Start- und Landebahnen, Rollwege, das Vorfeld und die Parkpositionen frei von Schnee und Eis zu halten - die Aufgabe des Winterdienstes am Flughafen ist klar definiert. Jeder Einsatz muss vorausschauend und gut koordiniert sein. Personal sowie Ressourcen sind begrenzt und eine späte Reaktion auf die Wetterverhältnisse hat schnell weitreichende Auswirkungen auf den gesamten Flugbetrieb. Am Flughafen Köln/Bonn sorgt eine IT-Lösung dafür, dass unter anderem der Winterdienst effizient und sicher planen und arbeiten kann.

Wenn die Räumfahrzeuge Bahn für Bahn den frisch gefallenen Schnee vom Asphalt schieben und das Sprayer-Fahrzeug Enteisungsmittel auf den Rollwegen verteilt, bedeutet das nicht nur für die Verantwortlichen des Winterdienstes einen hohen Planungs- und Organisationsaufwand. Auch in der Verkehrszentrale des Flughafens herrscht deutlich mehr Betrieb als üblich. Die Aufstellung für den Personal- und Ressourceneinsatz des Winterdienstes muss laufend überarbeitet werden. Nicht nur die Beeinträchtigungen durch das Wetter sind dabei zu berücksichtigen, sondern ebenso Änderungen der Flugplanung, die beispielsweise bei Kapazitätsengpässen anderer Flughäfen oder Verzögerungen in der Flugzeugabfertigung notwendig werden. Dabei gilt es den Überblick zu behalten, denn eine Änderung der Start- oder Landezeit löst oft eine Kettenreaktion an organisatorischen Anpassungen aus. »Wenn die Flugpläne geändert werden müssen, ändern sich unter Umständen die Belegung der Gateways und die Gepäckabfertigung. Auch die Einsatzpläne des Bodenpersonals bis hin zu den Planungen an den Herkunfts- und Zielflughäfen der Maschinen greifen nicht mehr lückenlos ineinander«, sagt Dr. Michael Wunder vom Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie FKIE. Nicht nur die Mitarbeiter der Flugsicherung und des Flughafens selbst, sondern auch zahlreiche Dienstleister sind von den Abweichungen betroffen. Sie müssen sich innerhalb kürzester Zeit umorganisieren, um den reibungslosen Ablauf des Flugbetriebs sicherzustellen.

Aktuelle Lage immer im Blick

Damit die Arbeit der Mitarbeiter effizienter gestaltet werden kann und die Abläufe lückenlos ineinander greifen, hat der Flughafen Köln/Bonn die bisher separate Winterdienstkoordination in die Verkehrszentrale integriert – und dabei zusätzliche Verbesserungen erreicht. Möglich wird dies vor allem durch den Einsatz des integrierten Entscheidungsunterstützungs- und Lagedarstellungssystems »INTELSYS«, das vom Fraunhofer FKIE für die komplexe Prozesslandschaft des Flughafens Köln/Bonn entwickelt wurde. Das umfassende Unterstützungssystem ruft laufend alle relevanten Informationen aus den verschiedenen Spezialsystemen der Flughafen-IT ab und bündelt diese in einer zentralen Datenbank.

IT-Unterstützung für operative Flughafenprozesse
Die Planung für den Personal- und Ressourceneinsatz des Winterdienstes muss laufend an die Beeinträchtigungen durch das Wetter und Änderungen der Flugplanung angepasst werden. Bild: Uwe Bellhäuser

Zusätzlich werden hier auch die aktuellen Wetterinformationen und Statusmeldungen des Winterdienstes hinterlegt und ausgewertet. Über eine graphische Lagedarstellung haben die Mitarbeiter alle Vorgänge auf dem Flughafenareal in Echtzeit im Blick. Der Lageplan zeigt zum Beispiel die aktuellen Standorte der Flugzeuge ebenso wie den Verlauf der Räumarbeiten. Die Ergebnisse von Messfahrten und die erfassten Werte von fest installierten Sensoren zum Zustand der Start-/Landebahnen sind ebenso verfügbar, wie der Füllstand der Enteisungsmitteltanks, aus denen die Sprühfahrzeuge des Winterdienstes betankt werden.

Direkteingabe ersetzt Funkverkehr

INTELSYS unterstützt die Flughafenmitarbeiter mittlerweile in weit mehr Bereichen als nur dem Winterdienst: Unter anderem erlaubt das System eine deutliche Verbesserung der Kommunikation zwischen auf den Vorfeldern eingesetzten Fahrzeugen und den koordinierenden Stellen des Flughafens.. Bislang musste zum Beispiel jedes der Fahrzeuge per Sprechfunk bestätigten, dass ein Flugzeug seine Abstellposition erreicht hat. In der Zentrale war das Verarbeiten des Funkverkehrs eine erhebliche Lärm- und Arbeitsbelastung: Die Mitarbeiter mussten die eingehenden Funksprüche laufend mitverfolgen, dokumentieren und weitermelden. Mit dem Unterstützungssystem »INTELSYS« ist nun der Einsatz von mobilen Kommunikationslösungen möglich, die den bisherigen Sprechfunk ohne weiteren Zwischenschritt ersetzen. »In den „Follow-Me“-Fahrzeugen der Einweiser sind Tablets mit an Bord«, erklärt Dr. Wunder. Die Mitarbeiter geben ihre Meldungen an die Verkehrszentrale also direkt im System ein und bestätigen die Daten eines Fluges einfach über den Touchscreen.

Unvorhersehbares planen und organisieren

Aktuell arbeiten Fraunhofer FKIE und der Flughafen an Erweiterungen des Unterstützungssystems zur Optimierung der Organisationsabläufe rund um den Winterdienst und darüber hinaus. Die Daten zu Beginn, Umfang und Beendigung von Räumeinsätzen sind zum Beispiel auch für das »De-Icing« der Flugzeuge relevant. »Die Enteisung der Tragflächen muss möglichst kurzfristig vor dem Start erfolgen. Muss eine enteiste Maschine wegen einem noch dauernden Winterdiensteinsatz nochmals warten, kann es sein, dass sie bis zur Startfreigabe erneut enteist werden muss«, erklärt Dr. Wunder. Das Unterstützungssystem soll künftig auch für die Fluggesellschaften ausgewählte Daten auf Abruf bereithalten. Anfragen per Telefon oder E-Mail bei der Verkehrszentrale zum aktuellen Flugbetrieb könnten dadurch erheblich reduziert werden. Zusätzlich entwickeln die Forscher derzeit eine »Zeitreise«-Funktion. Unter Berücksichtigung von aktueller Lage, Wetter- und Flugbetriebsprognosen soll sie eine vorausschauende Planung der Flughafenorganisation ermöglichen. (stw)

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