»Die nächste Krise kommt bestimmt!« Was für ein langweiliger Spruch. Das Problem ist nur: Er stimmt. Während wir uns daran gewöhnt haben, kleinere Krisen einfach hinzunehmen, wäre es fatal, sich nicht auf Situationen vorzubereiten, die Menschenleben bedrohen oder gar ganze Gesellschaften in Gefahr bringen. Wir haben uns Infrastrukturen geschaffen, die eine Grundversorgung mit Wasser, Energie oder Lebensmittel wie selbstverständlich bereitstellen. Was aber, wenn es doch zu einer Katastrophe kommt? Am Fraunhofer IAIS stehen solche Fragen im Mittelpunkt.

Hallo Herr Dr. Rome, das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS arbeitet seit mehr als zehn Jahren an Methoden, kritische Infrastrukturen besser zu schützen.

Das machen wir allerdings nicht alleine. Wir arbeiten meist mit internationalen Partnern in mehreren europäischen Forschungsprojekten zusammen. Energieversorgung ist in Europa grenzüberschreitend und auch Gefahren wie Naturkatastrophen machen nicht an Grenzen halt.

Eines dieser Projekte trägt den Namen CIPRNet.

Hier haben wir Szenarien ausgearbeitet, um die Frage zu beantworten, wie die Verantwortlichen auf eine Cyberattacke beispielsweise auf das Stellwerk der Bahn oder auch auf Überflutungen reagieren sollten. Dabei untersuchen wir auch, wie man genauer abschätzen kann, welche Folgen unsere starke Abhängigkeit von der Stromversorgung bei einem Stromausfall haben kann.

Ich würde davon ausgehen, dass auch der Bereich der Telekommunikation dazu gehört?

Das ist ein zweiter hochkritischer Bereich. Aber auch dafür brauchen Sie Strom. Natürlich müssen wir Gefährdungen und ihre Auswirkungen immer ganzheitlich betrachten. Wir nutzen bei unseren Forschungen zum Schutz kritischer Infrastrukturen deshalb den weithin akzeptierten »all hazard approach«, also einen Allgefahrenansatz. Wir berücksichtigen natürliche Ursachen wie Umweltkatastrophen, Extremwetterereignisse, Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche, Meteoreinschläge oder das Weltraumwetter, wenn beispielsweise ein starker Sonnenwind auf das Magnetfeld der Erde trifft. Und natürlich haben wir auch vom Menschen hervorgerufene Katastrophen im Blick: beispielsweise technisches Versagen, bewusste Angriffe, Fehlbedienungen oder auch Unfälle.

Eine Floskel besagt, dass es eine hundertprozentige Sicherheit ohnehin nicht geben kann.

Trotzdem hat dieser Leitsatz durchaus seine Berechtigung. Denn er bringt uns zu weiterführenden Überlegungen. Beispielsweise zur »Resilienz kritischer Infrastrukturen«: Wenn wir keine absolute Sicherheit gewährleisten können müssen wir Schutzmaßnahmen zumindest so gestalten, dass es länger dauert, um kritische Infrastrukturen außer Betrieb zu setzen. Und wir müssen Möglichkeiten finden, sie schneller wieder in Betrieb zu nehmen.

Haben Sie den Eindruck, Deutschland und Europa sind genügend gewappnet?

Ich bin zufrieden damit, dass viele Maßnahmen zum Schutz kritischer Infrastrukturen in Angriff genommen werden. Dazu zähle ich neue Fachgesetze wie das Informationssicherheitsgesetz oder die Verbesserung des Schutzes unserer Energieversorgung. Zudem ist die Zahl der Unternehmen, die monatliche Krisenübungen vornehmen, nicht gerade gering. Aber natürlich dreht sich immer wieder alles um die Frage von Kosten und Nutzen. Die Ressourcen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind endlich, deshalb ist es schlicht nicht machbar, sich gegen alle denkbaren Ereignisse zu schützen.

Wie schätzen Sie das Risikobewusstsein der Bevölkerung ein?

Ich finde es irritierend, wenn sich beispielsweise Kabarettisten über den Ratschlag des BBK lustig machen, dass sich die Bürger Lebensmittel- und Wasservorräte anlegen. Für unsere Eltern- oder Großelterngeneration war so etwas noch selbstverständlich. Auch wenn wir heute andere Rahmenbedingungen vorfinden, sollten wir die Risiken nicht ignorieren. Leider scheinen viele Menschen die Vorstellung zu haben, dass die Services unserer modernen Infrastrukturen rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Und das, obwohl kaum ein Tag vergeht, an dem nicht etwas über Störungen oder IT-Angriffe auf eine Infrastruktur in den Zeitungen steht. Wer einen Schritt weiter denkt, der überlegt sich auch, ob er sich nicht zur Sicherheit doch mal zehn Kasten Wasser in den Keller stellen sollte und Lebensmittel für zwei Wochen einlagert. Die Mehrzahl der Bürger geht offensichtlich davon aus, auch in der Zukunft immer sofort in den nächsten Supermarkt gehen zu können, wenn der Kühlschrank leer ist. Bei Leuten mit einer derartigen Einstellung fürchte ich ein böses Erwachen, wenn es tatsächlich mal zum Kasus kommt - was wir alle nicht hoffen wollen.

Wie definieren Sie »kritische Infrastrukturen«?

Leider ist der Begriff im Deutschen eher negativ besetzt. Das liegt möglicherweise auch an der Übersetzung. Denn »critical« im englischen meint in diesem Fall eher »lebenswichtig« als »kritisch«. Aber zu Ihrer Frage. Grundsätzlich gilt: Kritische Infrastrukturen sind für das Wohlbefinden der Gesellschaft und für den Erhalt der Ordnung wichtig. Wie das aber genau zu definieren ist, wird national unterschiedlich ausgelegt, weil die Voraussetzungen vor Ort verschieden sind. Auf der Webseite unseres CIPRNet-Projekt stellen wir deshalb auch ein Online-Glossar zur Verfügung, in dem die unterschiedlichen Auslegungen zu finden sind.

Dieses Glossar ist sehr erfolgreich. Sie hatten in den vergangenen vier Jahren fast eine Million Artikelabrufe. Ist das ein Indikator für ein steigendes Risikobewusstsein?

Nein. Es ist ein Indikator dafür, dass viele Leute in Europa im Bereich Schutz kritischer Infrastrukturen arbeiten und eine gemeinsame Arbeitsgrundlage brauchen.

CIPRNet ist vor rund einem Jahr erfolgreich abgeschlossen worden. Das Fraunhofer IAIS war der Koordinator in diesem europäischen Projekt. Sind Sie zufrieden mit den Resultaten?

Wir wollten den Transfer von Forschungsergebnissen hin zu den Anwendungen stärker befeuern als uns das in früheren Projekten gelungen ist. Deswegen haben wir gemeinsam mit unseren Projektpartnern zwei Akzente gesetzt: Zum einen haben wir ein Entscheidungs-Unterstützungs-System für die Betreiber kritischer Infrastrukturen entwickelt. Seine Aufgabe ist es, Wetterberechnungen zu nutzen, damit die Verantwortlichen bei Phänomenen wie Hitzewellen oder Starkregen besser gewappnet werden. Unser System kann mit hoher Genauigkeit vorhersagen, wann ein bestimmtes Element einer Infrastruktur durch ein Starkregenereignis oder zu große Hitze bedroht ist. Das wiederum ermöglicht es dem Betreiber beispielsweise eines Stromverteilernetzes, die Konfiguration zu ändern und der aktuellen Lage anzupassen. Er kann nun die Arbeitsweise seines Stromnetzes umstellen. Es arbeitet dann nicht mehr im Normalbetrieb, der durch eine hohe Effizienz gekennzeichnet ist, sondern in einem Modus, bei dem das Netz auf eine besondere Robustheit ausgelegt ist. Vergleichbares gilt auch für die Betreiber von Trinkwassernetzen oder Telekommunikationsunternehmen.

Wo lag der zweite Akzent?

Der zweite Akzent liegt auf dem Bereich Bevölkerungsschutz. Dabei ging es um ein Simulationssystem für die Arbeit von Krisenstäben. Üblicherweise ist die Situation bei einer möglichen Katastrophe folgende: Der Krisenstab kommt zusammen und innerhalb kürzester Zeit müssen Informationen gesammelt, Entscheidungen getroffen, Gegenmaßnahmen koordiniert, Lageupdates vorgenommen werden – und so weiter. Dabei ist normal, dass man bei jedem seiner Schritte mehrere Optionen hat. Ist aber eine Entscheidung gefallen, lässt sich diese nur schwer wieder rückgängig machen. Es ist also grundlegend, möglichst von Anfang an zu wissen, was das in der gegebenen Situation Sinnvollste ist. Wir haben deshalb eine Simulation entwickelt, die für den Krisenstab auch aufgrund der vor Ort vorhandenen Geodaten Erfahrungen generiert. Denn hier werden Entscheidungswege und ihre Auswirkungen simuliert und wir können den Prozess vorwärts und rückwärts gehen und Erkenntnisse aus den Ergebnissen ableiten. Auf diese Weise können die Teams verschiedene Handlungsansätze durchspielen und die Konsequenzen ihrer Anordnungen besser abschätzen.

Gibt es Folgeprojekte?

Unser Ziel ist es zunächst, in möglichst vielen europäischen Ländern Kompetenzzentren für den Schutz Kritischer Infrastrukturen einzurichten. Diese Zentren sollen eine wichtige Anlaufstelle sein, um die Ergebnisse unserer gemeinsamen Forschungsarbeiten an Krisenstäbe der Behörden und Unternehmen zu vermitteln. Können wir es uns wirklich leisten, wenn die vielleicht überlebenswichtigen Resultate von Projekten wie CIPRNET in der Schublade verschwinden würden? (aku)

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Dr. Erich Rome
  • Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS
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