Wenn Könner improvisieren, klingt das spielerisch einfach. Vielen Hobbymusikern dagegen bleibt die Freude am wohlklingenden Spiel ohne Noten verwehrt. Denn gelungenes Improvisieren lässt sich nicht vom Blatt lernen. Es erfordert eine Mischung aus Harmonie-Wissen und musikalischem Gespür. Einen intuitiven Zugang für angehende »gute« Musiker ermöglicht nun eine App, die sich automatisch an das Können ihres Benutzers anpasst.

Selbst zu musizieren ist ein weit verbreiteter Wunsch. Bei einer Umfrage des Verbands der Musikinstrumenten- und Musikequipmentbranche (SOMM) äußerte jeder Dritte, dass er gerne ein Musikinstrument erlernen würde. Bei den unter 30-Jährigen waren es sogar fast die Hälfte. Zahlen wie diese erklären auch den vor wenigen Jahren ausgebrochenen Boom der Musikmach-Games bei den Spielekonsolen. Controller in Form von Gitarre oder Keyboard erlaubten ohne »Aller Anfang ist schwer«-Hürden den schnellen musikalischen Erfolg. Ein Erfolg, der sich allerdings ausschließlich auf die virtuelle Umgebung des Spiels vor dem Bildschirm beschränkt. Der Hype um die Plastikinstrumente ist deshalb längst wieder verebbt. Der Wunsch vom realen selbst Musizieren blieb weiterhin unerfüllt.

Spielerisch Lernen am realen Instrument

»Ein Instrument zu erlernen soll vor allem Spaß machen und das möglichst von Anfang an. Den intuitiv-spielerischen Ansatz der Computerspiele haben wir daher bewusst übernommen und eine App-Lösung für Smartphone und Tablet entwickelt, die so Hobbymusiker beim Lernen und Üben unterstützt«, erzählt Sascha Grollmisch vom Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT. Eine Vorbereitung zum Üben mit dem Improvisations-Coach ist dabei nahezu nicht mehr notwendig. Die Suche nach passenden Musikstücken oder Lernmedien mit Improvisationsübungen, die den individuellen Vorkenntnissen entsprechen, muss der Übende nicht mehr selbst übernehmen. Die »Emused«-App unterstützt nahezu jedes Melodieinstrument und fortgeschrittene Spieler ebenso wie Lernwillige, mit geringen Vorkenntnissen. Das Spielvermögen der Grundtöne und einfacher Melodien reicht bereits aus.

Für den Übungseinstieg stellt die App unter anderem erste Nachspielübungen bereit. »Die App spielt eine einfache, nur wenige Töne umfassende Melodie vor, die der Übende dann nach Gehör nachzuspielen versucht«, erklärt Grollmisch. Der Übungs-Coach hört dem Spieler dabei zu und gibt ihm sofort Feedback. Gleichzeitig wertet die App das Gespielte hinsichtlich des individuellen Könnens des Spielers aus und passt weitere Übungen in der Schwierigkeitsstufe entsprechend an. Grundlage dafür ist ein in Zusammenarbeit mit dem Musikdozenten Andreas Kissenbeck von der Hochschule für Musik und Theater München erarbeitetes Pädagogikkonzept. »Im Vordergrund steht dabei das spielerische Erfahren grundlegender Improvisationstechniken. Welche Töne und Akkorde für den Solopart eine Stückes passen, erlernt der Übende so fast nebenbei.« Durch die Rückmeldung, die ihm die App bei jeder Übung sofort gibt, erfährt der Übende, welche Elemente seines Spiels zur Harmonie des Stückes gepasst haben oder welchen Abschnitt er noch nicht beherrscht. Schritt für Schritt erweitert er so sowohl seine Kenntnisse der musiktheoretischen Grundlagen der Improvisation wie auch sein Gespür für passende Melodie- und Harmoniefolgen.

Die automatische Generierung der Übungen hat einen weiteren entscheidenden Vorteil gegenüber herkömmlichen Lernmedien: »Das Üben mit dem Instrument beschränkt sich nicht mehr auf wenige ausgewählte Stücke, die immer wieder wiederholt werden. Vielmehr erzeugt die App immer wieder neue Vorlagen in der für den Spieler genau passenden Schwierigkeit und generiert so für Anfänger wie Fortgeschrittene abwechslungsreiches Übungsmaterial für einen nachhaltigen Lernerfolg«, sagt Grollmisch. Die App »Emused« wurde am Fraunhofer IDMT unter Projektleitung von Estefanía Cano Cerónim von der Arbeitsgruppe für Semantic Music Technologies entwickelt und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie der Deutschen Post DHL unterstützt.

Universell einsetzbare Basistechnologien

Basis des anpassungsfähigen digitalen Musiklern-Coach sind die am Fraunhofer IDMT entwickelten, universell einsetzbare Technologien zur semantischen Analyse von Musik. Die Algorithmen erkennen aus einem Audiosignal unter anderem die Instrumentalisierung, Melodie und Begleitung, Rhythmus, Takt oder den grundlegenden Musikstil. Die Verfahren werden beispielsweise auch für die Ähnlichkeitssuche in Musikdatenbanken und Empfehlungssysteme für Musikdateien nach den Vorlieben des Nutzers verwendet. Zusätzlich haben die Forscher ihren Erkennungssystemen beigebracht, aus gespielter Musik die entsprechenden Notenniederschriften anzufertigen.

Für die Übungs-App mussten die Forscher noch eine zusätzliche Schwierigkeit meistern: Die Algorithmen müssen nicht nur in der Lage sein, professionell erstellte Musikdateien auszuwerten. Hier haben sie nun die Aufgabe, die von dem Übenden live gespielten Töne und Melodien zu analysieren, die über das Mikrofon des Mobilgeräts aufgenommen werden. »Je nach aktuellen Umgebungsbedingungen kann dabei die Qualität des Audiosignals erheblich schwanken und Neben- oder Störgeräusche enthalten, die von den Algorithmen zuverlässig herausgefiltert werden müssen«, erklärt Grollmisch. Aktuell ist »Emused« noch im Entwicklungsstadium eines Prototypen. Die Ergebnisse eines ebenfalls von Fraunhofer IDMT und Partnern umgesetzten Vorgängerprojekts »Songs2See«, ein Übungsprogramm zum grundlegenden Erlernen eines von zehn Instrumenten ist bereits auf dem Markt. (stw)

Ein Kommentar

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  1. 1
    Dorit Heinsen

    Guten Tag,
    ich interessiere mich für die emused-app
    und möchte Sie fragen, ob sie vllt. schon zu erwerben ist?
    Herzliche Grüße
    Dorit Heinsen

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Dr.-Ing. Estefanía Cano Cerón
  • Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT
Sascha Grollmisch
  • Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT
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