Schadenslagen mit einer großen Anzahl Erkrankter und Verletzter ereignen sich glücklicherweise selten. Jedoch auch für diese seltenen Fälle müssen die Einsatzkräfte optimal vorbereitet sein, um die Betroffenen bestmöglich zu versorgen. In Katastrophenübungen trainieren sie die Zusammenarbeit verschiedener Einheiten über die Grenzen einzelner Rettungsdienstbereiche hinweg. Mit Schwachstellenanalysen und Einsatzsimulationen sollen IT-Systeme sie künftig beim Training und bei der Einsatzplanung für Großschadensereignisse unterstützen.

Das bayerische Voralpenland ist bei Urlaubern beliebt – vor allem wegen seiner weitläufig intakten Naturlandschaften und seiner ruhigen Lage abseits großer Verkehrsströme und dem geschäftigen Treiben der Ballungsräume. Auch in Urlaubsregionen wie dieser kann es zu einem Unfallereignis kommen, bei dem Dutzende von Menschen schwer verletzt oder getötet werden. Die Ursache kann beispielsweise ein Zug- oder Busunglück, ein Bergrutsch, eine Hochwasserlage oder eine Explosion sein. In Einsatzübungen bereiten sich Führungs- und Einsatzkräfte gemeinsam mit haupt- und ehrenamtlichen Helfern auf solche Großschadenslagen mit 20 und mehr Verletzten vor. Die besondere Herausforderung dabei: Unglücke mit einem Massenanfall von Verletzten (MANV) sind mit den vorhandenen Material- und Personalressourcen der örtlichen Rettungsdienststruktur allein nicht zu bewältigen. Liegt der Unglücksort im ländlichen Raum sind die Anfahrtswege weiterer Hilfskräfte zum Einsatzort und die Entfernungen bis zu den nächsten, geeigneten Kliniken deutlich länger als in Ballungsgebieten. Umso wichtiger ist es in solchen Fällen, dass das präklinische Einsatzmanagement, sowie die medizinische Versorgung  der Verletzten am Notfallort reibungslos funktionieren.

Sommer 2014 – Großeinsatz in der Urlaubsregion: Im Rahmen eines Ausbildungswochenendes  überprüft und trainiert das Bayerische Rote Kreuz (BRK) in Zusammenarbeit mit dem Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) sein Einsatzkonzept für die Patientenversorgung und den möglichst schnellen Abtransport der Verletzen einer MANV-Schadenslage in die Kliniken. Neben den Einsatzkräften mit ihren Rettungsmitteln kommt dieses Mal auch eine neue Übungskonzeption sowie ein IT-Unterstützungssystem zum Einsatz, das Rettungsdienst und Katastrophenschutz künftig europaweit bei der Analyse von Einsatzübungen und bei der Verbesserung von Einsatzkonzepten helfen soll. Durch einen Vorher-Nachher-Vergleich der durchgeführten Maßnahmen und des taktischen Vorgehens erkennt der Helfer die Verbesserungspotentiale und bringt Erfahrungen in die zukünftige Einsatzbewältigung ein.

Im Rahmen Einsatztrainings testen Deutsches Rotes Kreuz und Fraunhofer IAO das IT-Unterstützungssystem »CRISMA«, das künftig europaweit bei der Analyse von Einsatzübungen und bei der Verbesserung von Einsatzkonzepten helfen soll. Bild: Fraunhofer IAO

Das System dient der Evaluation des Erfolgs von Organisation und Durchführung der medizinischen Erstversorgung der Verletzten am Notfallort. Dazu werden während der Übung eine Reihe entscheidender Kenngrößen ermittelt und aus den Übungsdaten Indikatoren berechnet, die einen Vergleich und eine Bewertung von Übungsdurchläufen oder Einsatzstrategien ermöglichen. Solche Indikatoren sind etwa die Zeitspanne vom Eintreffen des ersten Fahrzeugs am Unfallort bis zum Zeitpunkt, wann der letzte Patient abtransportiert wird, die Zeit bis alle Verletzten von einem Helfer vorgesichtet wurden (nicht-ärztliche Vorsichtung) und bis ein Arzt die Schwere der Verletzungen bei allen Patienten gesichtet hat. Ermittelt und ausgewertet werden auch die Anzahl der Rettungsmittel, die durchgeführten präklinischen Maßnahmen oder das Verhältnis zwischen Patientenanzahl und verfügbaren Ressourcen. »Schwachstellen im Einsatzverlauf zeigen den Übungsleitern insbesondere Detailberechnungen und Visualisierungen über die Zeit«, so Johannes Sautter vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, »zum Beispiel Kurvenverläufe der Verhältnisse von Einsatzkräften und noch zu versorgenden Patienten pro Zeitabschnitt«. Neben den quantitativen Indikatoren zur Patientenversorgung vor Ort fließen auch qualitative Beurteilungen dieser Maßnahmen durch medizinische Beobachter in die Übungsbewertung ein. Die Erfassung der Daten zu den Zeitpunkten und der Qualität der Patientensichtung übernehmen während der Einsatzübung die Personen, die Verletze mimen. Sie tragen im Verlauf der Übung den Ablauf der Hilfsmaßnahmen für ihren gespielten Verletzungsfall auf einem Erfassungsbogen ein. Nach Übertragung aller Daten in das Unterstützungssystem erfolgt dann die Berechnung der Indikatoren. Die Übungsleiter erhalten damit eine wichtige Vergleichsbasis für alternative Organisationsstrategien oder für die gezielte Verbesserung einzelner Abläufe im Rettungseinsatz.

Um auch auf seltene Großschadensereignisse gut vorbereitet zu sein, trainieren Rettungsdienste die Zusammenarbeit verschiedener Einheiten über die Grenzen einzelner Rettungsdienstbereiche hinweg beim Projekt »CRISMA«. Bild: Fraunhofer IAO

Die Erfahrungswerte aus der Beobachtung und Analyse konkreter Einsatzübungen sollen nicht nur der Evaluation des Trainingserfolgs dienen. Die Messung der Performance der regionalen Einsatzkräfte soll zusätzlich als Datenbasis für die Vorausplanung von Einsatztaktiken und die Bedarfsplanung von Ressourcen eingesetzt werden. Auf einer Simulationsplattform werden dazu neben den Indikatoren aus den Übungsdaten die Daten der lokalen Rettungsinfrastruktur für ein mögliches Zielgebiet eingepflegt. Dazu zählen etwa die Standorte und damit die Entfernung von Rettungsressourcen zu einem fiktiven Unfallort oder Standort und Kapazität der nächstgelegenen Kliniken. Auf dieser Datenbasis können dann Einsatzleiter und Experten verschiedenste Rettungseinsätze simulieren, Einsatzszenarien vergleichen und Einsatztaktiken objektiv planen und vorbereiten. Wichtig ist dabei, dass die zugrunde gelegten Daten und die Simulationsberechnungen eine hohe Validität aufweisen und die Übungsdaten regionalspezifisch erhoben werden. »Im Unterschied zur Evaluation eines Einsatztrainings hat die Simulationsunterstützung bei der Einsatzplanung unmittelbar auch Auswirkungen auf Ablauf und Erfolg konkreter Einsätze in einem Ernstfall«, so Sautter.

An der Entwicklung und Erprobung des IT-Unterstützungssystem für Einsatzübungen und der Simulationslösungen für die Planung von Rettungsstrategien beteiligen sich neben den Forschern vom Fraunhofer IAO das Deutsche Rote Kreuz, das Austrian Institute of Technology AIT, die cismet GmbH und Airbus Defence and Space. Die Softwareunterstützung für das Katastrophenmanagement ist Teil des von der EU anteilig geförderten Projekts »CRISMA« (siehe auch InnoVisions-Artikel »Europa rechnet für den Katastrophenfall«). In dem Projekt arbeiten Forschungseinrichtungen, Industriepartner sowie Hilfsorganisationen europaweit an einem Software-Framework für die Simulation und Modellierung von Maßnahmen zur Bewältigung von Krisensituationen. (stw)

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Johannes Sautter
  • Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO
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