In alten Zeiten haben die Menschen sich alles als Person vorgestellt. Im antiken Griechenland glaubten sie, ein gutes Erinnerungsvermögen sei der Gunst der Mneme – der Muse der Gedächtniskunst – zu verdanken. Später personifizierten sie in Fabeln den Fleiß als Borkert – den Biber.

Die Todsünde der Eitelkeit wird oft als törichte Frau mit Spiegel und Totenschädel illustriert. Und zu Beginn der Neuzeit stellte Tizian die Jugend allegorisch als eines von drei Gesichtern des Menschen dar – als jenes, das nach vorne blickt. Etwas später dann malte Rubens den Krieg als geharnischten Gott Mars, umgeben von schreienden, barocken Frauen.

Heute lächeln wir milde über solche Metaphern. Denn wir wissen: Sie sind falsch. Man muss sich vielmehr alles auf der Welt als Computer denken und braucht nicht mehr darauf hoffen, dass einen die Mneme küsst. Schließlich hat man einen PDA. Das Handy wiederum, das von besonders dreisten Marketing-Leuten als Computer 2.0 bezeichnet wird, dient dem Sündigen – wider den Nächsten. Den nämlich quält es, wenn lautstark immer und überall Eitles, also Unnützes, übermittelt wird. Und sobald jemand ein Handy am Ohr hat, beginnt er halt zu schreien.

Die Jugend, das ist die, die an der Game-Station sitzt. Aus den Mikrochips ihres Spielzeugs, den Cell-Prozessoren, baut man inzwischen Hochleistungsrechner. Wir rückwärtsblickenden Alten hätten uns derartiges seinerzeit nicht vorstellen können. Der Krieg schließlich – das waren einmal die Supercomputer: Jahrelang galt es als ambitioniertestes Ziel der IT, eine Nuklearexplosion vollständig im Rechner zu simulieren. 100 TeraFLOPS sind dazu nötig. Das ist mittlerweile erreicht. Und das »Number Crunching« hat sich denn auch größeren – und friedlichen – Herausforderungen gestellt: der Life Science. Da steht es allerdings erst noch am Anfang. Es ist halt sehr viel einfacher, Leben zu zerstören als zu erhalten. Mindestens ein PetaFLOPS ist nötig, um die räumliche Struktur eines Proteins in einem einigermaßen akzeptablen Zeitraum zu berechnen. Hergestellt wird diese Struktur von der Natur im Bruchteil einer Sekunde.

Immerhin lassen sich bereits kleinere räumliche Anordnungen von organischen Substanzen mit ganz gewöhnlichen Workstations berechnen. Und so ist es möglich geworden, Medikamente am Computer zu entwickeln. Deren Wirkstoffe passen – wie ein Schlüssel ins Schlüsselloch – in Moleküle des menschlichen Körpers und können so beispielsweise Rezeptoren blockieren. Künftig können dadurch immer mehr Krankheiten geheilt und menschliches Leben verlängert werden.

Die Künstler vergangener Zeiten, als Tausende von Menschen an simplen Pest-Bakterien starben, kannten übrigens keine Allegorie für die Zukunft. Die Informationsgesellschaft auch nicht. Sie braucht keine. Sie entwickelt die dafür notwendigen Computer.

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Achim Killer
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