Wie muss die IT von Unternehmen organisiert sein, um in der Zukunft zu bestehen? Sollten Unternehmen die Herausforderungen der digitalen Transformation extern angehen oder sie zu Kernkompetenzen erklären? Müssen sich neben den IT-Fachkräften auch die Führungskräfte weiterentwickeln? Die aktuelle Studie »Designing IT Setups in the Digital Age« der Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Fraunhofer FIT und der Unternehmensberatung A.T. Kearney gibt Antworten auf eben diese Fragen und Führungskräften einen Wegweiser in die digitale Zukunft an die Hand.

Hallo Herr Röglinger. Die Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT hat vor kurzem eine Studie mit dem Titel »Designing IT Setups in the Digital Age« veröffentlicht. Was waren die zentralen Themen der Studie?

Vor zwei Jahren haben wir uns bereits mit den »Chancen und Risiken der digitalen Transformation« auseinandergesetzt. Wir hatten also ein konkretes Verständnis über die Handlungsfelder der digitalen Transformation und wollten jetzt speziell auf das Thema IT-Organisation eingehen. In diesem Bereich gibt es diverse Fragen - insbesondere bei Führungskräften. Heißt: Es herrscht Unklarheit darüber, wie man als Unternehmen sein IT-Setup aufstellen soll. Wir haben die Studie gemeinsam mit der Unternehmensberatung A.T. Kearney durchgeführt, um die Wissenschafts- und Praxisperspektive synergetisch zu verbinden. Unsere Antrittshypothese war, dass heute niemand bezweifelt, dass Digitalisierung ein zentrales Thema ist, das Wirtschaft und Gesellschaft verändert. Sondern dass wir uns mit konkreten Fragen auseinandersetzen müssen, um IT- und Fachführungskräften konkrete Hinweise zu geben: Why? What? How? Das war die Motivation für die Studie.

Gehörten Führungskräfte auch zur Gruppe der Befragten?

Ja, wir haben uns zunächst auf CIOs und IT-Führungskräfte fokussiert. Hier haben wir die größte Chance gesehen, konkrete Empfehlungen herauszuarbeiten, wie IT-Organisationen im Digitalzeitalter aufgestellt sein sollten. Die Studie hat in mehreren Phasen stattgefunden. In der ersten Phase haben wir zehn CIOs deutscher und international agierender Unternehmen befragt, um Hypothesen aufzustellen oder bereits vorhandene zu validieren. Auf dieser Basis haben wir einen Fragebogen entworfen und anschließend 140 Teilnehmer – davon 50 Prozent Fachführungskräfte und 50 Prozent IT-Führungskräfte – befragt. Wir haben die Studie in drei Bereiche gegliedert: Why? What? How? In jedem Bereich hatten wir konkrete Hypothesen, die wir überprüfen wollten.

Im Folgenden sehen wir drei zentrale Grafiken aus der Studie. Könnten Sie die Darstellungen und die zugehörigen Ergebnisse für uns erläutern?

Bild: Fraunhofer FIT

Wir haben grundsätzlich vier Anforderungskategorien unterschieden, denen sich Unternehmen stellen müssen, wenn es um die Transformation der IT-Organisation geht. Drei sind extern orientiert, nämlich Kunde, Markt und Startups. Dann gab es noch eine Kategorie bzgl. interner Herausforderungen. Hier handelt es sich um Themen, die man bereits in ähnlicher Form vorher beobachten konnte. Altsysteme, komplexe und heterogene Prozesse, und die Unabgestimmtheit zwischen Fach- und IT-Abteilungen. Das hat uns zu der Aussage veranlasst: Unternehmen kriegen die Handbremse intern nicht gelöst. Gleichzeitig passiert extern sehr viel, die Geschwindigkeit nimmt rapide zu. Kunden legen mehr Wert auf Experience, Usability, auf unkomplizierte Interaktion mit dem Unternehmen und suchen nach technologisch innovativen Produkten. Daneben wird das Marktumfeld allgemein turbulenter und dynamischer. Wettbewerber kommen nicht nur aus der eigenen Branche, sondern »plötzlich« aus ganz neuen und unerwarteten Ecken. Wie die Internet-Giganten, Google und Apple, beispielsweise. Der Trend im Digitalzeitalter geht dabei stark in Richtung Ökosystem. Ein Unternehmen kann die Bedürfnisse seiner Kunden nicht mehr alleine bedienen, sondern muss sich mit Partnern zusammentun. Abschließend haben wir noch in die Startups angeschaut. Für die Unternehmen ist wichtig, dass Startups heute schlicht längeres Durchhaltevermögen durch Venture-Capital-Strukturen besitzen – und nicht selten einen klaren Customer-First- bzw. Customer-Convenience-Fokus haben. Dadurch laufen große, weniger agile Unternehmen große Gefahr, in der Wertschöpfungskette nach hinten durchgereicht zu werden.

Bild: Fraunhofer FIT

Die Grafik handelt im Prinzip über die digitale Agenda von Unternehmen bezüglich ihrer digitalen Transformation. Wir haben zwei Dimensionen untersucht a) ob Unternehmen systematisch und kontinuierlich an der digitalen Transformation arbeiten, und b) ob die IT-Organisation der Unternehmen bereits die Anforderungen der digitalen Welt erfüllen. Hier sehen wir jeweils grob eine ein Drittel zu zwei Drittel Verteilung. Zwei Drittel der Unternehmen arbeiten bereits systematisch an der digitalen Transformation. Dass 28 Prozent dies nicht tun, war für uns überraschend. Vor allem weil wir mit der Annahme gestartet sind, dass jeder weiß, wie wichtig das Thema Digitalisierung ist. Bei der anderen Frage sehen wir eine ähnliche Verteilung. Ein Drittel der Befragten erreichen eigenen Angaben zufolge die Anforderungen an die digitale Transformation. Hingegen 67 Prozent sagen, sie sind nicht zufrieden, was uns wiederum nicht überrascht hat. Wenn man beide Dimensionen zusammennimmt, waren ungefähr ein Viertel aller befragten Unternehmen nicht zufrieden mit ihrer IT-Organisation, aber tun gleichzeitig nichts dagegen. Bei diesen »Digital Deniers« muss zunächst das Bewusstsein für das Thema geschaffen werden. Die »Digital Beginners« hingegen haben zwar schon das Bewusstsein, hier fehlt es allerdings an der Ausarbeitung einer konkreten Roadmaps sowie Implikationen über Produkte, Technologien und Geschäftsmodelle.

Bild: Fraunhofer FIT

Die Grafik behandelt die Frage, welche Fähigkeiten und Einstellungen von Nöten sind, um die Unternehmenskultur sinnstiftend Richtung Digitalisierung zu verändern. Wir haben hier ganz bewusst in »Skills« und »Attitudes« unterschieden, sprich Hard-Skills und Soft-Skills. Ein Ergebnis war, dass Investitionen in Hard-Skills nahezu nichts bringen, wenn nicht gleichzeitig die Kultur verändert wird. Neue Themen werden ansonsten keine Früchte tragen.

Schneller Wissenserwerb neuer Technologien gehört zu den Top-Skills. Das ist spannend, weil es sich um eine Metakompetenz handelt. Die Fähigkeit, sich schnell neue Fähigkeiten aneignen zu können, wird gebraucht. Das unterstreicht die hohe Dynamik im Bereich der digitalen Wirtschaft. Bei den Soft-Skills hat es eine Einstellung auf den ersten Platz geschafft, die man besten mit folgendem Zitat auf den Punkt bringt: »Der digitale Wandel wird niemals wieder so langsam sein wie heute!« Unternehmen stehen also vor der Aufgabe, sich nicht punktuell, sondern kontinuierlich zu verändern.

Bild: Fraunhofer FIT

Wir nehmen in vielen Unternehmen eine Backsourcing-Tendenz wahr. Das bedeutet, dass ausgelagerte Tätigkeiten zurückgeholt werden, weil man sie wieder als Kernkompetenz empfindet. Viele Unternehmen bekräftigen, wenn man agil sein und kontinuierliche Nähe zum Kunden wahren möchte, dann kann und sollte man gewisse Themen, wie zum Beispiel Software-Entwicklung, nicht vollständig auslagern. So sehen wir eine Rückentwicklung in verschiedenen Branchen, sich diese Kompetenzen wieder ins Haus zu holen. Auf der anderen Seite besteht Bedarf an externen Partnern, die Impulse geben. Im Bereich Innovation oder Transformationsmanagement beispielweise. Unternehmen wollen selbst definieren, was ihre Ziele und Strategien sind, schrecken aber nicht vor externen Ideen oder smarten Produkten und Dienstleistungen zurück. Aus meiner Sicht sehen wir hier eine Umschichtung interner und externer Lösungen.

Was waren für Sie die interessantesten bzw. die spannendsten Ergebnisse der Studie?

Meine Lieblingsaussage: Dass Digitalisierung kein klassisches Transformationsprojekt mit definiertem Start und Ende ist, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Im Englischen sprechen wir von »Convergence towards a moving target«. Der Weg ist das Ziel. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Außerdem haben wir nach Aus- und Weiterbildungsbedarf gefragt, 90 Prozent der Befragten waren sich einig, dass nicht nur Mitarbeiter, sondern auch Führungskräfte sich weiterentwickeln und verändern müssen. Vor zwei bis drei Jahren fehlte diese Erkenntnis meines Erachtens noch größtenteils.

Überrascht hat uns, dass es so viele Unternehmen gibt, die sich nach eigener Aussage nicht aktiv mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzen, immerhin 28 Prozent. Weiterhin erstaunlich, dass nur 13 Prozent der Befragten systematisch beobachten, was links und rechts passiert, also Wettbewerber-Monitoring betreiben. Hier hätte ich deutlich mehr erwartet und bin der Meinung, dass man dieses Thema definitiv nicht ignorieren sollte.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

(adz)

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Prof. Dr. Maximilian Röglinger
  • Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT
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