Grau ist alle Theorie – und gerade in der Theorie gibt es im Moment eine Vielzahl von Beschreibungen zum Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI). Aber wie »bunt« ist im Gegensatz dazu die Praxis? Wird KI in Unternehmen in Deutschland bereits intensiv genutzt? Von wem, in welchen Bereichen und vor allem: Mit welchen Erfahrungen? Licht ins Dunkel bringt eine aktuelle Studie des Fraunhofer IAO. Sie zeigt, dass KIs in der Regel das Gros der unternehmerischen Erwartungen erfüllen und selbst KMU die wachsenden Einsatzmöglichkeiten sehr genau beobachten.

Hallo Frau Friedrich, Hallo Herr Meiren, der Einsatz von Künstlichen Intelligenzen in Unternehmen erlebt seit einigen Jahren einen regelrechten Hype – zumindest in den Medien. Ist dieser Überschwang gerechtfertigt?

Meiren: Das kommt darauf an, wie sachlich Sie herangehen. Tatsache ist, dass wir in unserer »Studie zum Einsatz Künstlicher Intelligenz in Unternehmen« zeigen konnten, dass rund 16 Prozent aller befragten Unternehmen KI im Einsatz haben. Und drei von vier Befragten sagen, dass sie sich zumindest damit beschäftigen: Sie informieren sich, betreiben Potenzialanalysen oder bereiten bereits die Einführung vor. All das deutet darauf hin, dass das Thema KI schon heute sehr bedeutend ist und in Zukunft noch wichtiger werden wird.

Friedrich: Was uns die Studie aber auch gezeigt hat: Der in den Medien intensiv diskutierte Einsatz vollautonomer Systeme findet in der Praxis derzeit faktisch nicht statt.

Das sind Systeme, die komplett und unabhängig selbst entscheiden …

Friedrich: … richtig. Wir haben kaum eine Anwendung gefunden, die voll autonom gearbeitet hat. Der Fokus liegt meist darauf, Menschen in ihrer Tätigkeit zu unterstützen. Einsatzszenarien wie etwa zur autonomen Mobilität kamen erstaunlicherweise nicht vor. Künstliche Intelligenz wird aktuell vor allem eingesetzt, um Prozesse zu automatisieren und Daten zu analysieren. Sie ist also lediglich ein Hilfsmittel, um Entscheidungen zu erleichtern und Prozesse effizienter zu gestalten. Mehr nicht. Aber das ändert sich wohl in den kommenden Jahren.

Meiren: Mit der Konsequenz, dass dann auch mehr Spezialisten gebraucht werden. In unserer Studie haben fast alle Unternehmen den Bedarf an Spezialisten als groß eingeschätzt.

Gibt es Schwerpunktbranchen, für die eine KI besonders bedeutend ist?

Meiren: Das sind vor allem Dienstleistungsunternehmen. Ein Grund dafür dürfte sein, worüber wir gerade schon gesprochen haben: Eine KI wird vor allem bei Routinetätigkeiten eingesetzt. Denken Sie beispielsweise an Chatbots. Hier ist ein Einsatz bereits vergleichsweise einfach zu bewerkstelligen. Konträr dazu wird im Bereich der Fertigung oder Montage die Bedeutung rund 20 Prozent geringer eingeschätzt. Hier ist der Aufwand in der Regel höher.

Friedrich: Oder denken Sie an ein Dienstleistungs-Back-Office wie beispielsweise die Vorab-Prüfung und Klassifizierung von Schadensfällen in einem Versicherungsunternehmen. Hier scheint der Einsatz einer KI sinnvoller als bei hochkomplexen, interaktiven Prozessen. Bei Letzteren sind zusätzlich sehr intuitive und empathische Herangehensweisen gefragt. Zudem gibt es über den eigentlichen Nutzen hinaus die Überlegung, dass der Einsatz moderner Technik auch zu einem Imagegewinn führen kann.

Sie haben mehr als 300 Unternehmen in Deutschland befragt. Nach welchen Kriterien haben Sie diese ausgewählt?

Meiren: Wir haben zunächst drei Größenklassen definiert: Weniger als 250 Beschäftigte, bis zu 2.500 Beschäftigte und darüber. Danach wurden Adressenlisten zusammengestellt und die Unternehmen angeschrieben. Wer sich gemeldet hat, wurde in die Studie aufgenommen. Diese Vorgehensweise war zwar praktikabel, aber sie hat leider auch dazu geführt, dass Großunternehmen etwas überrepräsentiert sind, weil hier der Rücklauf umfangreicher war.

Friedrich: Trotzdem hatten wir durch die Festlegung auf die Größenklassen die Möglichkeit, große mit kleinen und mittelständischen Unternehmen zu vergleichen – mit einem interessanten Ergebnis: Bei großen Unternehmen setzt etwa ein Drittel KI ein, bei KMU sind es lediglich neun Prozent.

Generell zeigt Ihre Studie also, dass »kleinere« Unternehmen eher hinterherhinken.

Friedrich: Da die Studie nicht den Anspruch auf Repräsentativität erhebt, haben wir dazu zwar keine verlässlichen Zahlen. Trotzdem ist mir diese Schlussfolgerung zu einfach. Zum einen ist der Einsatz von KI in KMU natürlich auch deshalb begrenzt, weil es weniger Prozesse an sich gibt. Ein zweiter Punkt sind die Kosten. In Zukunft wird es aber mehr und mehr möglich werden, statt stark individueller Umsetzungen Lösungen »von der Stange« zu nutzen, die dann angepasst werden. Unter anderem mit dieser Erwartung erklären wir uns auch die hohe Zahl zunächst »nur« generell interessierter und beobachtender Unternehmen.

Aber in den Medien wird gerade KMU immer wieder unterstellt, dass ihre bisherige Zurückhaltung beim Einsatz von KI mit Unwissenheit und Angst vor Veränderung zu tun hat.

Friedrich: Zurückhaltung oder Uninformiertheit sehen wir nicht. Im Gegenteil: Die Studie zeigt, dass auch KMU sehr wohl wissen, was der Einsatz von KI für sie bedeuten kann. Drei Viertel haben sich mit einem möglichen oder tatsächlichen Einsatz beschäftigt – vor allem mit dem Ziel, Prozesse zu beschleunigen und die Produktivität zu steigern. Dieser vergleichsweise hohe Wert zeigt also, dass auch KMU in Hinblick auf KI sensibel sind.

Welche Erfahrungen haben diejenigen Unternehmen gemacht, die KI bereits einsetzen?

Friedrich: Hier sind die Ergebnisse eindeutig: Unternehmen, die KI einsetzen, äußern sich allesamt positiv. Ihre Erwartungen wurden also erfüllt.

Meiren: Wir hatten auch gefragt, ob sich der festgestellte Nutzen anhand einzelner Unterkriterien wie unter anderem Kostenreduktion, Zeitersparnis, Zufriedenheit oder der Erschließung neuer Märkte genauer quantifizieren lässt: Jeder, der KI im Einsatz hat, hat auf einer fünfstufigen Skala bei mindestens einer dieser Kategorien den Höchstwert vergeben.

Und wo liegen die Hindernisse bei der Einführung?

Meiren: Vor allem im Bereich Datenschutz und Datensicherheit, dem Fehlen der gesuchten maßgeschneiderten Lösung und bei den Kosten. Faktoren wie ein Vertrauensverlust bei Kunden und Mitarbeitenden oder fehlende Anwendungsmöglichkeiten spielen eine eher untergeordnete Rolle.

Wird es eine Folgestudie geben?

Meiren: Wir gehen davon aus. Die aktuelle Studie haben wie noch allein mit Mitteln des Instituts finanziert. Ich hoffe aber, dass wir in Zukunft mit einer Förderung, beispielsweise durch den Bund, eine noch umfangreichere Untersuchung durchführen können.

(aku)

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  • Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO
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