Was passiert, wenn im Katastrophenfall Internet und Mobilfunk ausfallen? Wie lässt sich die Bevölkerung informieren? Im Projekt »Emergency Warning Functionality« arbeiten Forscher an einer Erweiterung der Funktionen des Digitalradios. Erste Feldversuche zeigen, dass das System ideal sein könnte, um im Fall des Falles Meldungen und Verhaltensanweisungen schnell und zuverlässig zu verbreiten.

Wir haben ein Problem. Und wir haben es – glücklicherweise – bislang noch nicht bemerkt. Etwa mit dem Beginn der Wiedervereinigung und dem Ausklingen des Kalten Krieges gibt es in Deutschland keine Möglichkeit mehr, die Bevölkerung sofort und ohne Umwege zu warnen. Rund 100.000 Sirenen gab es in Ost- und Westdeutschland. Die meisten sind heute abgebaut.

Vor Katastrophen gefeit aber ist niemand, auch nicht das hochentwickelte Deutschland mit seinen (noch) arbeitenden Atomkraftwerken, der chemischen Industrie oder einer Vielzahl anderer möglicher Gefahrenherde. Immer häufiger setzen einzelne Regionen deshalb auf Warnmeldungen via SMS (so wie dies unter anderem mit dem vom Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS entwickelten System KATWARN funktioniert).

Kommunikation im Katastrophenfall

»Parallel zu Rundfunkmedien ist die Warnung per Internet oder SMS mit Sicherheit ist das Mittel der Wahl. Allerdings setzt das voraus, dass die Kommunikationsinfrastruktur den Katastrophenfall überlebt hat und der Mobilfunk nicht überlastet ist«, erklärt Olaf Korte vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS. Dies zu gewährleisten scheint allein in Anbetracht der Zahlen problematisch: Für ein funktionierendes, möglichst flächendeckendes Mobilfunknetz sind rund 30.000 leistungsfähige Mobilfunkmasten nötig – fallen einige aus, funktioniert das Netz in der entsprechenden Region nicht mehr. Denn wegen der vergleichsweise geringen Reichweite können die Inhalte nicht von entfernteren Sendeanlagen übernommen werden. »Es gibt viele Katastrophen, bei denen mit beispielsweise einem Erdbeben auch der Ausfall des Mobilfunks verbunden war. Und das bis zu zwei Wochen lang«, betont Korte.

Funktionsweise des EWF-Tools zur Katastrophenmeldung Bild: Fraunhofer IIS

Beim herkömmlichen Radio ist das anders. Hier reichen wenige hundert Anlagen für eine funktionierende Kommunikationsinfrastruktur mit hoher Reichweite. Aber: die Radios müssen laufen. Und gerade in der Nacht oder während der Arbeitszeiten ist dies nicht der Fall. Hinzu kommt, dass alle Radiosender einer Katastrophen-Region erst informiert werden müssen. Am Wochenende und nachts aber senden viele Stationen automatisch erstellte Programme. Die Studios sind unbesetzt, sie können Eilmeldungen also nur mit erheblicher zeitlicher Verzögerung weitergeben.

Warnung per Digitalradio

Gesucht ist also ein verlässliches, wenig störungsanfälliges, nicht überlastbares System, das die Bürger auch dann noch automatisch informiert, wenn andere Kommunikationswege nicht oder nur teilweise genutzt werden können. Ermöglichen könnte das die Emergency Warning Functionality (EWF). »EWF ist ein Tool für das digitale Radio, das die Vorteile bisheriger Systeme übernimmt und um die Möglichkeiten der digitalen Datenübertragung erweitert«, sagt Korte. Es sei damit ideal als »Basis-System« für die Krisenkommunikation mit der Bevölkerung. Vor allem drei Punkte sind es, die EWF für den Einsatz im Katastrophenfall prädestinieren. Erstens benötigt das Digitalradio ähnlich wie das klassische Radio deutschlandweit nur hundert Sendeanlagen, um flächendeckend zu funktionieren. Zweitens ist es für EWF technisch kein Problem, auf Stand-by geschaltete Digitalradios in der betroffenen Region ferngesteuert zu aktivieren und auf den Sender mit der Katastrophenmeldung zu schalten – im Fall des Falles ist also auch kein Umschalten mehr nötig. Drittens kann bei einem Ernstfall die Warnmeldung direkt in das System eingespeist werden. Eine Nachricht wird also auf direktem Weg von der Einsatzzentrale an die betroffenen Bürger weitergereicht. Hinzu kommen noch weitere Vorzüge, wie die ferngesteuerte Laufschrift (Dynamic Label) am Radio sowie die Möglichkeit detaillierter und mehrsprachiger Informationen (Journaline). Zudem ist der Stromverbrauch im Stand-by Modus und im Betrieb in der Regel deutlich geringer als bei PC oder Smartphone, so dass Benachrichtigungen über mehrere Tage hinweg empfangen werden können.

Funktionsweise des EWF-Tools zur Katastrophenmeldung Bild: Fraunhofer IIS

EWF nutzt die für das Digitale Radio (DAB) bereits vorgegebenen DAB+ Standards und soll sich als Zusatzdienst etablieren. Das Fraunhofer IIS, das gemeinsam mit drei Partnern am Aufbau des Warnsystems arbeitet, übernimmt die Integration von EWF in professionelle Rundfunkgeräte. Diese DAB ContentServer dienen der digitalen Zuspielung und Einspeisung der Warnmeldungen.

Probealarm

Ein erster »Probealarm« im November 2014 verlief bereits erfolgreich. Ein (fiktives) schweres Unglück eines mit Chemikalien beladenen Güterzugs in der Nähe der Gemeinde Speichersdorf in Franken forderte zahlreiche Verletzte. Weil giftige Gase auftraten musste die Bevölkerung sofort gewarnt werden. In der Gemeinde wurden daraufhin die aufgestellten Digitalradios aktiv und informierten sowohl akustisch als auch via Display über das Unglück und übermittelten sofortige Verhaltensmaßnahmen.

»Nicht zuletzt der Test hat gezeigt, dass EWF voll funktionstüchtig und damit einsatztauglich ist«, sagt Olaf Korte. Theoretisch könne es also losgehen mit diesem zuverlässigen Alarmsystem. In der Praxis aber sind noch zwei größere Hürden zu überwinden: Digitalradios führen in Deutschland nach wie vor ein Nischendasein, selbst bei den Neuwagenzulassungen sind erst 25 Prozent der Empfänger DAB+ tauglich. Und zudem sind die wenigsten der Geräte auch EWF tauglich. Es gibt derzeit erst einen Hersteller, der Digitalradios mit einem EWF-fähigen Empfangsteil produziert. (ak)

Keine Kommentare vorhanden

Das Kommentarfeld darf nicht leer sein
Bitte einen Namen angeben
Bitte valide E-Mail-Adresse angeben
Sicherheits-Check:
Zwei + = 5
Bitte Zahl eintragen!
image description
Experte
Alle anzeigen
Dipl.-Inf. Olaf Korte
  • Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS
Weitere Artikel
Alle anzeigen
Sicherheit in Parkhäusern
Plötzlich ohne Internet, Strom, Wasser. Und jetzt?
Risikoabschätzung: Bilder zeigen mehr als Statistiken
Veranstaltungen
Alle anzeigen
Stellenangebote
Alle anzeigen