Im Internet stehen jedem Nutzer fast alle Möglichkeiten offen, um an Informationen zu gelangen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Orientierung in diesem riesigen Informationsdschungel. Insbesondere Nachrichtenredaktionen haben die Aufgabe, bei stetig wachsendem Kosten- und Zeitdruck die vielen Informationen zu bewerten, zu sortieren und aufzubereiten. Im Forschungsprojekt »News-Stream« werden neue Recherche- und Analysetools entwickelt, die Journalisten die Arbeit erleichtern sollen. Projektleiter David Laqua vom Fraunhofer IAIS erklärt, wie das funktioniert.

Hallo Herr Laqua, Journalisten müssen sich durch einen Wust an ungefilterten Informationen kämpfen und deren Nachrichtenwert zu beurteilen.

Das Problem ist unter anderem, dass die Informationsflut immer höher wird. Durch das Internet sind – um im Bild zu bleiben – Dämme gebrochen. Die Informationen erreichen die Redaktionen so umfangreich und geballt wie noch nie.

In der Regel stellt das Internet doch auch genügend Such- und Auswertungstools zur Verfügung.

Suchmaschinen beispielsweise agieren nicht im Interesse der journalistischen Nachrichtenvermittlung, sondern folgen anderen und dabei meist wirtschaftlich orientierten Regeln. Das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS und Neofonie haben deshalb zusammen mit Deutsche Welle und dpa ein Recherche- und Analysetools entwickelt. »News-Stream« ist in der Lage, die Informationsmengen aufzubereiten und vorzufiltern. Journalisten erhalten auf diese Weise einen besseren Überblick über tausende Inhalte von Videoplattformen, RSS-Feeds, Medienarchiven und sozialen Medien: Sie werden auf dem Laufenden gehalten über das, was für sie relevant sein könnte.

Nehmen Sie den Journalisten dabei nicht Entscheidungen ab, die nur sie und keine Algorithmen treffen sollten?

Wichtig ist, dass die Entscheidung, welche Meldung Relevanz hat und welche nicht, immer beim Journalisten bleibt. Unser Ziel ist es, ihm Informationen vorzulegen, die er möglicherweise nutzen will. Deshalb ist eine durch unsere Tools weitergeleitete Meldung auch immer unmittelbar mit einem Quellenhinweis verknüpft. Hinzu kommt, dass wir als Informationspool nicht nur Meldungen verarbeiten, die im Internet zur Verfügung stehen. Wir binden auch Archive mit ein, damit Redaktionen beispielsweise historische Vergleiche ziehen können.

All diese Informationen bereiten Sie auf. Auf welche Weise geschieht das?

Über News-Stream können Redaktionen die gewünschten Quellen und Schlüsselwörter definieren, nach denen kontinuierlich gesucht werden soll. So kann eine Redaktion beispielsweise gezielt auf Informationen ausgesuchter Twitter- und Nachrichtenkanäle sowie einzelne Blogbeiträge zurückgreifen, die sie vorab als besonders authentisch eingestuft hat. Zudem werden die Recherchemöglichkeiten deutlich erweitert. Unter anderem lassen sich sehr komfortabel Textvergleiche vornehmen. Und Sie sehen auf einer Zeitleiste stets die aktuellen Entwicklungen vorgegebener Themen.

Sie haben erste Möglichkeiten unlängst auf der CeBIT präsentiert.

Wir haben verschiedene Demonstratoren erstellt, die wir auf der CeBIT gezeigt haben. Dazu gehört beispielsweise ein Dashboard, das einem die Übersicht über eingehende Nachrichten aus unterschiedlichen Kanälen erleichtert. Hier sehen die Redaktionen auch, welche Schlüsselwörter häufig vorkommen und welche Themen-Trends sich zu welchen Zeitpunkten entwickeln – noch bevor sie sich tatsächlich in den Suchmaschinen nach oben schieben. Bei einem anderen Demonstrator geben wir Journalisten die Möglichkeit zu sehen, wann welche Themen von welchen Agenturen veröffentlicht wurden. In beiden Fällen werden die Daten in Echtzeit verarbeitet.

Kann News-Stream Audio-Dateien transkribieren, das heißt Radio-Beiträge oder Fernseh-Debatten mitschreiben?

So weit geht es nicht. Generell ist es mit dem aktuellen System möglich, Livestreams in Echtzeit zu verarbeiten und Audio-Transkripte zu erstellen. Allerdings haben diese nicht die Qualität wie menschlich erstelle Transkripte. Dennoch ist das Tool ist beispielsweise in der Lage, multimedialen Content zu erschließen: Die Inhalte von Redebeiträgen werden erkannt und textlich erfasst, so dass Journalisten gezielt und schnell nach bestimmten Schlüsselwörtern suchen können. Wenn der Journalist es wünscht und entsprechend konfiguriert, dann wird er informiert, wenn ein bestimmter Redner ans Pult tritt.  

Journalisten werden sich freuen, dass sie nicht die ganze Zeit eine Debatte mitverfolgen müssen!

Genau, während der Rede wird ein Skript angefertigt, das mit der Timeline einer audiovisuellen Aufzeichnung verbunden ist.

Warum ist das wichtig?

Wenn Sie sich als Journalist für eine bestimmte Aussage im Skript interessieren und Sie diese im Original aufrufen wollen, können Sie dies unmittelbar mit nur einem Mausklick tun und müssen den Beitrag nicht erst im Schnelldurchlauf durchforsten. Das ist besonders dann wichtig, wenn eine Passage zitiert werden soll. Die journalistische Sorgfaltspflicht gebietet es mindestens, die zu zitierenden Stellen noch einmal genau anzuhören und wenn nötig manuell im Transkript zu korrigieren.

Noch gibt es allerdings den Nachteil, dass das System die Stimmen der Redner im Vorfeld erst kennenlernen muss, um die Redaktionen auch korrekt zu informieren …

… das ist richtig bei der Sprechererkennung. Der Journalist hat die Möglichkeit, selbst Sprecher hinzuzufügen und diese zu trainieren. Bei der Spracherkennung müssen wir den Sprecher nicht kennen, hier kommt es bei Störgeräuschen aber noch zu Fehlern. Auch Zwischenrufe werden nicht erkannt. Letztlich – und darauf kommt es an – sind diese Transkripte aber ausreichend, um sich in der Regel ein umfassendes Bild von den Inhalten der Rede machen zu können. Denn dann ist auch eine Verschlagwortung möglich, die Journalisten dabei unterstützt, bestimmte Themen zu recherchieren.

Wann wird das System in den Redaktionen zu finden sein?

Wir wollen das Tool spätestens Anfang nächsten Jahres im journalistischen Alltag bei unseren Projektpartnern dpa und Deutsche Welle einsetzen und testen.

 (aku)

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David Laqua
  • Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS
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