Wie lassen sich Desinformationen möglichst frühzeitig aufdecken? Durch Medienkompetenz, Wachsamkeit und durch den Einsatz von Maschinen, die in der Lage sind, Medienbotschaften kritisch zu durchleuchten. Eines der vielleicht leistungsfähigsten Systeme dafür wurde am Fraunhofer FKIE entwickelt. Mit »NewsHawk®« hat das Institut die Grundlage für das automatisierte Erkennen von Kampagnen zur Verbreitung von Falschinformationen geschaffen. In einem gemeinsamen Projekt mit Medienanalysten erproben die Forscher*innen das System nun auf Herz und Nieren.

Wer sich umfassend informieren will, der wird (auch) desinformiert. Denn es wird niemanden von uns geben, der neben Zeitungen, Radio und TV nicht auch soziale Medien nutzt. Und spätestens dann werden wir auch mit Falschmeldungen konfrontiert. Prädestiniert dafür sind laut der aktuellen Studie »Desinformation in Deutschland« vor allem WhatsApp, Facebook und YouTube. Weit über 85 Prozent der Fachleute sehen bei diesen Kanälen die umfangreichste Gefahr von Desinformation. Das größte Risiko, auf Fehlinformationen hereinzufallen, tragen ältere Menschen, die mit 74 Prozent der Befragten deutlich stärker gefährdet sind als junge Erwachsene (40 Prozent). »Das Problem wird potenziert, weil diese Plattformen sich durch Werbeeinnahmen und damit auch durch Verstärkung der Aufmerksamkeit finanzieren. Weniger sachliche, emotionale Informationsangebote rücken deshalb in den Vordergrund«, erklärt Prof. Ulrich Schade vom Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie FKIE. Wichtig sei es, Angebote zu schaffen, die die Informiertheit über derartige Falschinformationen im öffentlichen Informationsraum erhöhen und damit letztlich auch die Resilienz der Gesellschaft stärken. Er und sein Team arbeiten deshalb bereits seit Jahren daran, Werkzeuge zu kreieren, die Institutionen ebenso wie einzelne Nutzer*innen dabei unterstützen, falsche Informationen in den sozialen Netzwerken zu erkennen, um daraus die für das eigene Handeln richtigen Schlüsse zu ziehen.

Mit dem Falken auf der Jagd nach Falschinformation

Bereits im vergangenen Jahr hatte InnoVisions ein Interview veröffentlicht, in dem über die Arbeit des Instituts berichtet wird, spezielle Software zum Erkennen von Fake News zu entwickeln. Auf diese Arbeit bauen die Forscher*innen nun auf und haben die Analyseplattform »NewsHawk®« weiterentwickelt. Der Desinformations-Falke soll insbesondere Sicherheitsbehörden wie die Polizei dabei unterstützen, Informationen aus dem öffentlichen Informationsraum zu filtern und zu analysieren. »Wir setzen dabei auf das Zusammenspiel verschiedener Werkzeuge, die in NewsHawk vereint sind. Dazu gehören, neben einer Datensammlung und deren Verarbeitung, auch Kategorisierungs- und Clusterverfahren und eine Visualisierung im Sinne von Visual Analytics. Menschen können durch diese spezielle grafische Aufbereitung von Informationen Muster und Entwicklungen von Desinformationskampagnen in den sozialen Kanälen schnell optisch erfassen«, erklärt Schade. Und das sowohl beim Live-Geschehen als auch rückwirkend.

Besonders interessant dabei: NewsHawk® kann auf spezifische Aufgaben hin angepasst werden, so dass beispielsweise die Bundeswehr oder Behörden unterschiedliche Schwerpunkte bei Beobachtung und Analyse setzen können. Das Lagezentrum des Bundespresseamts beispielsweise hat die Plattform bereits eingesetzt. Hier wurden aktuelle Ereignisse und die mediale Berichterstattung darüber beobachtet und ausgewertet.

Erkennen von Desinformation

Nun hat sich das Team des Fraunhofer FKIE mit dem international agierenden Medienbeobachter pressrelations und mit NewsGuard, einem Unternehmen, das Nachrichten-Websites nach Glaubwürdigkeit und Transparenz bewertet, zusammengeschlossen, um für Kund*innen ein intelligentes System zur Identifizierung potenzieller Falschmeldungen und Desinformationskampagnen zu etablieren. Das Fraunhofer FKIE übernimmt dabei vor allem die automatisierte Klassifikation von Meldungen in den Medien: Inhalte mitsamt der dazugehörigen Metadaten werden auf Grundlage der Tools von NewsHawk® automatisch ausgewertet, um Indizien für bewusst gestreute Desinformationen zu finden. »Dafür verwenden wir Beispielbeiträge, die wir zunächst manuell klassifizieren müssen. Auf diese Weise bekommen wir eine Grundlage für ein Machine-Learning-Verfahren, mit dem wir dann große Datenmengen in der Praxis analysieren können«, betont Schade. Diese Automatisierung spare Kosten und vor allem Zeit bei der Bewertung der rund zwei Millionen Nachrichtenbeiträge aus Print, Online, TV, Hörfunk und sozialen Netzwerken, die täglich von pressrelations bereitgestellt werden. »Die Analyse von Nachrichtenartikeln ermöglicht es uns aber nicht nur, Zusammenhänge sowie Unterschiede zwischen den redaktionellen Praktiken der einzelnen Webseiten aufzuzeigen und herauszufinden, wie sich diese in ihren Artikeln widerspiegeln. Wir haben so auch eine Möglichkeit, unser Machine-Learning-Verfahren kontinuierlich lernen zu lassen und es weiterzuentwickeln«, so Schade.

Neben den Meldungen an sich aber haben auch die jeweiligen Medien, die sie verbreiten, Merkmale, die auf Falschmeldungen hindeuten können. An dieser Stelle setzt NewsGuard an. Mit der Unterstützung von Journalist*innen wird hier die Glaubwürdigkeit tausender Medien in Europa und den USA nach journalistischen Kriterien transparent überprüft und bewertet.

Orientierung für Mediennutzer*innen

Erstmals wurde das neue Verfahren für eine crossmediale Analyse des US-Wahlkampfs in Zeiten der Corona-Krise eingesetzt. Dabei haben die Fachleute unter anderem den Nachweis erbracht, dass die Vertrauenswürdigkeit eines Mediums mit einer eher positiven Berichterstattung über Joe Biden korreliert, während eine positive Berichterstattung über Donald Trump eher bei Medien zu finden ist, die weniger vertrauenswürdig sind.

(bet)

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