andere Trends werden 2015 etwas leiser aber mit nicht weniger starkem Veränderungspotenzial für unsere Gesellschaft daherkommen. Der große anhaltende Trend ist weiterhin die Digitalisierung nahezu aller Lebens- und Arbeitsbereiche. Getragen wird er vom Internet-der-Dinge, dem Internet-der-Dienste und den Weiterentwicklungen von mobile Devices. Immer mehr Geräte und Alltagsgegenstände sammeln Daten. Ob diese mit Big Data Verfahren ausgewertet und genutzt werden dürfen, muss ebenfalls noch geregelt werden.

Bei etablierten mobilen Geräten, wie Tablets und Smartphones werden es vor allem neue Interaktionsformen als Kombination aus Sprach-, Gesten- und Blicksteuerung zusammen mit einfacher Situationserkennung sein, die uns helfen, die wachsende Funktionsvielfalt intuitiv zu beherrschen. Neue drahtlose Verfahren zur Stromversorgung und zum Aufladen werden die Nutzung ebenfalls vereinfachen. An neuen Diensten ist es wohl vor allem das mobile Bezahlen mit dem Smartphone, das 2015 breiteren Einzug halten wird und etablierte Prozesse und Rollen verändern wird.

Die hier genannten Technologien sind natürlich nur Beispiele und ein Ausschnitt neuer Entwicklungen, die auf uns zukommen. Man könnte hier noch viele weitere wie autonome Fahrzeuge, Personalisierung usw. nennen. Alle gemeinsam zeigen, dass die größte Herausforderung der Zukunft wohl darin besteht, die Politik in die Lage zuversetzen, frühzeitig neue Trends und Technologien zu erkennen und zügig sinnvolle Rahmenbedingungen und Regelungen für deren Einsatz zu schaffen. Wirtschaft und Politik müssen sich dafür gegenseitig in die Pflicht nehmen. Der IT-Gipfel 2014 ließ dies noch nicht erkennen. Als neutraler Katalysator zwischen der Industrie und der Politik kann in Zukunft die Forschung fungieren, die der typisch deutschen Technologiefolgenabschätzung auch wieder etwas mehr Technologiechancenabschätzung gegenüberstellen sollte. (tbe)

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