Kann man die Zukunft voraussagen? Mit Simulationen ergründen? Ich stelle mir vor, ich wüsste genau, was bald kommt. Wer würde mir glauben? Als die globale Finanzkrise ausbrach, kreiste der folgende vollüberzeugte grausam dumme Satz in sehr berufenen Mündern und Artikeln: »Diese Krise ist eine reine Finanzkrise und wird nicht auf die reale Wirtschaft durchschlagen.« Im entscheidendsten Moment der Wirtschaft seit dem zweiten Weltkrieg schlossen alle die Augen. Wenige Wochen später crashte die Welt. Berücksichtigen Wissenschaftler die kollektive Dämlichkeit in ihren Simulationen und die Neigung, lieber gegen die Wand zu fahren, als etwas zu verändern (»solange alle ohne Ausnahme auf die Betonwand zurasen, liege ich bestimmt noch richtig, da bin ich ganz safe«)? Google wird die normalen Autos verdrängen, das Internet die Bankfilialen, das eBook kommt. Das lässt sich vorhersagen, aber »who cares«? Google vielleicht.

Neben dem noch prinzipiell Vorhersagbaren gibt es fast jedes Jahr etwas Gravierendes, was kaum so vorherzusehen war: Der Crash nach dem Jahr-2000-Doch-Nicht-Fehler, der damit einhergehende dot.com Crash, der 11. September, der Irakkrieg, die Finanzkrise, die Eurokrise, Griechenland, Ukraine, das Fracking (Gaspreise). Das könnte man simulieren, ja. Aber wer weiß schon, was genau kommt und wie? Wir haben zum Beispiel viele Jahre lang die Selbsttötungsversuche der FDP mitangesehen, aber dachten wir je, sie schaffen es?

Und während sich im Fernsehen ganz Unkundige über die Validität von Prognosen beharken (»Als Schauspieler haben Sie doch so einige Erfahrung mit Lebenskrisen, da hängen wir jetzt an Ihren Lippen!«), tut Google etwas – worüber sich dann wieder die FAZ entrüstet, weil es wieder einmal nicht aus Deutschland ist. Google simuliert nicht, sie gestalten die Zukunft, was ja der deutsche Willy Brandt immer empfohlen hat (er veränderte mit einem Kniefall sehr vieles, was die Wissenschaftler damals leider nicht im Modell hatten).

Warum müssen die Forscher ihre Arbeit immer durch den Versuch diskreditieren, das Unvorhersehbare auf die Hörner zu nehmen? Wir brauchen Vorhersagen und Simulationen so sehr! Aber eben da, wo sie nützen. Da, wo sie wirklich gestalten helfen. Wir können Sicherheiten von Bauten, die Stabilität von Riesenwindrädern oder den Verschleiß bei Großmaschinen mathematisch fassen, die Erkenntnisse werden wesentlicher Teil von »Industrie 4.0« sein, wenn Roboter auf Sicht schätzen müssen, was so um sie herum passiert. Das Unvorhersehbare aber lässt sich durch gute Grundsatzentscheidungen wesentlich reduzieren. Wer weiß, was er will, weiß auch, wie’s kommt. Entschlossenheit ist wie Wollen, das Reagieren auf Vorhersagen ist wie Müssen. Innovation ist wie Wollen, Change ist wie Müssen. Die das Horoskop ersetzenden Vorhersagen aus Computern sind für Leute, die befürchten, etwas müs-sen zu müssen.

Keine Kommentare vorhanden

Das Kommentarfeld darf nicht leer sein
Bitte einen Namen angeben
Bitte valide E-Mail-Adresse angeben
Sicherheits-Check:
Eins + = 11
Bitte Zahl eintragen!
image description
Autor
Alle anzeigen
Prof. Dr. Gunter Dueck
  • Kolumnist
Weitere Artikel
Alle anzeigen
Virtuelle Operationen
Das Ziel ist der Start
Reibungslose Übergabe
Veranstaltungen
Alle anzeigen
Stellenangebote
Alle anzeigen