Zur Eindämmung der Corona-Pandemie müssen sich Behörden aller Ebenen tagesaktuell informieren und oft auch spontan miteinander abstimmen. Von den Ministerien bis zur Gemeindeverwaltung. In Baden-Württemberg unterstützt sie dabei ein Web-basiertes Informationssystem, über das sich der Austausch auf Landesebene organisieren lässt. Die vom Fraunhofer IOSB entwickelte »Elektronische Lagedarstellung Bevölkerungsschutz (ELD-BS)« ist seit 2009 zur Übung von Einsatzlagen und der Bewältigung von Krisen im Einsatz – mit seinen eingespielten Abstimmungsprozessen nun auch in der aktuellen Situation.

Bevölkerungsschutz in Baden-Württemberg: Die Beteiligten dabei sind Verwaltungskräfte, Planungsgremien und Entscheidungstragende der Fachämter und Ministerien auf Landesebene, der vier Regierungspräsidien sowie in den Verwaltungen, Behörden und Einrichtungen von 44 Land- und Stadtkreisen und über 1.100 Gemeinden. Krisenbewältigung ist eine Aufgabe, die ein enges und abgestimmtes Vorgehen über alle Ebenen der föderalen Gemeinschaft erfordert. Seit Ausbrechen der COVID-19-Pandemie stehen so vielfältige wie drängende Themen nahezu ohne Unterbrechung auf der Agenda. Täglich analysieren die Verantwortlichen das Infektionsgeschehen in jeder Gemeinde, in allen Regionen und für das gesamte Bundesland. Sie müssen Ansteckungsketten nachverfolgen und Testmöglichkeiten bereitstellen und außerdem Maßnahmen zur Eindämmung der Virusausbreitung veranlassen und umsetzen. Zusätzlich werden kontinuierlich die Wirksamkeit der eingeleiteten Schritte überprüft und beobachtet, um zu entscheiden, ob sie zurückgefahren oder verschärft werden müssen. Zu den anfallenden Aufgaben gehören auch die Erhebung des aktuellen Versorgungs-Status bei Kliniken und sie bei der Intensivversorgung schwer erkrankter Patient*innen zu unterstützen. Des Weiteren müssen Pandemiepläne weiterentwickelt, Impfzentren geplant und deren Einrichtung vorbereitet werden.
Trotz dieser Fülle an Aufgaben dürfen alle Beteiligten vor Ort und in den Ministerien aber das wichtigste nicht aus dem Blick verlieren: Die jeweils aktuelle Faktenlage in ihrer wie auch in anderen Regionen des Bundeslandes. Denn nur wer den Überblick hat, verfügt über eine valide Grundlage für weitere Maßnahmen zur Verschärfung oder zur Lockerung. Genau diese Übersicht ermöglicht ihnen das Informationssystem ELD-BS. Die Abkürzung steht für Elektronische Lagedarstellung Bevölkerungsschutz. Entwickelt wurde das System vom Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB im Auftrag des Innenministeriums von Baden-Württemberg.

Die Elektronische Lagedarstellung Bevölkerungsschutz ELD-BS

Das Programm erlaubt eine Karte, auf der einzelne Bereiche je nach aktueller Krisenlage von grün bis rot markiert sind. »Zoomen die Nutzer*innen in die Karte hinein, zeigt die Ansicht ein immer detaillierteres Lagebild – vom regionalen Ausschnitt bis zur Krisensituation in einer einzelnen Gemeinde«, erläutert Dr. Jürgen Moßgraber vom Fraunhofer IOSB. Zusätzlich blendet das Programm dezidierte Meldungen ein, die für den jeweiligen Kartenausschnitt vorliegen. Dazu zählen zum Beispiel die tagesaktuellen Statistiken zur Gefahrensituation oder wann welche Maßnahmen ergriffen worden sind. Auch lassen sich wichtige Einrichtungen wie Kliniken, Pflegeeinrichtungen oder Standorte der Rettungsdienste anzeigen. In dem Informationssystem ist dazu eine umfangreiche Objektdatenbank hinterlegt. In ihr sind außer Einrichtungen der Gesundheitsversorgung auch für andere Einsatzlagen wichtige Orte verzeichnet – beispielsweise Unternehmen, die Gefahrenstoffe lagern und verarbeiten oder die Standorte von Einrichtungen des Katastrophenschutzes.
Auf diese landesweit einheitliche Lagedarstellung haben alle im System hinterlegten Verantwortlichen per Webbrowser Zugriff. Ein feingranulares System für die Rechteverwaltung stellt dabei sicher, dass allen Berechtigten jeweils die für ihren Zuständigkeitsbereich erforderlichen Informationen angezeigt werden. »Denn natürlich ist es möglich, die Anzeige sensibler Daten und vertraulicher Informationen auf einen bestimmten Empfängerkreis zu begrenzen«, betont Moßgraber. In den Benutzer*innenkonten ist zudem hinterlegt, wer Daten und Meldungen erstellen, bearbeiten und freigeben kann. In einer weiteren Ansicht lassen sich alle Meldungen bezüglich der jeweiligen Krisensituation auch in Listenform aufrufen und individuell zum Beispiel nach Thema, Region oder Zeitraum filtern und sortieren.

Lagebild und Zusammenarbeit in einem System

Das System erleichtert den Behörden nicht nur die Verteilung von Informationen zur Bewältigung einer Krisensituation, ELD-BS unterstützt die Akteure im Bereich Katastrophen- und Zivilschutz auch bei Abstimmungs- und Entscheidungsprozessen. Als zusätzliches Modul stellt die Plattform beispielsweise eine Kalenderfunktion zur Verfügung, mit deren Hilfe Gremien oder Arbeitsgruppen gemeinsam Arbeitspläne, Termine und Besprechungen vorbereiten und verwalten können. Darüber hinaus können die Krisenteams mit dem integrierten Dokumentenaustauschportal Katastrophenschutzpläne über die Grenzen der separaten IT-Systeme in den einzelnen Landkreisen und Regierungsbezirken hinweg teilen, bearbeiten und steuern.

Bewährtes Werkzeug für verschiedenste Krisenlagen

Das Fraunhofer IOSB entwickelte ELD-BS gemeinsam mit Fachleuten für den Bevölkerungsschutz des Ministeriums für Inneres, Digitalisierung und Migration Baden-Württemberg. Seit 2009 wird das Programm über alle Verwaltungsebenen hinweg im Rahmen von Einsatz- und Übungslagen genutzt. Die landesweiten Abstimmungen und Maßnahmen zur Bewältigung der Asyldebatte im Jahr 2015 zählen dazu ebenso wie die Organisation der Hilfseinsätze bei regionalen Hochwasserereignissen und aktuell die durch COVID-19 ausgelöste Gefährdungslage. Im Rahmen von Übungen setzen die Katastrophenschutzteams das Programm zum Beispiel dafür ein, sich auf Einsatzlagen mit Freisetzung radioaktiver Stoffe vorzubereiten. Derzeit integrieren die Systementwickler ein weiteres Modul, das speziell auf solche Einsatzfälle ausgelegt ist, bei denen eine Evakuierung einzelner Gebiete notwendig wird. »Diese Unterstützung ist insofern ein wichtiger Schritt, da es für die Organisation und Steuerung der Unterbringung größerer Personengruppen in einem Evakuierungsfall bisher keine dedizierte IT-Unterstützung gibt – auch nicht außerhalb unseres Systems«, so Moßgraber. In einem Evakuierungsfall lässt sich über den betroffenen Bereich einfach eine Markierung aufziehen und das Modul berechnet dann zum Beispiel wie viele Personen zu evakuieren sind und zeigt in der Karte an, wo außerhalb des Gefahrengebietes die nächsten Unterbringungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Die technologische Grundlage von ELD-BS ist das von Fraunhofer IOSB entwickelte Framework für Web-basierte Informationssysteme WebGenesis®. Auf der Grundlage dieses Tools lassen sich Daten unterschiedlichster Quellen vernetzen und zu wissensbasierten Systemen verknüpfen. Neben Systemen für das Management von Krisensituationen setzt das Entwickler*innenteam vom Fraunhofer IOSB damit unter anderem auch Systeme für das Monitoring von Umweltdaten oder für Produktionsanalysen in Industrieunternehmen um.

(stw)

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Dr.-Ing. Jürgen Moßgraber
  • Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB
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