»Beim Chaos Computer Club gibt’s Frauen?«, kommentierte ZDF heuteshow-Moderator Oliver Welke einen Interviewausschnitt mit CCC-Sprecherin Constanze Kurz. Die technische Entwicklung schreitet seit Jahrzehnten rasant voran, mit den Vorstellungen von Frauen in technischen Berufen und deren Realität sieht das anders aus. Für 2011 gibt das Statistische Bundesamt an, dass generell in »technischen Berufen« auf gut 1,5 Mio. Männer knapp 350 000 Frauen kamen. Auch weltweit mangelt es an weiblichen Nachwuchskräften, vor allem in der IT-Branche. Obwohl für die nächsten zehn Jahre erwartet wird, dass es 2 Mio. mehr IKT-Jobs geben wird als Menschen, die diese Posten ausfüllen könnten. Heute ist der UN-Welttag der Telekommunikation und Informationsgesellschaft. Er wurde dieses Jahr unter das Motto »Frauen und Mädchen in den IKT« (»Women and girls in ICT«) gestellt, um auf den Mangel an weiblichem Nachwuchs aufmerksam zu machen. Das Ziel ist, ein Umdenken zu befördern.

Die Vorstellung, dass es weibliche Programmiererinnen, Software- und Spieleentwicklerinnen und Wissenschaftlerinnen im IKT-Bereich gar nicht oder kaum gibt, ist vermutlich noch die moderate Mitte des Meinungsspektrums zu diesem Thema. An den Rändern finden sich inzwischen die klischeehafte Computer Engineer Barbie auf der einen und die düstere Lisbeth Zalander, Heldin der Millenniumstrilogie von Stieg Larsson, auf der anderen Seite. Erstere stilecht nach Hollywood-Schnittmuster für die »intellektuelle Frau« mit Pferdeschwanz (dennoch blond), Brille (in Pink versteht sich),  glitzernder Laptoptasche (als berufsbezeichnendem Utensil) und Handy im Ohr (für mehr Professionalität). Die andere ein schwarz gekleideter hagerer Punk, eine Außenseiterin und Kämpferin, die mühelos jeden Rechner hackt und Millionenbeträge um die Welt verschiebt. 

Und die Realität? Nach der muss man etwas suchen. Laut einer Umfrage des Branchenverbandes BITCOM unter 700 IT-Unternehmen von 2012 sind nur 15 Prozent ihrer angestellten Fachkräfte weiblich. Bei den Führungskräften liegt der Anteil sogar nur bei 4 Prozent. »Frauen werden mittlerweile gern im Projektmanagement im IT-Bereich eingesetzt, weil sie als zuverlässig und ordentlich gelten. Das sind so die Eigenschaften, die man mit Frauen dort verbindet«, erzählt Carolin Batke, Inhaberin der Zampano Studios, einem Produktionsstudio für Computerspiele in Berlin. »Aber in der Entwicklung und in der Programmierung ist das wieder was anderes. Dort ist es für Frauen schwieriger. Ich kenne Frauen, die programmiert haben und dann trotzdem in die Managementaufgaben gerutscht sind.« Laut Strukturerhebung im Dienstleistungsbereich des Statistischen Bundesamtes lag 2009 der Anteil weiblicher Beschäftigter in der Dienstleistungsbranche Informationstechnologie insgesamt bei 26,4 Prozent. Der Anteil der Programmiererinnen belief sich auf 25,3 Prozent. Carolin Batke hat jedoch die Tatsache, dass sie eine Frau in einer Männerwelt ist, auch schon als Vorteil empfunden. Mithin haben Klischees positive Nebeneffekte. »Ich habe mich früh selbstständig gemacht mit drei Männern. Wir hatten durch mich bessere Karten bei Publishern und Geschäftspartnern, weil ich dem männlichen Klischee widersprochen habe. Ich war älter als die anderen und eine Frau. Und damit der Garant dafür, dass alles ordentlich läuft.« 

Was für die Wirtschaft gilt, sieht in der Wissenschaft- und Forschung nicht anders aus. Nadja Menz ist auch eine der Frauen, die sich für eine Karriere in dieser Männerdomäne entschieden haben. Sie ist Diplom-Informatikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme FOKUS. »Beim FOKUS ist das Verhältnis von Frauen zu Männern, glaube ich, 30 zu 70 Prozent«, schätzt die junge Frau. »Meine Chefin ist zum Beispiel eine Frau. Frauen haben hier also durchaus die Möglichkeit, auch in Führungspositionen aufzusteigen. Aber wenn man so durch die Gänge geht, hat man schon das Gefühl, das könnte alles besser sein.« Fraunhoferweit lag der Anteil der Frauen am rein wissenschaftlichen Personal nach Angaben der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) 2009 bei 17,7 Prozent. Der Frauengesamtanteil betrug 20,1 Prozent. Dabei wurden allerdings studentische Hilfskräfte nicht eingerechnet, die ja auch einen Teil der potenziellen weiblichen Belegschaft darstellen.

»Als ich angefangen habe mit dem Studium, hatten wir 16 Prozent Frauenanteil«, bestätigt Nadja Menz die Statistik. »Da hat man sich schon zwischendurch gefragt: Warum bin ich die einzige, die als Frau Interesse an diesem Gebiet hat? Das hat sich leider auch in der Arbeitswelt nicht wirklich gebessert.« Immerhin sind nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit und des Kompetenzzentrums die Zahlen der weiblichen Fachkräfte in MINT-Berufen sichtlich gestiegen. 2011 gab es im Vergleich zu 2007 zum Beispiel 24 Prozent mehr Ingenieurinnen und 6,6 Prozent mehr weibliche Datenverarbeitungsfachkräfte. Die Anzahl weiblicher Beschäftigter in naturwissenschaftlich-technischen Berufen insgesamt stieg um 9,4 Prozent. »Ich habe halt einen sehr männerlastigen Beruf studiert und in der Softwarebranche und Gamesbranche gearbeitet“, berichtet auch Carolin Batke. „Ich habe das früher schon noch erlebt, dass ich zum Kundengespräch gekommen bin und mein Mitarbeiter zuerst angesprochen wurde. Das hat sich inzwischen ein bisschen geändert.« Und die Klischees existieren nicht nur in den Köpfen der Männer. Es spielt immer beides eine Rolle: Selbst- und Fremdwahrnehmung. »Ich muss zugeben, dass ich auch, wenn ich in Meetings mit mir unbekannten Leuten saß und Frauen anwesend waren, auch automatisch davon ausgegangen bin, dass sie keine Führungspositionen innehaben und nicht im technischen Bereich tätig sind. Das waren zwar nur kurze Momente, aber ich finde es erstaunlich, dass ich mit meinem Hintergrund trotzdem noch solche Gedanken habe. Es gibt also noch genug zu tun, um diese Klischees zu entkräften.«

Helfen wollen dabei diverse Initiativen zur Förderung von weiblichem Nachwuchs für und schon tätigen Mitarbeiterinnen in der IT-Branche. Sowohl national, als auch international. Was die Bundesregierung mit dem schon seit 2001 stattfindenden »Girl’s Day« für Deutschland tut – nämlich Mädchen technische Berufe nahe zu bringen – veranstaltet die International Telecommunication Union (ITU) auf internationaler Ebene mit dem »Girls in ICT Day«. Die ITU ist die UN-Organisation für Informations- und Kommunikationstechnologien. Der Tag ist relativ neu im Kalender der Vereinten Nationen und wurde erst 2010 auf der Grundlage einer Resolution beschlossen. Auf dem diesjährigen »Girls in ICT Day« am 26. April stellte die ITU in New York auf einer hochkarätig besetzten Veranstaltung ihr neues Programm »Tech needs Girls» vor. Das erklärte Ziel der Initiative ist »to debate and define a roadmap that will help break down barriers and overturn outmoded attitudes in a bid get more girls into technology-related studies and careers.« Die Organisation feuert derzeit aus allen Rohren, was die Förderung von Frauen in den IKT angeht. Auch der heutige World Telecommunication and Information Society Day (Welttag der Telekommunikation und Informationsgesellschaft) stellt dieses Jahr das Thema »Women and Girls in ICT« in den Vordergrund. Und auch das gesamte Jahr über gilt dieses Motto. Darüber hinaus ging Anfang des Jahres die Plattform »Girls in ICT« online, die jungen Frauen von 11 bis 25 Jahren den Einstieg in IKT-Berufe erleichtern soll. 

Das Umdenken, das all diese Initiativen zum Ziel haben, ist auch dringend notwendig. Nach wie vor. Vorurteile über Frauen- und Männerrollen halten sich hartnäckig. »Mein Eindruck ist, dass es immer noch dieses verstaubte Weltbild gibt, dass Technik, Mechanik, Maschinenbau, solche Dinge, nur was für Jungs sind«, meint auch Nadja Menz. »Das wird schon sehr früh im Kindergarten gefördert. Die Jungs spielen mit Lego, die Mädchen mit Puppen.« Sie sieht in Veranstaltungen wie dem Girl‘s Day die Möglichkeit, auf die Vorstellungen von Mädchen Einfluss zu nehmen. Mädchen müsste schon in der Schule klar gemacht werden: »Wenn euch das Thema interessiert, macht das auch. Ihr habt dort Erfolgschancen, ihr könnt das machen, lasst euch nicht unterkriegen von irgendeinem Frauenbild, dass Frauen an den Herd stellt.« Zu Initiativen und Fördermaßnahmen hat Carolin Batke ein gespaltenes Verhältnis, hält sie jedoch trotzdem für sinnvoll. »Man sollte so viel machen wie möglich. Aber Frauen sehen sich natürlich ungern in der Rolle derjenigen, die Unterstützung braucht, um einen anständigen Job zu bekommen. Das ist ein wenig wie mit der Diskussion um die Quote. Aber es ist gut, wenn man Initiativen startet, um Frauen überhaupt auf die Idee zu bringen, technische Berufe zu ergreifen und Ängste abzubauen.« In den Ländern der OECD sind weniger als 20 Prozent der IT-Spezialisten weiblich. Die Europäische Union prognostiziert, dass es in zehn Jahren 700 000 mehr IKT-Stellen geben wird, als Fachkräfte, um sie zu füllen. Das biete Chancen, vor allem auch für weibliche Fachkräfte. Auch der Generalsekretär der ITU, Dr. Hamadoun Touré, sagte bei der Vorstellung der »Tech needs girls«-Initiative: »ICT careers are not ›too hard‹ for girls. ICT careers are not ›unfeminine‹. And ICT careers are certainly not ›boring‹.« Von oben verordnete Aktionstage muten zwar immer etwas holzschnittartig an, sie bringen jedoch Aufmerksamkeit. Und das ist etwas, was dieses Thema offenbar nach wie vor braucht. Damit »Women and girls in ICT« bald von einer Absichtserklärung zu einer Feststellung abseits aller Klischees wird. (kda)

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