Sich mit dem Navi auch an fremden Orten zurechtfinden? Kein Problem – solange man sich unter freiem Himmel bewegt. In Parkhäusern und anderen Gebäuden aber ist die Navigation per GPS kaum möglich. Forscher entwickeln deshalb ein Verfahren, wie mit einfachen Mitteln eine genaue Lokalisierung auch innerhalb eines Hauses möglich ist. Eine derartige Navigation wäre nicht nur ideal für die Parkplatzsuche. Profitieren würden vor allem Menschen mit Sehbehinderung.

Hallo Herr Radusch. Am Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS forschen Sie zum Themengebiet Indoor-Lokalisierung. Am Ende könnte also eine Art Navi für die Wohnung stehen?

In der eigenen Wohnung werden sie sich wohl auskennen. Aber die Richtung stimmt. Stellen Sie sich beispielsweise das zügige Auffinden von Parkplätzen in einem Parkhaus vor, wo die klassische GPS-Navigation nicht mehr funktioniert. Oder die Möglichkeiten bei der Weiterentwicklung in Richtung Industrie 4.0. Oder denken Sie an die mögliche Unterstützung für Sehbehinderte, die sich in Bürgerämtern, Wohnkomplexen oder Büroräumen zurechtfinden müssen, um beispielweise zur Rezeption zu kommen.

Zumindest Letzteres ist aber Zentimeterarbeit.

Genau hier liegt die Herausforderung. Wir müssen über ein System verfügen, dass mindestens auf einen halben Meter genau ist.

Und daran arbeiten Sie und Ihr Team?

Wir haben jetzt eine Technologie entwickelt, mit der wir im Schnitt auf 40 Zentimeter Genauigkeit in Innenräumen kommen! Und der Einsatz ist günstig genug, um sie auch wirklich weit zu verbreiten.

Wie funktioniert das?

Wir haben ein, zwei neue Technologien entwickelt, die derzeit zum Patent angemeldet sind. Ich darf also wenig Genaues darüber erzählen. Im Grundsatz nutzen wir beispielsweise das Erdmagnetfeld beziehungsweise Veränderungen im Magnetfeld. Jedes Gebäude hat eine charakteristische Magnetfeldsignatur, die wir einsetzen, um festzustellen, ob jemand einen Meter nach vorne getreten ist oder einen halben Meter nach hinten. Neben der Magnetfeldmessung nutzen wir eine Art verbesserten Schrittzähler, den wir entwickelt haben. Er arbeitet wesentlich genauer als das, was man beispielsweise von Smartphones kennt.

Das heißt aber, dass das Gebäude vorher vermessen werden muss.

Der Aufwand dafür ist sehr gering. Ist das Gebäude durch ein einfaches »Durchfahren« erst einmal erfasst, reichen die Messsensoren eines handelsüblichen Mobiltelefons, um durch das Parkhaus oder Gebäude zu navigieren. Allerdings erreichen wir durch die Magnetfeldmessung „nur“ eine Genauigkeit von bis zu einem Meter. Wenn es bis zu 40 Zentimetern exakt werden muss, setzen wir zusätzlich einen speziellen Sensor ein, der sich am Fuß befestigen lässt.

Man braucht aber nicht nur die Hardware sondern auch die Intelligenz dahinter.

Hinter dieser Intelligenz steckt ein ebenfalls von uns entwickelter Algorithmus, der von den Smartphones später über eine App genutzt werden kann. Er arbeitet unabhängig von GPS- oder Funknetzen und funktioniert damit auch in Innenräumen oder beispielsweise Kellern. Über eine Cloud-Anbindung haben wir eine Schnittstelle für Änderungen und Updates.

Sie sind derzeit in der Phase der Patentanmeldung. Das heißt, dass der Weg zu einem marktreifen Produkt noch weit ist?

Das stimmt. Wir haben ja kein »Produkt« entwickelt, sondern ein System. Deshalb suchen wir jetzt einen Kooperationspartner, der die Indoor-Navigation gemeinsam mit uns weiterentwickeln und später auch kommerzialisieren will. (aku)

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Interviewpartner
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Dr. Ilja Radusch
  • Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS
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