Es bewegt sich immer mehr in den Städten der Welt: Wenn es nach den Vorstellungen von Bewohnern und Städteplanern geht, müssen die Mobilitätsangebote im urbanen Raum deutlich ausgedehnt werden. Gleichzeitig erfordern Luftreinhaltung und Klimaschutz den Wandel hin zu neuen, emissionsfreien Mobilitätskonzepten – von Elektrobussen und Sharing-Modellen bis zu Fahrradschnellwegen. Der urbane Fährverkehr blieb dabei bisher außen vor. Ändern soll das ein Baukasten für Elektrofähren und ihre nahtlose Einbindung in die städtischen Mobilitätsnetze.

Mehr als vier Millionen Touristen und Einheimische in London nutzen den Wasserweg, um entlang der Themse schnell und komfortabel durch die Innenstadt zu kommen. Und diese Zahl bezieht sich nur auf ein Jahr und allein auf die Fährrouten der Katamaran-Flotte des Anbieters MBNA Thames Clippers. Im norwegischen Stavanger verbinden die Fähren der Kolumbus AS die umliegenden Inseln und Fjorde. Für die Bewohnerinnen und Bewohner sind sie teils sogar die einzige Reisemöglichkeit und nicht, wie in London, nur eine Ergänzung des Mobilitätsangebots. Und auf dem Zenne Canal in Belgien transportieren die Schiffe der De VlaamseWaterweegen nv zwischen Antwerpen und Brüssel sowohl Personen als auch Frachtgüter. Was die drei Mobilitätsangebote zu Wasser gemeinsam haben: Die Schiffe fahren derzeit noch allesamt mit klassischem Dieselantrieb. Davon abgesehen müssen die Fähren aber äußerst unterschiedliche Anforderungen erfüllen, z. B. in Bezug auf die Passagierkapazität und die Ausstattung an Bord, an die Hafeninfrastruktur oder die Schiffstechnik von wenig Tiefgang bis zur Meerestauglichkeit.

»Fährunternehmen, die auf zukunftsfähige Mobilitätslösungen umsteigen wollen, müssen planerisch und technisch daher hohe Hürden überwinden«, betont Carolina Sachs vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO. Die Entwicklung neuer Schiffslösungen mit Elektroantrieb erfordere viel Know-how, Zeit und Geld, denn neue Schiffe seien bis heute weitgehend Einzelanfertigung. Ingenieure und Werften müssen aber nicht nur die Schiffe selbst neu entwickeln. Ihre Konzepte müssen auch sicherstellen, dass die Betreiber mit den neuen Schiffen künftige Anforderungen an die urbane Mobilität erfüllen können. All das seien Bedingungen, die »eine intensive Zusammenarbeit zwischen Fährunternehmen, wissenschaftlichen Institutionen und der öffentlichen Hand erfordern«, so Sachs.

Modullösungen für die Fährschiffe von morgen

Vierzehn internationale Forschungspartner aus Wissenschaft und Industrie entwickeln deshalb im Projekt »TrAM – Transport: Advanced and Modular« eine neue Klasse emissionsfreier Highspeed-Fähren. Unterstützt wird TrAM durch Gelder der Europäischen Kommission. Das Besondere an diesem Projekt: Das neue Schiffskonzept ist modular aufgebaut. Werften und ihre Auftraggeber haben künftig also technische Designs zur Auswahl, mit denen sie nicht nur ein Schiff zusammenstellen können, das den jeweiligen Anforderungen vor Ort genüge leistet. Die Kosten für Planung und Spezifikation fallen auch rund 70 Prozent günstiger aus, als bei der bisher im Schiffsbau üblichen Individualentwicklung. Und bei der eigentlichen Fährenfertigung dürften die Werften zusätzlich noch rund ein Viertel der Herstellungskosten einsparen. Am Beispiel des urbanen Fährverkehrs rund um Stavanger, in London und auf dem Zenne Canal wollen die Projektpartner die Praxistauglichkeit des neuartigen Schiffkonzepts in Modulbauweise evaluieren.

Urbane Mobilität zu Wasser beginnt an Land

Doch bevor die technischen Lösungen und die Ausstattungsmodule der Schiffe entwickelt werden, müssen die Forscherinnen und Forscher wissen, wie sich die Mobilität der Metropolen der Welt entwickelt und welche (teils individuellen Lösungen) von den Städten angestrebt werden. Das Fraunhofer IAO hat deshalb die Aufgabe übernommen, detaillierte Analysen der künftigen Anforderungen und Optionen zur An- und Einbindung der Fährschifffahrt in das Mobilitätssystem der drei exemplarischen Einsatzorte zu erstellen.

Integrierte Mobilitätslösungen

Unter anderem befragten sie dazu in London und Stavanger Passagiere der bestehenden Fährangebote zu Mobilitätsbedarf, Kundenzufriedenheit und Servicewünschen. »Zusätzlich haben wir für die drei Referenzorte Szenarien entwickelt, um bestehende und neue umweltfreundliche Mobilitätskonzepte optimal zu gestalten und miteinander zu verzahnen«, sagt Sachs. Das bedeutet zum Beispiel die Weiterentwicklung der Anlegestellen zu Smart-Hubs. Das Konzept dafür ist ähnlich wie beim Bau der Schiffe in zueinander passende Maßnahmenmodule unterteilt, die eine Umgestaltung oder den Neubau von Häfen erheblich erleichtern. Durch das Hinzufügen oder Weglassen einzelner Hub-Module können dann beispielsweise an typischen Pendlerstationen außerhalb der Stadtzentren zusätzlich Fahrradparkplätze sowie Ladestationen für E-Bikes und Elektrofahrzeuge leichter integriert werden. Und ein Kai im Zentrum lässt sich konsequent so gestalten, dass selbst zur Rushhour eine zügige Erreichbarkeit von Bussen und Bahnen bestmöglich gewährleistet ist.

Die Analysen zu Status-quo und Mobilitätsentwicklung an den drei Referenzorten zeigen zudem, dass insbesondere im Bereich der Fahrgastinformation noch deutliche Verbesserungen notwendig sind. »Dazu zählt eine wissenschaftlich basierte Gestaltung und Beschilderung aller Umstiegswege und die Entwicklung neuer digitaler Informationssysteme«, erklärt Sachs. Eine neue Service-App des Fähranbieters könnte dann beispielsweise nicht nur Echtzeitdaten zu Abfahrt und Ankunft der Schiffe sowie der Anschlussverbindungen von Bussen liefern, sondern zusätzlich zum Beispiel die Reservierung eines Lasten E-Bikes am Zielhafen oder die Buchung eines Anschlusstickets bei einem anderen Mobilitätsanbieter ermöglichen.

Aktuell entwickelt das Fraunhofer-Team zusammen mit den Fähranbietern in London, Stavanger und Flandern dafür geeignete Services und Techniklösungen. »Auch in diesem Bereich sind die Anforderungen der drei Referenzgebiete sehr unterschiedlich«, betont Sachs. Während Kolumbus AS in Stavanger selbst viele Mobilitätsangebote von Fährstrecken über Busverbindungen bis zu Fahrradverleih betreibe, erfordern integrierte Mobilitätslösungen in London die Einbindung vieler Akteure, von den verschiedenen privaten und öffentlichen Mobilitätsanbietern bis zu Vertretern der Kommune. Im Rahmen des TrAM-Projekts leitet das Fraunhofer IAO daher Referenzlösungen für die Gestaltung von Mobilitätskonzepten ab, die sich ohne viel Aufwand und Kosten auf unterschiedlichste Städte und Regionen übertragen lassen.

Stapellauf für die Zukunft des urbanen Fährverkehrs

Bis zum Sommer 2022 soll der erste Prototyp der Elektrofähren fertig sein. Die Zusammenstellung der Module für Schiffstechnik und Aufbauausstattung orientiert sich bei diesem Prototyp an den Besonderheiten des Fährverkehrs rund um Stavanger. Parallel zum Praxistest der neuen Schiffsklasse bei Kolumbus AS geht im Hafen der Stadt auch ein nach dem TrAM-Konzept gestalteter Mobilitäts-Hub sowie neu konzipierte Servicelösungen für eine nahtlose Mobilität an der Schnittstelle zwischen Wasser und Land in den Probebetrieb. Für die Fährschifffahrt auf der Themse und dem Zenne Canal erstellen die Projektpartner vorerst Umsetzungsstudien, um auch für den Einsatz dort die Vorteile ihres Schiffsbaukastens zu belegen.

(stw)

Keine Kommentare vorhanden

Das Kommentarfeld darf nicht leer sein
Bitte einen Namen angeben
Bitte valide E-Mail-Adresse angeben
Sicherheits-Check:
Sieben + = 8
Bitte Zahl eintragen!
image description
Expertin
Alle anzeigen
Carolina Sachs
  • Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO
Weitere Artikel
Alle anzeigen
Zielstrebig durchs Gebäude
Das LamA bringt den Strom
Entkoppelter Fortschritt
Stellenangebote
Alle anzeigen