Je mehr Einblick in eine Situation, desto aussagekräftiger ist auch ihre Einschätzung. Wie aber machen es Forscher*innen bei Studien, die die Technik der Zukunft betreffen? Hier fehlt allen Befragten eine konkrete Vorstellung. Es gibt keine einheitliche Bewertungsgrundlage. Im Projekt »2049: Zeitreise Mobilität« hat ein Team am Fraunhofer IAO die Möglichkeiten von Virtual Reality genutzt, um Studienteilnehmer*innen Einblick in die Zukunft zu verschaffen. So konnten sie zeigen, welche Mobilitätsangebote auf Akzeptanz stoßen und welche Prioritäten die Reisenden in 30 Jahren setzen wollen.

Sicher ist, dass wir auch in Zukunft mobil sein wollen. Unsicher dagegen sind sich Expert*innen, wie wir das machen werden. Um diese Frage zu beantworten, sind die Forscher*innen am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO mit ihrer Studie »2049: Zeitreise Mobilität« einen wichtigen, ersten Schritt gegangen. Sie haben untersucht, wie wir in Zukunft überhaupt unterwegs sein wollen. Denn natürlich werden wir auch in Zukunft primär diejenigen Verkehrsmittel nachfragen und nutzen, von denen wir überzeugt sind. Deshalb fragt die Studie zunächst nach den Erwartungen, die wir – beziehungsweise einzelne Bevölkerungssegmente – an verschiedene Mobilitätsangebote haben. Wie wichtig ist der Komfort? Welche Bedeutung hat das ökologische Gewissen? Wie hoch sind die Erwartungen an die Sicherheit? 

Das Problem dabei: Um beurteilen zu können, was uns künftig wichtig ist, müssen wir eine Vorstellung davon entwickeln, welche Angebote es in Zukunft geben wird und wo mögliche Vor- und Nachteile liegen. Und die Befragten müssen zusätzlich wissen, wie die Rahmenbedingungen aussehen. Denn Verkehrsaufkommen, das Fortschreiten des Klimawandels, aber auch technische Entwicklungen und die Wertvorstellungen allgemein verändern die Sichtweise auf die Mobilität der kommenden Dekaden. Wer also abfragen will, mit welchen Mitteln sich eine Gesellschaft in Zukunft fortbewegen will, muss für die Befragten einheitliche Zukunftsszenarien möglichst erlebbar machen. So wissen alle, wovon das Gegenüber spricht, und können die individuellen Einschätzungen besser analysieren.

Einsatz von VR als Transfermedium

Und genau an diesem Problem setzte das rund dreijährige Studienprojekt im Januar 2019 an. Gemeinsam mit dem Hessischen Rundfunk haben die Forscher*innen am Fraunhofer IAO ein interaktiven, Virtual-Reality-Film entwickelt. Testpersonen können damit fiktiv in künftige Szenarien realer Städte in Deutschland und den USA eintauchen. Genauer: In Verkehrssituationen im Jahr 2049. So lernen sie unterschiedliche Mobilitätskonzepte der Zukunft kennen und können sie anschließend bewerten. Ergänzt wird dieser quantitative Studienteil durch einen qualitativen. Dafür führten die Forscher*innen Fachinterviews mit ausgewählten deutschen und US-amerikanischen Expert*innen auf dem Mobilitäts- und Transportsektor.

Aufwendig für die Studie war aber vor allen der quantitative Teil. Rund ein halbes Jahr lang baten die Forscher*innen rund 1.600 Proband*innen über einen Online-Fragebogen oder bei öffentlichen Veranstaltungen in den USA und Deutschland um ihre Einschätzung. Wer vor Ort war, sollte zudem (und vor allem) eine VR-Brille aufsetzen und in virtuelle Eindrücke zur Mobilität im Jahr 2049 eintauchen. Anschließend wurde dann von den Einschätzungen berichtet. 

 

Im Vordergrund eine ältere Frau mit VR-Brille, dahinter eine junge Frau, die erklärt. Im Bildhintergrund eine Gruppe von Menschen.
VR gilt als Zukunftstechnologie um auch älteren Menschen den Einstieg in digiale Technologien und Zukunftsvisionen zu ermöglichen. Bild: Elia Schmid | Fraunhofer IAO

»Fenster in die Zukunft«

Als »Fenster in die Zukunft« entwickelten die Forscher*innen fünf mögliche Szenarien. Dazu gehört zum einen Mobilität im dreidimensionalen Raum, also der Einsatz von neuartigen Transportkonzepten wie Passagierdrohnen und fliegende Autos. Zum Zweiten eine autonom geteilte Mobilität, zu der beispielsweise auch innerstädtische Taxifahrten gehören. Zum Dritten ein kostenloser, öffentlicher Nahverkehr. Viertens die urbane Mikromobilität mit Fokus auf Kleinstfahrzeugen wie elektrischen Rollern und Leihrädern vorwiegend für die Kurzstrecke oder die letzte Meile. Und schließlich, fünftens, ein maximaler Mobilitätsverzicht: In diesem Szenario finden die Menschen in ihrem unmittelbaren Umkreis alles vor, was sie benötigen und wünschen und das Mobilitätsbedürfnis ist entsprechend gering ausgeprägt.

»All diese Zukunftsszenarien stehen für den Wandel in der individuellen Mobilität, wie wir sie bisher kennen.«, erklärt Studienleiter Patrick Ruess vom Fraunhofer IAO. Während das eigene Auto im 20. Jahrhundert zum Inbegriff individueller Freiheit geworden ist, sind die Anforderungen an eine vielfältige, urbane Mobilität heute deutlich gestiegen. Welche Rolle fliegende Autos, autonome (Kleinst-)Fahrzeuge, neue Betreibermodelle und alternative Lebensweisen in unseren zukünftigen Lebensräumen aber im Detail spielen werden, sei noch offen. »Es ist für Städte heute deutlich schwieriger geworden ein eigenes Mobilitäts-Leitbild zu definieren«, sagt Ruess. Einzelne Szenarien und selbst wissenschaftliche Studien wie zur Mobilität 2049 könnten hier kaum klare Prognosen liefern. Sie seien lediglich eine wertvolle Hilfestellung.

Emissionsfreiheit ganz oben auf der Agenda

Eine Hilfestellung liefert unter anderem die Antwort auf die Frage, welche Bedeutung einzelne Gesichtspunkte bei der Wahl des Fortbewegungsmittels der Zukunft einnehmen. Dafür wurden alle Teilnehmer*innen der Umfrage als einer von fünf Generationengruppen angehörig unterteilt. Von den »Traditionals«, die bis 1955 geboren wurden, über die Generation Babyboomer (bis 1965), die Generation X (bis 1980), die Generation Y (bis 1994) und die Generation Z (geboren ab 1995). Zudem wurden anhand der verschiedenen Einschätzungen Kategorien gebildet, die einzelne der genannten Antwortbereiche am ehesten widerspiegeln. Dazu gehören Kostenfreiheit, Flexibilität, Geschwindigkeit, Emissionsfreiheit und Sicherheit. Aus dieser Matrix ergibt sich nun ein klares Bild darüber, welche Eigenschaften bei der Wahl der Fortbewegungsmittel von morgen bei welcher Generation als besonders wichtig eingestuft werden. 

»Ein in seiner Eindeutigkeit besonders überraschendes Ergebnis war für uns, dass das Thema Emissionsfreiheit von fast allen Altersgruppen am höchsten priorisiert wurde. Lediglich bei der jüngsten Generation liegt es – nach der Kategorie Sicherheit – auf dem zweiten Platz«, resümiert Ruess. Neben der Emissionsfreiheit und der Verkehrssicherheit gehört auch die Flexibilität zu den wichtigsten Charakteristika, die sich die Befragten durch die Generationenbank wünschen. Ein schnelles Vorwärtskommen finden hingegen nur die beiden jüngeren Generationen (Y und Z) besonders wichtig. Bei allen anderen ist dieses Thema nicht unter den Top Fünf zu finden. Dafür zeigt sich hier aber ein ausgeprägteres Bedürfnis nach Benutzerfreundlichkeit. 

Virtual Reality für mehr Akzeptanz von Technologien 

Neben den Ergebnissen an sich hat sich die Vermutung der Forscher*innen bestätigt, dass die Unterstützung der Vorstellungswelt von Proband*innen durch VR ein wesentliches Kommunikations- und Transfermedium sein kann. »In Zeiten, in denen Wirkzusammenhänge zwischen verschiedenen Einflussfaktoren immer schwerer nachzuvollziehen sind, ist das Denken in Szenarien und das Bewerten alternativer Pfade in der Zukunftsforschung unumgänglich«, bescheinigt die Studie.  Die empirische Wirtschafts- und Sozialforschung benötige daher auch neue Visualisierungs-Werkzeuge wie VR, um für die Zukunft zu planen. »Wir konnten zeigen, dass durch den Einsatz von Virtual Reality abstrakte Konzepte zugänglicher werden können – gerade bei Laien«, bestätigt auch Ruess. Alle Proband*innen hätten die fiktiven Mobilitätsszenarien intuitiv wahrgenommen, weil es ihre Emotionen auf intensive, aber auch spielerische Weise anspricht. Aus Sicht der Wissenschaft sei VR deshalb auch künftig ein geeignetes Werkzeug für die Erhebung von Meinungen und um die Akzeptanz von Technologien zu erhöhen.

(aku)

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