Der Software Campus fokussiert sich auf die Förderung von Informatiker*innen, um sie auf Führungsaufgaben vorzubereiten. Mentorings, Kompetenztrainings und ein eigenes Forschungsprojekt sind fester Bestandteil des Programms, das durch die Kooperation mit Forschungs- und Industriepartnern besondere Möglichkeiten bietet. Dieses Jahr feiert der Software Campus sein zehnjähriges Jubiläum. Anlässlich dessen berichtet Stefan Jazdzejewski über die Entwicklung, Inhalte und Visionen des Software Campus. Zusätzlich geben Susanne Braun und Oliver Bleisinger vom Fraunhofer IESE Einblicke in ihre Erfahrungen als Teilnehmer*in.

Herr Jazdzejewski, Sie sind der Programmleiter des Software Campus und kümmern sich somit um grundsätzliche operative und strategische Aufgaben. Wie aber sind sie überhaupt zum Software Campus gekommen?

Ich bin über interessante Artikel auf Social Media auf das Programm aufmerksam geworden. Die Idee, dass Forschung und Unternehmen zusammenkommen, um Studierenden eine besondere Form der Weiterbildungsmöglichkeit zu bieten, fand ich sehr spannend. Ich habe vorher selbst leitende Aufgaben in Konzernen und Startups übernommen, war lange im Bereich Produktmanagement tätig und habe da gesehen, wie wichtig und auch erfolgskritisch die Suche nach kompetenten IT-Fach- und Führungskräften ist. Ich freue mich, wenn ich durch meine Arbeit im Software Campus einen kleinen Teil dazu beitragen kann, Student*innen aus dem Bereich Informatik auf den Weg zu Führungskräften zu begleiten.

Was genau ist der Software Campus und welche Ziele werden mit dem Programm verfolgt?

Der Software Campus ist ein Programm, das Doktorand*innen der Informatik zu Führungskräften weiterbildet. Die Teilnehmer*innen erhalten dabei zahlreiche Kompetenztrainings, Mentorings und arbeiten auch an einem eigenen Forschungsprojekt. Dieses Projekt wird mit bis zu 100.000 € vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

Die Informatiker*innen, die in diesem Programm mitmachen, können nicht nur umfangreiche Erfahrungen sammeln, sondern lernen auch, Projekte und Teams zu leiten. Gleichzeitig wird durch das Projekt die Kooperation zwischen Forschung, Industrie und Wirtschaft intensiviert, wodurch zusätzlich Deutschland als Innovationsstandort gestärkt wird.

Wie ist der Software Campus entstanden?

Der Software Campus wurde 2011 auf dem IT-Gipfel – also dem heutigen Digital-Gipfel – von Vertreter*innen des BMBF, Top-Manager*innen deutscher IT-Unternehmen, aber auch von Professor*innen deutscher Universitäten und Forschungseinrichtungen gegründet.
Die Beteiligten haben als Antwort auf das Problem des Fach- und Führungskräftemangels und dem damit verbundenen War for Talents ein Programm entwickelt, das sich konkret auf die Förderung von Informatiker*innen spezialisiert.

Im Prinzip ist der Software Campus eine Initiative, die den Herausforderungen der Transformation begegnen soll. Dabei geht es neben der Digitalisierung von Geschäftsprozessen auch darum, neue digitale Geschäftsmodelle überhaupt zu entwickeln. Für diese Transformation benötigen alle Unternehmen geeignete Mitarbeiter*innen auf allen Ebenen. Der Software Campus fokussiert sich dabei auf die Ebene der Führungskräfte.

Auch wenn seit der Gründung bereits zehn Jahre vergangen sind, das Thema ist heute genauso aktuell wie damals. Es gibt immer noch einen massiven Mangel und der hat einen großen Einfluss auf die Innovationsfähigkeit Deutschlands. Initiativen und Programme wie der Software Campus werden also unbedingt benötigt.

Wie hat sich der Software Campus in den letzten Jahren hinsichtlich der Partner verändert?

Über die Zeit gab es immer wieder neue Industrie- und Forschungspartner, was zu einer gewissen Dynamik im Partnerkreis führt und stets neue Sichtweisen eröffnet. Im vergangenen Jahr haben wir z. B. mit der Volkswagen AG einen neuen Industriepartner aufgenommen.
Natürlich sind einige Partner auch schon seit der Gründung dabei – was uns sehr freut. Inzwischen haben wir 22 Partner, wobei das Verhältnis von Forschungseinrichtungen und Unternehmen sehr ausgeglichen ist.

Wie kommen die Teilnehmer*innen zum Software Campus und wie läuft das Auswahlverfahren ab?

Master- und Doktorand*innen können sich einmal im Jahr für das Programm bewerben – entweder mit einer eigenen Projektidee oder sie bewerben sich auf die Idee eines Forschungs- oder Industriepartners. Zusätzlich benötigen Bewerber*innen ein Empfehlungsschreiben und müssen einen Persönlichkeitstest durchführen.

Im nächsten Schritt führen Personalvertreter*innen der Industriepartner Gespräche, um die persönliche Eignung der Bewerber*innen festzustellen. Anschließend wird die akademische und fachliche Befähigung der potenziellen Teilnehmenden für das Programm von Professor*innen überprüft.

Wenn die Bewerber*innen diese Auswahlstufen erfolgreich durchlaufen haben, suchen sie sich einen Industriepartner und vereinbaren eine Kooperation, um dann gemeinsam ein Projekt im Rahmen des Software Campus durchzuführen. Mit der verbindlichen Zusage eines Industriepartners ist der*die Bewerber*in dann offiziell in das Programm aufgenommen.

Wie setzt sich ein Software Campus-Jahrgang zusammen?

Der Software Campus ist für Doktorand*innen und Masterstudierende eines Informatikstudiengangs oder informatiknaher Studiengänge vorgesehen. Etwa 82 % der Bewerber*innen kommen aus Deutschland, ca. 6 % aus Europa und die restlichen 12 % kommen aus anderen Ländern weltweit. Wir haben einen Frauenanteil von ungefähr 14 %. Das ist natürlich noch ausbaufähig.

Alle Teilnehmer*innen sind an einer der elf Forschungseinrichtungen, die zu unseren Kooperationspartnern gehören, angestellt, kommen aber aus ganz vielen verschiedenen Forschungsbereichen. Die bei uns verwirklichten Projekte behandeln eine Vielzahl von Themen, z. B. aus den Bereichen KI/Maschine Learning, IoT, Cybersecurity, Big Data, Cloud oder Human Computer Interaction.

Aus welchen Modulen besteht der Software Campus und was genau wird dort vermittelt?

Der Software Campus besteht grundsätzlich aus drei Säulen: aus den Kompetenztrainings, dem Forschungsprojekt und dem Mentoring.
Im Laufe der zwei Jahre, die das Programm dauert, müssen alle Teilnehmenden sechs Kompetenztrainings absolvieren. Es gibt den Kompetenzbereich »Methoden«. Hier wird beispielsweise Wissen zu Design Thinking, Agile-Management, Change-Management etc. vermittelt. Dann gibt es den Bereich »Sozial- und Selbstkompetenzen«, in dem es um die Themen Diversity, Kommunikationstechniken und Storytelling geht. Den dritten Kompetenzbereich bilden die »Führungskompetenzen«. Leadership-Basics und Teamführung stehen hier im Fokus.
Daneben gibt es das schon erwähnte Forschungsprojekt. Jede*r Teilnehmer*in leitet im Software Campus sein eigenes Forschungsprojekt und kann damit erste Erfahrung der Teamführung sammeln.

Der dritte Eckpfeiler des Software Campus ist das Mentoring. Jede*r Teilnehmer*in wird vom Industriepartner ein*e Mentor*in zur Seite gestellt, sodass die Möglichkeit besteht, sich mit erfahrenen Führungskräften auszutauschen.
Davon abgesehen geht es beim Software Campus aber auch sehr stark ums Netzwerken. Wir fördern aktiv den Austausch zwischen den Teilnehmer*innen und Partnern.

Gab es in den letzten Jahren grundsätzliche Veränderungen beim Software Campus – z. B. hinsichtlich des Konzepts oder Inhalts?

Es gibt schon ein paar Veränderungen. Zehn Jahre sind schließlich eine lange Zeit – vor allem im IT-Bereich. Es gab technische Entwicklungen, die so vor zehn Jahren noch gar nicht absehbar waren. Das heißt, die Forschungsthemen, mit denen sich die Teilnehmer*innen beschäftigen, entwickeln sich auch entlang der bekannten Trends im IT-Bereich. Heute sind das Themen wie Process Mining, NLP, Reinforcement Learning. Vor einigen Jahren war hingegen Blockchain ein großer Trend.

Auch der Partnerkreis hat sich, wie schon erwähnt, immer wieder neu zusammengesetzt.
Daneben gibt es Veränderungen, die wir selbst gestalten. Wir sehen diese Veränderungen als Chance, um Dinge auszuprobieren und zu hinterfragen. Wir haben unser Trainingsangebot mit den Industriepartnern weiterentwickelt und in Bezug auf Diversity und Nachhaltigkeit verändert.

Dadurch, dass auch immer mehr internationale Studierende an unserem Programm teilnehmen, bieten wir Programmteile inzwischen auch in englischer Sprache an.
Davon abgesehen verändern wir die Kommunikation, indem wir uns neue Formate zum Austausch überlegen und verschiedene Kanäle nutzen. Wir versuchen transparent zu arbeiten und uns bestmöglich auszutauschen.

Wie schätzen Sie die Rolle des Software Campus in Hinblick auf die Förderung von Frauen in MINT-Berufen ein?

Die Frauenförderung haben wir im letzten Jahr als offizielles Schwerpunktthema im Software Campus verankert. Wir sehen, wie wichtig das Thema ist und möchten den Beitrag leisten, den wir leisten können. Wir machen dies auf der einen Seite über kommunikative Wege, erstellen Beiträge und posten diese auf Social Media. Das sind beispielsweise Interviews mit Teilnehmerinnen. So versuchen wir Role Models sichtbar zu machen.

Darüber hinaus haben wir Befragungen mit unseren Teilnehmer*innen und Partnern durchgeführt – ebenso wie Workshops – um in diesen Gesprächen erst einmal herauszufinden, was unsere Handlungsoptionen sind. Wir haben ein Diversity-Trainingsangebot geschaffen, das für alle offen ist.

Wir wollen die Themen Diversity und Frauenförderung auch über neue Formate etablieren, sodass die Teilnehmerinnen sich direkt austauschen können. Außerdem machen wir uns Gedanken darüber, wie wir das Thema auf unseren Veranstaltungen sichtbarer machen können.

Worin sehen Sie die größten Hürden hinsichtlich der Weiterentwicklung des Software Campus?

Natürlich gibt es ein paar Hürden – oder eher: Herausforderungen.
Aktuell gelingt es uns noch nicht so gut, auch Masterand*innen in das Programm mit aufzunehmen, was unter anderem daran liegt, dass der Bewerbungsprozess sehr lang ist. Das wollen wir in der Weiterentwicklung des Programms ändern.
Des Weiteren steht das Thema Vernetzung im nächsten Jahr noch stärker im Vordergrund; zwischen den Teilnehmenden, aber auch mit den Partnern und anderen Organisationen aus der IT-Community. Denn dafür, dass der Software Campus so viele tolle Inhalte bietet, ist er in der IT-Welt leider noch viel zu wenig bekannt.

Eine letzte Herausforderung sehe ich gleichzeitig als Stärke: Programme wie der Software Campus sind sehr komplex. Dadurch, dass viele Stakeholder zusammengebracht werden, ist es nicht immer einfach, das Programm so auszubalancieren, dass alle einen Nutzen haben. Dies ist eine Herausforderung, aber auch unsere Aufgabe. Und genau das macht den Software Campus schließlich aus.

Was macht den Software Campus für Sie einmalig?

Ich glaube, die besondere Kombination. Die Kooperation zwischen Forschung und Industrie mit ganz konkret 50 Projekten in jedem Jahr auf der einen Seite und diesem klaren Fokus auf Weiterbildung von Studierenden, um sie auf Führungspositionen vorzubereiten, auf der anderen Seite. Das macht den Software Campus schon einmalig.
Dabei geht es nicht unbedingt nur um den kurzfristigen Nutzen für alle Beteiligten. Es ist ganz klar eine langfristig angelegte Initiative.

Was begeistert Sie persönlich an Ihrer Arbeit?

Die gesamte Aufgabe des Programmmanagements. Es gibt hier eine Vielfalt an Aufgaben, zu denen unter anderem das Planen und Koordinieren der Bewerbungsphase und das Erstellen von Trainingsplänen gehört. Daneben habe ich einen Blick auf die Weiterentwicklung der technischen Plattform, kläre juristische Fragen, erstelle Konzepte und bin tagtäglich in Kontakt mit den Teilnehmer*innen um Fragen zu beantworten. Diese abwechslungsreiche Zusammenarbeit ist einmalig. Alle Beteiligten ziehen daraus einen großen Nutzen und das ist für mich als Programmleiter natürlich toll und gleichzeitig auch ein Ansporn, um die Zukunft optimal für alle zu gestalten.

(cst)

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