Selbständig mobil zu sein, ist grundlegend für die alltägliche Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und für Lebensqualität. Tourismusangebote und Individualausflüge können Menschen mit Mobilitätseinschränkungen jedoch oft nicht wahrnehmen. Sie wissen schlicht nicht, ob und wie sie ihr Ziel barrierefrei erreichen. Ein spezielles Navigations- und Informationssystem beseitigt genau diese »Wissensbarriere«.

Mit Auto, Bahn, öffentlichem Nahverkehr, Fahrrad oder zu Fuß – der Online-Routenplaner weiß für jeden Mobilitätswunsch, wie man am besten von A nach B kommt. Und unterwegs lotsen einen Navi oder Smartphone-App zum Ziel. Für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen aber sind Navi, Maps und Co. nur wenig hilfreich. Wer auf barrierefreie Wege angewiesen ist, benötigt für Reiseplanung und Navigation zusätzliche und detaillierte Informationen über die Wegesituation vor Ort. Stufen, Steigungen, zu schmale Durchgänge und ähnliche Hindernisse sind oft unüberwindbare Hürden. Das gilt für den Rollstuhlfahrer genauso wie für Senioren mit Rollator und Gehhilfe, Eltern mit Kinderwagen oder Personen, die Treppen oder Schwellen nicht oder nur eingeschränkt bewältigen können. »Weil sie nicht wissen, ob sie möglicherweise auf Barrieren stoßen, sehen viele Mobilitätseingeschränkte derzeit einfach keine Möglichkeit, eigenständig Reisen und Ausflüge zu unternehmen oder an Veranstaltungen teilzunehmen«, sagt Steffen Meyer vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS.

Das Barrierefrei-Navi

Im vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt »ACCESS« entwickelten Forscher von Fraunhofer IIS gemeinsam mit Unternehmen und Interessensverbänden für Senioren und mobilitätseingeschränkte Personen ein Navigations- und Informationssystem. Kernelemente sind ein Erfassungs-Tool und ein Routenplaner für Smartphone, Tablet und PC. In Kombination werden damit bestehende Barrieren erfasst und je nach Art der individuellen Mobilitätseinschränkung geeigneten Wege zum Zielort gefunden. Die einzelnen Hürden sind dafür nicht nur einfach auf dem Ortsplan vermerkt.

Das Barrierefrei-Navi lotst Senioren und mobilitätseingeschränkte Personen ohne Hindernisse durch Stadt und Gebäude Bild: IT2media

»Jede einzelne Gegebenheit muss exakt beschrieben werden, damit das System auch seine Aufgabe erfüllen kann. Denn eine Barriere ist eine individuelle Bewertung, eine zu steile Rampe zu einem Bahnsteig kann für einen älteren Rollstuhlfahrer alleine beispielsweise ein unüberwindbares Hindernis darstellen. Ist er dagegen mit einer Begleitperson unterwegs, stellt sie keine Barriere dar«, erklärt Meyer. Unter der Projektleitung von IT2media entwickelten die Partner das mobile Barriere-Erfassungs-Tool von ACCESS. Damit sollen nicht wie bisher üblich nur ausgewiesene Fachpersonen Barrieren aufnehmen können. Vielmehr wird auch die engagierte Öffentlichkeit in die Lage versetzt, bestehende Hindernisse zu erfassen und mit den erforderlichen Informationen an das Navigationssystems zu melden.

Mit dem Barriere-Erfassungs-Tool von ACCESS können nicht nur ausgewiesene Fachpersonen, sondern auch die engagierte Öffentlichkeit Hindernisse erfassen und an das Navigationssystems melden. Bild: Gunther Wölfle | SOCIOPOLIS

Auch die Benutzeroberfläche der Anwendung selbst wurde speziell seniorengerecht gestaltet. Am Touchscreen übliche Eingabeoptionen wie Wischen oder Zoomen durch Auseinanderzeihen zweier Finger stellen bei abnehmender Fingersensibilität bereits bei der Routenplanung eine Hürde dar. »Die Bedienung erfolgt daher in erster Linie über klar verständliche und einfach zu bedienende Buttons«, sagt Meyer.

Ohne Hindernisse bis ans Ziel

Ein elektronischer Lotse, der wie ein herkömmliches Navi nur auf dem Weg bis zum Zielgebäude funktioniert, könnte die Reiseplanung für Mobilitätseingeschränkte aber nur zur Hälfte lösen. »Ebenso wichtig, wie die Navigation durch die Straßen einer Stadt ist für sie, auch innerhalb des Zielgebäudes barrierefreie Wege zu finden«, so Meyer. Navigationssysteme können dafür die Lokalisierungstechnologie »awiloc« des Fraunhofer IIS nutzen (siehe auch InnoVisions-Artikel »Sie haben Ihr Ziel erreicht: Wagen 4, Platz 72 – WLAN-Navigation bis zum Zimmer oder Sitzplatz«). Diese Lokalisierungstechnologie ermöglicht eine durchgängige Navigation innerhalb wie außerhalb von Gebäuden. Zusätzlich zur satellitengestützten Ortung wertet das Smartphone unter anderem auch die empfangbaren WLAN-Sender aus, um die aktuelle Position autark, also ganz ohne eine Datenkommunikation mit einem zentralen Server zu bestimmen. Bei einem Rundgang durch das jeweilige Gebäude oder innerstädtische Areale werden dafür zuerst die Sendestärken vorhandener WLAN-Netze erfasst. Daraus ergibt sich für jeden Messpunkt ein eindeutiges Signalmuster. Mit dieser Datenbasis lotst das Navigationssystem etwa einen Rollstuhlfahrer gezielt zu einem Eingang mit einer ausreichend breiten Türe und von dort barrierefrei zum Aufzug oder dem gesuchten Raum. (stw)

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