Wenn wir verreisen, dann wollen wir nicht nur günstig fahren und pünktlich ankommen, sondern uns auf unserem Weg von A nach B auch sicher fühlen. Hier haben öffentliche Verkehrsmittel oft Mankos. Verschmutzungen, polternde Mitreisende oder Unübersichtlichkeiten können ein Grund dafür sein, Bus und Bahn im Zweifel zu meiden. In einer grundlegenden Studie hat das Fraunhofer FOKUS gemeinsam mit einem Konsortium nicht nur Ursachen und Lösungen für Reisende untersucht. Auch die Kosten der Nutzen einzelner Maßnahmen wurden erfasst.  

123.000-mal Hin- und Zurück. Von der Erde zum Mond. Es sind rund 95 Milliarden Kilometer, die wir Jahr für Jahr mit dem öffentlichen Personenverkehr (ÖPV) in Deutschland zurücklegen. Klimafreundlich, vergleichsweise kostengünstig und (meist) effektiver, als wir es subjektiv empfinden. Bus und Bahn spielen eine entscheidende Rolle bei der Lösung verkehrlicher Herausforderungen in Deutschland. Sie befördern hierzulande jeden Tag 30 Millionen Fahrgäste und ersparen uns damit mehr als 20 Millionen Autofahrten und die Produktion von 15 Millionen Tonnen Kohlendioxid. 

»All das ist aber noch ausbaubar. Und wenn wir den Umstieg auf klimafreundlichere Mobilität ernst nehmen, müssen wir die Zahlen noch deutlich weiter steigern«, urteilt Hannes Restel vom Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS. Neben limitierenden Faktoren wie vor allem der finanziellen Ausstattung ist eine weitere Umstiegsbremse unter Umständen auch im Sicherheitsempfinden der jährlich mehr als zehn Milliarden Mitfahrende im öffentlichen Personenverkehr zu suchen. Wer sich – und sei es ohne faktischen Grund – am Bahnhof oder in Bus und Bahn unsicher und unwohl fühlt, zieht unter Umständen das Auto anderen Verkehrsmitteln vor. 

Andererseits gilt: Nicht nur Sicherheit, sondern schon das Vermitteln eines verbesserten Sicherheitsgefühls durch beispielsweise Beleuchtung, eine saubere Beschilderung oder auch Überwachung kosten Geld. Und wenn der ÖPV an einer Schraube tendenziell nicht schrauben sollte, dann ist es die der Ticketpreise. 

Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau

Aufgabe eines Konsortiums aus der Deutschen Bahn AG, der Universität Bremen, der Technischen Hochschule Wildau, dem Fraunhofer FOKUS und der Freien Universität Berlin als Koordinatorin war deshalb die Konzeption und Durchführung eines »Security Impact Assessment«. Sie sollten Vorschläge ausarbeiten, wie eine Verbesserung des subjektiven Sicherheitsempfindens der Reisenden erreicht werden kann - und das idealerweise bei gleichzeitiger Kostenreduzierung und ohne eine Reduzierung der Sicherheitsstandards. Im Projekt »Wirtschaftlichkeit von Sicherheitsmaßnahmen im öffentlichen Personenverkehr« oder kurz WiSima haben die Partner drei Jahre daran gearbeitet, Bewertungsmethoden zu entwickeln, um einzelne Faktoren zu katalogisieren und die Wirtschaftlichkeit bereits vorhandener und möglicherweise künftiger Maßnahmen zu bewerten. »Zudem haben wir unter anderem die Sicherheitskommunikation untersucht, weil sie die Sicherheitswahrnehmung von Reisenden stark beeinflusst«, erklärt Restel. 

Methodenmix

Genutzt wurde dafür ein Methodenmix aus den Bereichen Sicherheitswahrnehmung und empfundene Sicherheit, Sicherheitsökonomie und -kommunikation. Daraus – so die Projektbeschreibung - »wird ein neuartiges Managementwerkzeug entwickelt, mit dem Effektivität und Effizienz der eingesetzten Sicherheitsmaßnahmen gesteigert werden können.« Was sich hier noch leidlich abstrakt liest, bekommt durch die Arbeit der beteiligten Forscher*innen Leben: »Jede und jeder von uns kennt Situationen, die zu einer Verunsicherung von Reisenden beitragen können. Seien es starke Verschmutzungen, verwahrloste Ecken, Graffitis, pöbelnde Mitmenschen, flackerndes oder gar kein Licht, einsame Ecken oder eine unheimliche oder unbekannte Geräuschkulisse. Und wir kennen eine Vielzahl möglicher Maßnahmen, die – zumindest auf den ersten Blick - Abhilfe schaffen könnten. Von der Reinigung und Renovierung über Sicherheitspersonal bis zum Einsatz von Überwachungskameras und mehr Licht«, erzählt Restel. Die Frage ist nur: »Sind Ursachen und die Wirkung von Gegenmaßnahmen auch validierbar?«, und: »Wie sehr lohnen sich deshalb weitere Investitionen in diesem Bereich?«

App zur Selbsteinschätzung

Neben einer Repräsentativ-Befragung, Workshops und dezidierten Studien, etwa zum Einfluss von Medienmeldungen über Anschläge und Katastrophen beim öffentlichen Personenverkehr, war ein zentraler Forschungsschritt die Entwicklung eines Messinstruments für die subjektive Einschätzung: eine Smartphone-App, über die bei 100 Proband*innen je 14 Tage während ihrer Reisen im ÖPV wiederholt eine Einschätzung des individuellen Sicherheitsbefindens abgefragt werden konnte. Wenn das Smartphone eines Teilnehmenden registriert, dass eine Reise angetreten wurde, fragt die App in der Situation selbst nach persönlichen Beobachtungen und Einschätzungen: »Nehme ich Sicherheitspersonal wahr?«, »Registriere ich eine Überwachungskamera?«, »Sehe ich hier einen Satz leerer Flaschen in der Ecke und dort einen überquellenden Mülleimer?« oder: »Fühle ich mich unsicher oder gar bedroht?«. Je nach Reise-Situation variiert dabei der Umfang der Befragung und die Fragen selbst. Beispielsweise ist am Beginn eines ÖPV-Erlebnisses an der U-Bahn-Station der App-Fragebögen kürzer, gegen Ende der Fahrt länger. Und da bei einem Zuviel an Fragen unter Umständen die Antwort-Motivation sinkt, wird die App maximal viermal am Tag aktiv. Zudem bittet sie auch nur um die Beantwortung einiger Fragen aus einem umfangreicheren Pool. »In der Summe werden so trotzdem alle Fragen in vergleichbarer Anzahl beantwortet«, sagt Restel. Die App und die anschließenden Befragungen aber seien letztlich nur der erste Schritt gewesen. Eine Bestandsaufnahme. Ein Zweiter sei die Umsetzung im »safety lab für Vernetzte Sicherheit« des Fraunhofer FOKUS.

Safety Lab  

Das safety lab ist ein Forschungs- und Demonstrationslabor des Fraunhofer FOKUS, in dem Lösungen über realitätsnahen Szenarien erlebbar gemacht werden können. Rechtliche, organisatorische, sozialwissenschaftliche und ökonomische Folgen von technischen Neuerungen werden hier vorgestellt und praktisch erfahrbar – von Abläufen in Leitstellen und Kontrollzentren bis zum Cyber-Einbruch. Die Räumlichkeiten im safety lab nutzen die Forscher*innen jetzt, um Situationen aufzubauen, in denen die nun als valide erkannten Unsicherheiten bei Reisen im Öffentlichen Verkehr nachgestellt werden. Parallel dazu wurden auch mögliche Lösungen integriert, um zu eruieren, wie praktikabel verschiedene existierende als möglicherweise zukünftige Maßnahmen zur Steigerung des Sicherheitsempfindens wirken können. Die situative Darstellung der Szenarien erfolgt dabei möglichst immersiv, beispielsweise durch umgebende Geräuschkulissen und Lichteffekte, Pulsgeräusche oder Lichterflackern. Während an einer Stelle beispielsweise Rowdys Störungen und Unsicherheiten bei Testpersonen verursachen, konnten die Verantwortlichen anschaulich und später durch Befragungen überprüfen, wie sich beispielsweise das Hinzustellen von mehr Sicherheitspersonal bei den Proband*innen auswirkt. In anderen simulierten Situationen werden die Auswirkungen der Sicherheitsmaßnahmen wie zum Beispiel eine sauberere und besser beleuchtete Umgebung, Beschilderungen und Notausgänge evaluiert. Zudem unterschieden die Forscher*innen die Reaktionen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen wie beispielsweise älteren und jüngeren Menschen beziehungsweise Personen aus Großstädten, die sich in der Regel nicht so stark von Verunreinigungen oder Störungen verunsichern lassen, und Menschen, die eher durch ein ruhiges Leben auf dem Land sozialisiert worden sind. 

»Auch wenn manche Zusammenhänge zunächst profan klingen: Uns ist es in diesem Projekt gelungen, ein oft diffuses Bedrohungsempfinden während einer Reise zu kategorisieren und mit der erhofften Wirkung von Lösungen zu korrelieren«, sagt Restel. Das Ergebnis sei eine erste Übersicht über Ursachen von Verunsicherungen und die Wirkung von Gegenmaßnahmen - inklusive des Kostenaufwands -, die den Betreiber*innen öffentlicher Verkehrsmittel nun zur weiteren Auswertung zur Verfügung steht. 

(hen)

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