Kleine und mittelständische Unternehmen können das Potenzial der Digitalisierung nur schwer ausschöpfen. Experten am Fraunhofer IAO haben deshalb gemeinsam mit Projektpartnern aus dem Forschungsprojekt »ScaleIT« eine Plattform entwickelt, über die sich einzelne Prozessschritte mit Hilfe einfacher Apps verbessern lassen. Unternehmen tragen damit nicht das Risiko einer tiefgreifenden Umstellung ihrer Prozesse, sondern können ihre Wertschöpfungskette Schritt für Schritt optimieren. Im Interview erklären die Fraunhofer IAO-Wissenschaftler Andreas Schuller und Christian Knecht das Grundprinzip.

Hallo Herr Schuller, hallo Herr Knecht, der Mittelstand in Deutschland hat ein Optimierungsproblem …

Knecht: … das kann man so sagen. Hintergrund ist allerdings nicht etwa die Scheu mittelständischer und kleiner Betriebe, Produktionsprozesse zu optimieren. Es sind die Umstände. Denn der Betrieb muss laufen, Ausfälle können sich gerade kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) nicht leisten. Veränderungen im laufenden Prozess, etwa im Bereich IT, werden damit zu einem Risiko. Am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO haben wir im Projekt »ScaleIT« deshalb nach Möglichkeiten gesucht, die Einstiegshürden zu senken und es kleineren Betrieben leichter zu machen, neue Industrie 4.0-Anwendungen auszuprobieren, zu testen und dann auch tatsächlich zum Einsatz zu bringen.

Der Ansatz, den Sie dabei verfolgen, ist nicht unbedingt der klassische.

Schuller: Großunternehmen nutzen riesige monolithische Systeme, um Prozesse zu erfassen und abzubilden. Das aber ist für den Mittelstand zu wuchtig und zu teuer. Mit unserer im Konsortium entwickelten Plattform »ScaleIT« wollen wir deshalb eine Grundlage schaffen, mit Software-Bausteinen zu arbeiten. Das Projekt wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) im Programm »Innovationen für die Produktion, Dienstleistung und Arbeit von morgen« gefördert und vom Projektträger Karlsruhe (PTKA) betreut. Die Grundidee von ScaleIT ist, dass überschaubare, oft einfache Prozessabschnitte wie Mosaiksteine neu und intelligent gebaut und in das Gesamtbild eingepasst werden können. Genau wie Apps beinhalten diese Bausteine also einzelne, kleine Optimierungsmaßnahmen, die getestet und validiert werden, um sie später gemeinsam mit weiteren Apps in das Gesamtsystem zu integrieren.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Knecht: Immer noch wird die Wertschöpfungskette durch aufwandsintensive Brüche zwischen analogen und digitalen Prozessen gestört. Bestes Beispiel sind Dokumente, die zwar digitalisiert sind, dann aber in Papierform genutzt werden. Es ist aber wenig effektiv, wenn etwa verschiedene digitale Arbeitspläne für Lötvorgänge erst im System zusammengesucht und dann ausgedruckt werden. Deshalb haben wir für ein Unternehmen eine exemplarische App für unsere Plattform programmiert, über die sich ein Mitarbeiter alle benötigten Dokumente in digitaler Form über einen einfachen Drag-and-Drop-Editor zusammenstellen und einsehen kann. Ein weiteres Beispiel ist die effizientere Nutzung der Kennzahlen von Maschinen - etwa, wenn ein Teilprozess abgeschlossen ist. Hier kann eine umfassende Auswertung der Daten die weiteren Prozessschritte wie beispielsweise die Qualitätskontrolle oder den Versand deutlich optimieren. Für einen Kleinbetrieb mit einem Dutzend Mitarbeiter war so etwas bislang ein komplizierter Eingriff in das System, der sich kaum gelohnt hat. Nun haben wir eine App dafür entwickelt, die sich über ScaleIT einfach installieren lässt. Bedient werden die Apps alle über herkömmliche Browser auf handelsüblichen PCs oder Tablets.

Unternehmen sind und arbeiten individuell. Woher wissen Sie, welche App benötigt wird?

Schuller: Das Projekt ist zweigeteilt. In der ersten Phase wollten wir mit Hilfe von Workshops und Befragungen einen Überblick über grundlegenden und öfter genannten Handlungsbedarf gewinnen. Deshalb arbeiten wir innerhalb des Projektkonsortiums mit verschiedenen kleinen und mittelständischen Anwenderfirmen sowie Software-Spezialisten zusammen. Den gewonnenen Input nutzen wir nun, zu Beginn des letzten Drittels des Projekts, um die Plattform und einzelne Apps beispielhaft auszuprogrammieren.

Welche Probleme haben Sie identifiziert?

Knecht: Beispielsweise eine mangelhafte Kommunikation zwischen Qualitätssicherung und Ingenieuren in einem Kleinbetrieb. Jeder durch die QS entdeckte Fehler bedeutete hier letztlich, die Sachlage grundlegend mit den Ingenieuren zu diskutieren. Deshalb haben wir eine App erstellt die es erlaubt, einen Screenshot mit der Markierung des Problems unmittelbar an den zuständigen Ingenieur zu senden.

Es geht also nicht darum, ein komplett neues System zur Prozessoptimierung zu schaffen, sondern die vielen kleinen Stellschrauben der Optimierung zu erkennen und sie über Apps, die auf der Plattform ScaleIT laufen, neu zu justieren.

Schuller: Unser Ziel in diesem Projekt ist und war keine »Rocket Science«. Gerade auf kleinere, tradierte Betriebe würde das eher abschreckend wirken. Wir wollen die Prozesse durch vergleichsweise einfache und unkompliziert einführbare Maßnahmen optimieren. Die ersten Testläufe, die wir bislang hatten, bestätigen den Erfolg dieses Ansatzes.

(aku)

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Interviewpartner
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Andreas Schuller
  • Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO
Christian Knecht
  • Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO
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