Grüne Informationstechnik ist mittlerweile vieles: grüne Rechenzentren, optimierte Produkt- und Reisewege, Energy Harvesting, Smart Grids. Mehr noch eröffnet sie uns Möglichkeiten, die Nutzung erneuerbarer Energien tatsächlich wie geplant umfangreich auszubauen. Mit all dem ist sie aber eines sicher nicht mehr, nämlich grün hinter den Ohren.

Informations- und Kommunikationstechnologien assoziieren wir nach wie vor nur selten mit Nachhaltigkeit. Wir kennen sie vor allem als Energieverbraucher. Laut Deutscher Energieagentur verzehren allein die Rechenzentren in Deutschland über zehn Milliarden Kilowattstunden. Dies entspricht etwa der Leistung von drei mittleren Kohlekraftwerken. Langsam tritt jedoch auch die große Bedeutung von IT für den Umwelt- und Klimaschutz zutage. So wurde »Grüne Informationstechnik« kürzlich vom Statistischen Bundesamt erstmals in der Erhebung zur »Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien in Unternehmen« berücksichtigt. Laut einer im März veröffentlichten Studie von BearingPoint und BITKOM räumen viele der befragten kleineren, mittleren und großen Unternehmen IT keinen deutlichen Wertbeitrag zu Umweltschutz und Nachhaltigkeit ein: 42 Prozent hielten ihn für gering. Dennoch würde die Hälfte aller Teilnehmer – unabhängig von der Unternehmensgröße – durchaus Investitionen in »Nachhaltigkeit durch IT« planen, insbesondere um Ressourcen einzusparen und die Effizienz zu steigern. Die Studie kam deswegen auch zu dem Schluss, dass »der vermeintliche Klimasünder IT […] Basis- und Querschnittstechnologie im Klimaschutz [wird] und […] als Katalysator für Nachhaltigkeit dienen [könnte].«

Die großen Schlagworte lauten in diesem Zusammenhang »Green IT« und »Green by IT«. »Green IT« bezeichnet die umwelt- und ressourcenschonende Gestaltung von Informations- und Kommunikationstechnologie, möglichst über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg. Der Begriff »Green by IT« hingegen beschreibt den intelligenten, energie- und ressourceneinsparenden Einsatz von IT, sowohl direkt als auch indirekt.

Green IT besitzt für Unternehmen jetzt schon Dringlichkeit. Der Anteil des Stromverbrauchs an den IT-Kosten ist laut Initiative EnergieEffizienz der Deutschen Energie-Agentur mittlerweile von fünf auf teilweise über 20 Prozent angewachsen. Marktforscher der Gartner Group gehen langfristig sogar von einem Anstieg auf 50 Prozent aus. Die Forschung arbeitet entsprechend bereits an Lösungsansätzen, wie zum Beispiel dem Green-IT-Hochleistungsrechenzentrum des Fraunhofer-Institutszentrums Schloss Birlinghoven. Hier wurde der Stromverbrauch der Arbeitsplatzrechner auf maximal 20 und der zur Kühlung benötigten Energie auf 50 Prozent reduziert. Diese enormen Einsparungen des Institutszentrums sind einer radikalen Konsolidierung seiner Server zu verdanken, welche gepaart mit moderner Technik auch eine deutlich effizientere Kühlung ermöglicht. Immerhin verbraucht Klimatisierung den größten Energieanteil in der Betriebstechnik. Hinzu kommen eine Thin-Client-Struktur sowie ein Blockheizkraftwerk, dessen Abwärme zum Heizen der Büroräume im Winter und mithilfe einer Absorptionskältemaschine zur Kühlung des Rechenzentrums im Sommer dient. Das Ergebnis ist ein grünes Hochleistungsrechenzentrum, das selbst den Anforderungen eines der großen deutschen Informatik-Forschungszentren mit rund 500 Wissenschaftlern mehr als gerecht wird. Und so wurde Schloss Birlinghoven kürzlich als »Ausgewählter Ort« in der Standortinitiative »Deutschland – Land der Ideen« ausgezeichnet. Die Verleihung des Preises von Bundesregierung und deutscher Industrie für nachhaltige Forschung und zur Stärkung der Marke »Deutschland« drückt zugleich aus, dass Green IT einen deutlichen Wertbeitrag schafft – als Markenindikation ebenso wie zur Kostensenkung, zur Leistungssteigerung und als Zukunftstechnologie.

Das größere ökonomische und ökologische Potenzial der IT bietet jedoch der Ansatz Green by IT. Er bringt eine besonders deutliche Effizienzsteigerung auf zahlreichen Gebieten mit sich. So kann IT helfen, Produktwege zu optimieren, indem Erzeugnisse durch »Tracking und Tracing« von der Produktion über Einbau und Austausch bis zu Entsorgung und Recycling verfolgt werden. In Großstädten können mobil abrufbare Reiseberater Daten verkehrsträgerübergreifend intelligent vernetzen und dadurch die Nutzung von Verkehrsmitteln effizienter und damit energiesparender machen. Ein weiteres Stichwort lautet Energy Harvesting. Dadurch lassen sich Energiepotenziale in der Umgebung wie Licht, Wärme und Bewegung mithilfe von IT identifizieren und für kleine, mobile Elektronikgeräte – beispielsweise Sensoren, Funksender und Ortungsgeräte in der Logistik – nutzen. IT ist in diesem Zusammenhang für die Analyse des Potenzials ebenso notwendig wie für die Abstimmung der eingesetzten Energiewandler.

Das wohl größte Forschungsfeld zu »Green by IT« bilden derzeit die sogenannten Smart Grids, in denen sich die Aufgaben der IT auf das gesamte Spektrum aus Messung, Analyse und Vernetzung verteilen – mit großer volkswirtschaftlicher und damit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung: Smart Grids sind eine mögliche Antwort auf regeltechnische Probleme durch die dezentrale, fluktuierende Einspeisung von Wasser-, Sonnen- und Windenergie in unsere Stromnetze. Das Ziel besteht in einer stabilen und zuverlässigen Stromversorgung, das heißt einer Vermeidung von Bedarfsspitzen sowie möglichst einer Speicherung von kurzzeitig überschüssiger Energie. Die Einsatzfelder reichen dabei von vernetzten Privathaushalten, in denen die Waschmaschine nachfragearme Zeiten abwartet und die Tiefkühltruhe bei Energieüberschuss ihre Speicher volllädt, über E-Cars, die ihre Aufladung gezielt auf die Verfügbarkeit von grünem Strom anpassen, bis hin zu Industrial SmartGrids, die ineffiziente Verbrauchsspitzen vermeiden, indem ein Energiemanagement kleinste Zeitfenster identifiziert und anhand dieser Maschinen optimal gestaffelt einschaltet.

Zusammengenommen lässt sich Nachhaltigkeit heute somit gar nicht mehr ohne IT denken. Diese erlaubt uns, regenerative Energien auszubauen und somit konsistent mit unseren Ressourcen umzugehen. Sie bietet uns Möglichkeiten einer effizienten Nutzung, die ökonomisch wie ökologisch gleichsam bedeutend ist. Und schließlich zeigt sie uns selbst kleinste Einsparpotenziale auf und nutzt diese oftmals ganz automatisch. So erscheint der Weg zur Nachhaltigkeit gleich ein ganzes Stück kürzer. (lre)

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