Digitale Kulturgüter en masse – das ist eine Herausforderung für den Umgang mit digitalen Medien. Und eine Herausforderung für städtische Museen, Bibliotheken und Archive. In Digitalbeständen kann recherchiert werden, sie ermöglichen Online-Ausstellungen und thematische Zusammenstellungen. Doch dafür müssen die Kulturschätze zunächst »geborgen« werden. Allein in den »Staatlichen Museen zu Berlin« sind dies sechs Millionen Objekte. Der Aufwand für ihre Auszeichnung, die Anreicherung mit Metadaten, lässt sich kaum abschätzen. Eine Kooperation vom Ethnologischen Museum in Berlin, dem Fraunhofer FOKUS und einem Fellow von Code for Europe erprobt eine einfache Lösung: »digitales Ehrenamt«. Über eine App können engagierte Bürger digitale Objekte mit Metadaten anreichern. Ihr Einsatz wird mit Quellcode, Bildern und Spielspaß belohnt. Los geht es heute.

1769 wurde am österreich-ungarischen Hof der erste selbständige »Schachroboter« gebaut. Sein Benutzer sah sich einem Tisch mit Spielbrett gegenüber. An diesem saß als Spielgegner eine Figur in türkischer Tracht und machte ihre Züge, begleitet vom mechanischen Geräusch eines Uhrwerks. Was Benutzer wie Zuschauer nicht wussten: Ein Kasten im Tisch versteckte einen menschlichen Spieler, der alle Züge kontrollierte. Das aufsehenerregende Gerät wurde damit zum Symbol für die Illusion, dass wir menschliche Intelligenz völlig ersetzen können, und für das durchaus stolze Eingeständnis, dass wir doch nicht auf sie zu verzichten vermögen. Heute, im digitalen Zeitalter, bietet Amazon den »Mechanical Turk« als einen Webservice an. Über ihn können Unternehmen auf menschliche Intelligenz zurückgreifen, beispielsweise für Transkriptionen, Detailrecherchen und um Datenduplikate zu entfernen. Zu solchen sogenannten Human Intelligence Tasks zählen auch Metadaten für Bilder: Wie in der Vorrichtung aus dem 18. Jahrhundert stecken hinter ihnen immer Menschen, denn bislang kann kein Algorithmus Bildinhalte zuverlässig und robust identifizieren.

Die Geschichte hinter der neuen App klingt daher vertraut: Das Ethnologische Museum stand vor einem schier unlösbaren Problem. Es verfügte über riesige Mengen kaum gesichteter digitaler Bilder aus dem ehemaligen Bestand der Berliner Anthropologischen Gesellschaft. Knapp 4.000 dieser Bilder aus der Sammlung Afrika wollte das Museum der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Doch unzählige Dateien ohne Metadaten, das heißt ohne Möglichkeit, sie zu durchsuchen, sind für die Öffentlichkeit kaum von Nutzen. Die Kapazitäten, um diesem Problem beizukommen, waren begrenzt – auf wenige Praktikanten, die vor viel mühseliger Arbeit standen. Entwickler Alan Meyer, ein Fellow der Initiative Code for Europe, eröffnete eine Lösung: ehrenamtliche Bürgerhilfe per App mit gemeinsamem kommunalen Nutzen, sogenanntes Digital Volunteering. Immerhin nimmt regelmäßiges Engagement seit den 1990er Jahren in Deutschland zu. Und insbesondere Menschen, die sich als phantasievoll, originell und kreativ einschätzen, so beobachteten 2010 Forscher vom Wissenschaftszentrum Berlin, machen sich stark. Die Nutzer der App engagieren sich durch ein einfaches Vertaggen mit Gamecharakter. Das Museumspersonal ergänzt später Fachwissen über Kontext und Hintergrund der Bilder.

»Tag.Check.Score.« – so einfach kann Ehrenamt sein. Die App könnte nicht intuitiver sein: »Was du siehst, ist was du taggst«, so empfängt sie den Nutzer. Und schon sieht dieser ein Bild: Person, Sonne, Hütte – Klick, Tag. Neben den Tags wird eine Kategorisierung erbeten. Handelt es sich bei dem Bild um eine Naturphotographie, ist es eine Postkarte, wird eine Szenerie oder Tätigkeit gezeigt? Wer noch mehr weiß, darf Fachwissen in einem freien Textfeld unterbringen. Die App erkundigt sich aber auch, ob der Nutzer einem bereits vergebenen Tag zustimmt: »Verbindest du dieses Bild mit dem Begriff ›Ochsen‹?« – »Ja.« Und schon gibt es Punkte, die sich speichern lassen; es darf ja auch Spaß machen. Die Top 10 sind bereits besetzt – das kann sich aber noch ändern. Wer abschließend das Ergebnis seiner Tagging-Arbeit betrachten möchte, durchsucht nun das gesamte Bildarchiv nach Stichworten, beispielsweise »Baum« oder »Kamel«, und lädt sich Lieblingsbilder direkt herunter. »Man muss nicht Fachexperte sein, um diese Anwendung zu nutzen, sondern es kann auch einfach Spaß machen«, so Lena-Sophie Müller, Projektleiterin am Fraunhofer FOKUS. Und das machte es Menschen unterschiedlichster Altersgruppen im internen Test.

Lena-Sophie Müller betont aber ebenso: »Letztlich tut man auch etwas Gutes damit und trägt so zum größeren Ganzen bei.« Das ist der Initiative Code for Europe (CfE), welche sich um die Finanzierung gekümmert hat, wichtig: Nach erfolgreichem amerikanischen Beispiel sollen Entwicklerteams mit ihrer Hilfe wiederverwendbare IT-Lösungen für spezifische Probleme von Städten entwickeln. Die Teams sollen damit in enger Anbindung an die Verwaltung städtische Dienstleistungen verbessern. Die Anforderungen: Jede Anwendung muss ebenso über Desktopcomputer wie über mobile Geräte zugänglich sein und der Stadt ermöglichen, ihre Bürger effektiv zu beteiligen. Schlüsselbegriffe sind Transparenz und Kollaboration. Demgemäß ist Tag.Check.Score. eine Web- und Mobile-Applikation, die Bürgern ein tatkräftiges Engagement für die öffentliche Verfügbarkeit digitaler Kulturgüter ermöglicht. Die Anwendungen sollen dabei stets »shareable« sein, nämlich auch in jeder anderen Stadt einsetzbar. Die Verwaltungen erlernen, so der Gedanke, ein prinzipien- statt sektorenbestimmtes Arbeiten. Die Aufgabenteilung dabei: Öffentliche Stellen identifizieren Herausforderungen für kommunale elektronische Dienste. CfE als Schnittstelle sammelt nun Spendengelder und schreibt ein Stipendium für Softwareentwickler aus. Die beste Idee wird gefördert und im ständigen Austausch zwischen Kommune, CfE und Entwicklern erarbeitet. In Berlin übernahm ausnahmsweise nicht die Stadt die Koordination der Entwicklung, sondern das Fraunhofer FOKUS.

»Tag.Check.Score.« ist damit ein durch und durch europäisches Kind: Dem heutigen Launch werden Präsentationen auf der Open Knowledge Conference OKCon in Genf (17.09.2013) und auf der Amsterdam Urban Innovation Week AIUW (20.09.2013) folgen. Verfügbar auf Englisch und auf Deutsch, steht zudem vielfältigen weiteren Ideen für den Einsatz der App nichts im Weg: Archive mit historischen Stadtbildern fragten bereits an, auch die Nutzung im städtischen Tourismusbereich kann sich Lena-Sophie Müller gut vorstellen. Und was passiert mit dem Quellcode und den kollektiv gesammelten Tags? Der Code geht über GitHub, die verbreitete Plattform für Software-Projekte, unter der AGPL-Lizenz zurück in die Bevölkerung. Jeder mit entsprechenden Grundkenntnissen in der Programmiersprache Python kann das kreative Potenzial des Codes dann auch außerhalb des Verwaltungskontexts nutzen, ganz nach dem Open-Source-Prinzip. Die Bilder wiederum sind nicht nur mittels Tags in der Applikation auffindbar, sondern in Verbindung mit einer Creative-Commons-Lizenz auch downloadbar. Das Museum bittet einzig um einen verantwortlichen Umgang mit dem Material, das aus heutiger Sicht teils problematisch, doch historisch unersetzlich ist. Auf längere Sicht sollen die Bilder, ihre qualitätsgesicherten Tags und die dazugehörigen Fachinformationen dann gebündelt auf Online-Portalen wie SMB-digital und Europeana veröffentlicht werden. Dank Ihrer Mithilfe. (ire)

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  • Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS
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