In den vergangenen 50 Jahren haben Bund, Länder und Kommunen mehr als 22.000 Wissenschaftsprojekte gefördert – allein im Bereich Energieforschung. Sich über die Ergebnisse der Studien, Vorlaufforschungen, Anwendungen und Best Practices zu informieren, ist bisher allerdings aufwändig. Das dürfte sich nun (endlich) ändern: Dank eines neu entwickelten Informationssystems lassen sich die Projektarchive nun zügig und zielführend durchsuchen und auswerten.

Stichwort Batterie. Wer hat dazu bundesweit bereits geforscht und wie finde ich die richtige Fragestellung für mein Anliegen? Die Webplattform »EnArgus« weiß die Antwort. Seit April 2017 ist sie über www.enargus.de frei für alle Interessierten erreichbar und listet bei der Suche etwa nach »Batterie« derzeit rund 1.400 öffentlich geförderte Projekte auf – vom ersten aus dem Jahr 1968 bis zu einer ganzen Reihe laufender Forschungsvorhaben, die im Herbst 2019 erst begonnen haben. Neben Sortierungsoptionen nach Relevanz, Beginn- und Enddatum oder Fördersumme lassen sich die Ergebnisse auch verortet in einer Deutschlandkarte anzeigen oder zum Beispiel anhand einer Förderstatistik je nach Bundesland auswerten. Zu jedem durch Bund oder Land gefördertem Projekt liefert das Informationssystem zudem eine kurze Inhaltsangabe und – soweit verfügbar – auch weiterführende Links, etwa zum Abschlussbericht. Außerdem werden die Nutzer bei der Verfeinerung ihrer Suchanfrage unterstützt. Schon bei der Eingabe eines Suchwortes zeigt ihm das System eine Liste mit verwandten Suchbegriffen, synonymen Bezeichnungen sowie der Einordnung im Rahmen von Ober- und Unterbegriffen an. In einem eigenen »WIKI«-Bereich findet der Nutzer zudem einheitlich aufgebaute Artikel und von Energieexperten verfasste Kurzerklärungen zu Begriffen aus der Energieforschung. Für Behörden und Projektträger stellt das Portal zusätzlich einen zugangsgeschützten Bereich mit erweiterten Informationen und Auswertungsoptionen bereit.

Fachontologie ermöglicht semantische Datenbanksuche

Für das über das Internet bequem zugängliche Portal haben insgesamt zehn Institutionen unter Leitung des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT zusammengearbeitet und wurden mit Mitteln des Bundesministeriums Wirtschaft und Energie gefördert. Eine der technischen Herausforderungen für das Konsortium: EnArgus sollte einen zentralen Zugriff auf alle öffentlich geförderten Projekte ermöglichen, die seit Einführung der elektronischen Förderdokumentation in die Datenbanken auf Bundesebene aufgenommen wurden. Die Informatiker mussten also auch jene Datenbestände einbinden, die teils ein halbes Jahrhundert alt sind. »Wir haben spezielle Schnittstellen entwickelt, um auch heute nicht mehr gebräuchliche Datenkodierungen und Strukturen so aufbereiten zu können, dass sie auf der neuen Informationsplattform verarbeitet und ohne technische Hürden abgerufen werden können«, erklärt Dr. Leif Oppermann vom Fraunhofer FIT.

Um aber auch semantische Hürden zu überwinden, hat das Fraunhofer FIT neben Informatikern beispielsweise auch Energieexperten sowie Linguisten eingebunden. Durch ihre Mithilfe war es nicht nur möglich, ein übergreifendes Ordnungssystem auszuarbeiten, das die Themen und Schlagworte fachlich korrekt miteinander in Beziehung bringt. Erstmals wird so auch das intelligente Durchsuchen und Auswerten von EnArgus anhand der gemeinten Bedeutung möglich. Die Suchalgorithmen können also spezielle Inhalte zu einem Themenbereich auch dann finden, wenn das Suchwort selbst im Titel und der Beschreibung des Projekts nicht vorkommt. Ein Team des Fraunhofer-Instituts für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie FKIE hat dafür gemeinsam mit Forschern des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT und weiteren Energieexperten aus dem Konsortium eine Fachontologie mit derzeit mehr als 7.000 miteinander verknüpften Fachtermini aus dem Bereich der Energieforschung erstellt. Die vergleichsweise hohe Zahl der Fachbegriffe hängt unter anderem damit zusammen, dass in die Energieforschung unterschiedlichste Fachrichtungen involviert sind – von den Naturwissenschaften bis zu den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. »Ein zusätzliches Problem ist, dass sich die Verwendung und die Bedeutung einzelner Begriffe über die Jahrzehnte teils erheblich verändert hat«, betont Oppermann.

Elektromotor, Energieinfrastruktur oder Rückbau seien Beispiele dafür. Die Linguisten und die Energieexperten haben das Verzeichnis der Schlagworte und Technologien deshalb auch vor dem Hintergrund des jeweiligen fachlichen und historischen Kontexts analysiert.

Kompendium der Energieforschung

Im Projekt haben die Forscher aber auch inhaltliche Aufgaben übernommen. Unter anderem haben sie unter Federführung des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI ein umfangreiches Kompendium zur Energieforschung in Deutschland erstellt. »Dieses Kompendium bietet eine wichtige Grundlage für EnArgus, da hier Definitionen und Beschreibungen zur Energieforschung und zur Energieförderung in eine einheitliche Form gegossen wurden«, sagt Oppermann. Die Sammlung umfasst mittlerweile mehr als 3.800 Stichworte mit 2.200 Artikel – von Abbruchtechnik bis Zyklonabscheider. Die Zusammenstellung kann aber nicht nur über die EnArgus Plattform genutzt werden. Es ist auch als Nachschlagewerk in gedruckter Form erhältlich: Das rund 1.200 Seiten umfassende „Energiekompendium: Ein Nachschlagewerk für Grundbegriffe, Konzepte und Technologien“ erschien im Dezember 2019 in zweiter Auflage im Fraunhofer Verlag (ISBN: 978-3-8396-1543-0). Das Buch bietet neben den Artikeln, Abbildungen und Tabellen, viele Querverweise und Literaturhinweise, sowie exklusiv ein umfangreiches Wörterbuch (Deutsch-Englisch / Englisch-Deutsch) mit rund 3.000 Begriffen.

Energiewissen für Interessierte und die Fachinstitutionen

Für den laufenden Betrieb des Internetservices ist der Projektträger Jülich zuständig. Die Inhalte der Webplattform sind dabei teils so aktuell, dass es durchaus vorkommt, »dass eine Forschergruppe die Bewilligung eines Projektantrages als erstes über das Internetportal erfährt, weil das Bestätigungsschreiben noch mit der Post unterwegs ist«, sagt Oppermann. Derzeit ist das Informationssystem ausschließlich für die Energieforschung des Bundes verfügbar. Das gesamte Informationssystem ist allerdings grundsätzlich so angelegt, dass es sich problemlos erweitern lässt. Durch Anbindung zusätzlicher Datenquellen und entsprechende Ergänzung der Fachontologie könnten zum Beispiel alle Projekte der Energieforschung der Länder oder der EU eingebunden werden. Darüber hinaus sei auch die Einrichtung von Informationsportalen für andere Forschungsbereiche denkbar. Die technische Struktur ließe sich dafür relativ einfach anpassen. Das hinterlegte Fachwissen und die darauf aufbauende Fachontologie müsste jedoch dem jeweiligen Themenbereich entsprechend strukturiert aufbereitet werden.

(mab)

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