Das EU-Projekt CAP4Access will die Diskussion über Barrierefreiheit an öffentlichen Orten fördern und technologische Hilfsmittel wie ein Navigationssystem für Rollstuhlfahrer entwickeln. Beim Sammeln der nötigen Daten setzen die Projektpartner auf die Mithilfe der Bevölkerung in europäischen Städten.

Das Bewusstsein schärfen und Barrieren abbauen – nicht nur in den Köpfen der Menschen: Das ist das Ziel von CAP4Access. In dem durch die EU geförderten Projekt geht es darum, den Alltag von Menschen mit eingeschränkter Mobilität zu verbessern. Mit verschiedenen Pilotprojekten und Aktionen wollen die Projektpartner in London, Wien, Heidelberg, Berlin und dem spanischen Elche gemeinsam Daten über die Zugänglichkeit von Orten sammeln und die Öffentlichkeit auf ihre Initiativen aufmerksam machen. Die Daten sollen unter anderem für eine neue Navigationssoftware genutzt werden, die sich speziell an die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern, Eltern mit Kinderwagen oder älteren Menschen mit Gehhilfen richtet. Verantwortlich für die technische Umsetzung und die Datenintegration ist das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS. »Die neue Navigationssoftware wird auf der freien Datenbasis von Open Street Map (OSM) basieren, für die ebenfalls die Nutzer selbst die Daten sammeln«, erklärt Dr. Hans Voss, Leiter des CAP4Access-Projekts am Fraunhofer IAIS.

Offene Daten sinnvoll nutzen

Zu den Projektpartnern gehören neben der Empirica Gesellschaft für Kommunikations- und Technologieforschung mbH und der Universität Heidelberg auch die Sozialhelden, ein gemeinnütziger Berliner Verein, der unter anderem das Projekt Wheelmap.org ins Leben gerufen hat. Auf der Wheelmap-Karte können Nutzer öffentliche Orte und Gebäude wie Restaurants, Supermärkte, Friseure oder Ämter farblich markieren. Die Farbe zeigt die Erreichbarkeit der Orte für Rollstuhlfahrer an. Grün markierte Orte sind rollstuhlgerecht, gelbe Orte nur teilweise zugänglich und rote Orte gar nicht zugänglich. Außerdem können Punkte für eine mobile Rampe vorgeschlagen werden.

Seit dem Start der mehrfach ausgezeichneten Wheelmap vor fünf Jahren mit 1.000 markierten Orten wurden von den Nutzern eine halbe Million Orte weltweit markiert. Im Schnitt gibt es 300 neue Meldungen pro Tag. Nicht nur die Wheelmap-Daten, sondern auch das Prinzip des gemeinsamen Datensammelns will das CAP4Access-Projekt nutzen. Geplant ist, die Informationen der Navigationssoftware ebenfalls mit Hilfe der Bevölkerung zu vervollständigen. Genau wie bei OSM und Wheelmap sollen die Daten dann als Open Source verfügbar sein.

Auch Informationen aus bereits vorhandenen Open-Data-Beständen sollen in die Navigation einfließen. Denn an manchen Orten sind relevante Daten zur Barrierefreiheit bereits verfügbar. Die Stadt Wien, eine der Pilotstädte von CAP4Access, überlässt dem Projekt ihre Daten zu Bordsteinabsenkungen von Gehwegen. Die Navigationssoftware erhält damit die Information, an welchen Stellen eine Straße überquert werden kann. Nun wollen die Verantwortlichen Öffentlichkeit und Politik auf sinnvolle Einsatzmöglichkeiten dieser sowie weiterer Daten, zum Beispiel zur Oberfläche, Neigung und Steigung von Gehwegen, aufmerksam machen.

Mapping-Aktionen in Pilotstädten

Um das Sammeln von Daten weiter voranzutreiben, rufen die Projektpartner in den Pilotstädten regelmäßig zu Mapping-Aktionen auf. Die Teilnehmer organisieren sich dabei für einen Tag in Teams und schwärmen in die Stadt aus, um weitere Orte in der Wheelmap zu markieren. Diese Daten sollen später auch für das CAP4Access-Navigationssystem genutzt werden. Doch wie kann der Nutzer wissen, ob die Orte auch korrekt markiert wurden? Um die Eintragungen zu verifizieren, können für jeden Ort mehrere Markierungen vorgenommen werden. »Ähnlich wie bei Produktbewertungen wollen wir so Evidenz sammeln, um die Bewertung zu verstärken«, erklärt Voss. Das ist auch dann hilfreich, wenn sich die Barrierefreiheit an einem Ort ändert, etwa aufgrund einer Baustelle oder weil nachträglich eine Rampe installiert wurde.

Geplant ist außerdem, Höhendaten in die Navigation miteinzubeziehen, um berechnen zu können, wie steil ein Weg ist. Zusätzlich können die Punkte auf der Navigationskarte mit Bildern von Eingängen oder Räumen sowie Informationen zu Öffnungszeiten versehen werden.
Individuelle Routenempfehlungen

Die Berechnung der Route erfolgt für den Nutzer individuell. Und zwar nicht nur abhängig von seinem Startpunkt und Ziel, sondern angepasst an die eigenen Möglichkeiten: »Bei Rollstühlen gibt es große Unterschiede zwischen den Modellen: Es gibt beispielsweise schwere Elektrorollstühle, mit denen selbst eine einzelne Stufe ein großes Hindernis darstellt. Deshalb können die Nutzer des Navigationssystems ein eigenes Profil anlegen, das Informationen darüber enthält, was sie vermeiden wollen. Das könnte zum Beispiel so aussehen: Kein Kiesweg, Steigung nicht mehr als fünf Grad, Bordsteinkanten nicht höher als sieben Zentimeter«, so Voss. Auch öffentliche Verkehrsmittel sollen in die Routenplanung einbezogen werden.

Die Forscher arbeiten auch an der bedarfsgerechten Visualisierung der Navigationskarten. So können Nutzer sich zum Beispiel anzeigen lassen, wie viel Prozent eines Ortes bereits markiert wurden.
Ein Prototyp der Navigationssoftware soll noch in diesem Jahr in der Praxis getestet werden. (mdi)

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