Naturkatastrophen und Unfallereignisse sind für die Kommunikationsnfrastruktur und die Einsatzplanung von Behörden, Polizei, Rettungskräften und Hilfsorganisationen eine immense Herausforderung. Forscher aus ganz Europa entwickeln daher eine Softwareplattform zur Entscheidungsunterstützung im Krisenmanagement. Miteinander verknüpfbare Simulationswerkzeuge sollen künftig Planern und Hilfskräften bei der langfrist

Eine Sturmflut rollt auf die französische Atlantikküste zu. In Italien zerstört ein Erbeben Häuser, Straßen und die Versorgungsinfrastruktur einer ganzen Region. Bei einem Massenunfall auf der Autobahn irgendwo in Deutschland müssen dutzende von Schwerverletzen schnell geborgen, versorgt und in Unfallkliniken gebracht werden. Jedes einzelne Katastrophenereignis gefährdet unmittelbar das Leben von Menschen und hat oft über viele Jahre hinweg schwerwiegende Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft einer Region. Für Behörden, Einsatzkräfte und Hilfsorganisationen ist es wichtig, auf einen Einsatz im Katastrophenfall jederzeit gut vorbereitet zu sein und präventive Maßnahmen zu planen und umzusetzen, um die Auswirkungen künftiger Schadensereignisse wirksam zu verringern oder sogar zu vermeiden.

Unterstützung für den Vergleich von Handlungsalternativen und die Abschätzung der Auswirkungen konkreter Maßnahmen sollen Planern und Hilfsorganisationen in der EU künftig verstärkt Simulationen der Katastrophenszenarien bieten. Im von der EU anteilig geförderten Projekt »CRISMA« arbeiten Forschungseinrichtungen, Industriepartner sowie Hilfsorganisationen europaweit an einem Software-Framework für die Simulation und Modellierung von Maßnahmen zur Bewältigung von Krisensituationen. Ihr Ziel ist, es eine Reihe von Simulationswerkzeugen zu entwickeln und zu integrieren, die über eine gemeinsame Plattform einfach genutzt werden können und sich je nach den Anforderungen der Bedrohungslage des jeweiligen Landes so kombinieren lassen, dass sie die entsprechenden Krisenszenarien bestmöglich abbilden können. »Durch den Aufbau der Simulationsplattform nach dem Baukastenprinzip wird es möglich, die Organisation der Hilfe in unterschiedlichen Szenarien zu unterstützen. Sei es bei einem Erdbeben, einer großräumigen Flutkatastrophe oder auch bei einem lokal begrenzten Industrieunfall. Zudem verfügen die Einsatzkräfte dann über eine geeignete und umfassende Softwareumgebung, um verschiedene Planungsaufgaben zu bewältigen. Dazu gehören langfristige Präventionsmaßnahmen ebenso wie die Begleitung von Einsatztrainings oder auch das Erarbeiten von lokal-spezifischen Konzepten und Strategien für den Einsatzfall vor Ort «, betont Johannes Sautter vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO.

Aufgabe der Stuttgarter Forscher im Rahmen von »CRISMA« ist unter anderem die europaweite Koordination der Anwenderanforderungen bei der Entwicklung der Plattformlösung und der Simulationswerkzeuge. Dies umfasst neben der Erfassung, Analyse und Spezifizierung der verschiedenen zu betrachtenden Krisenszenarien insbesondere auch die Gestaltung der Interaktionsformen der Nutzer mit den Plattformanwendungen beim Einsatz für die unterschiedlichen Verwendungszwecke. Außerdem gilt es, aus der Fülle an Informationen, die über den Verlauf von Katastrophen und Hilfseinsätzen bei der Nachbereitung realer Ereignisse wie bei der Simulation möglicher Ereignisse vorhanden sind, aussagekräftige Indikatoren zur Entscheidungsunterstützung zu entwickeln. Diese Indikatoren müssen in der Lage sein, alle relevanten Sachverhalte eines Ereignisses nachvollziehbar abzubilden. »Gleichzeitig dienen sie der Verdichtung der Simulationsergebnisse und sind so die entscheidende Voraussetzung dafür, dass Planer und Hilfskräfte Auswirkungen von Krisenreaktionen schnell und transparent überblicken können«, erklärt Sautter. Denkbar sind dabei etwa einfache »Ampelfunktionen«, die zum Beispiel mit Grün-, Gelb-, oder Rotlicht die Auslastung von Hilfsressourcen im Verlauf eines Krisenszenarios anzeigen. So kann einfach erfassbar visualisiert werden, ob etwa die Anzahl an verfügbaren Rettungsfahrzeugen zur Versorgung von Verletzen im Zielgebiet ausreichend, kritisch oder zu gering ist.

»Erfolgsentscheidender Faktor des CRISMA-Systems wird sein, ob es gelingt, komplexe und unklare Sachverhalte durch die Simulationsunterstützung für jene konkreter darzustellen, die in Planungsphasen und Krisensituationen dafür verantwortlich sind, schwierige Entscheidungen zu treffen«, so Sautter. Die deutschen Partner testen die Simulationsunterstützung bei realen Übungen des Deutschen Roten Kreuzes zur Krisenreaktion bei Unfallereignissen mit vielen »Verletzten«. Sie wollen damit zusätzlich empirische Daten über Prozesse im Krisenmanagement gewinnen, um die Simulationsergebnisse so aussagekräftig wie möglich zu machen. Französische Projektpartner nutzen die Simulationsumgebung in der Pilotphase für die langfristige Planung von Schutzmaßnahmen gegen Sturm- und Flutereignisse entlang der Atlantikküste. In Italien werden die Simulationen bei der Bewältigung von Erbebenkatastrophen und in Finnland zur Evaluierung von Notfallplänen im Rahmen einer Großübung anhand eines grenzübergreifenden Wintersturm-Szenarios erprobt. Und im Rahmen einer israelischen Pilotstudie wird »CRISMA« für das Training von Entscheidern zum Management von Krisenereignissen eingesetzt. Bis zum Ende der Projektlaufzeit Mitte 2015 wollen die Projektpartner eine für die unterschiedlichsten Krisenszenarien und Anwendungszwecke einsatzfähige Plattformlösung vorstellen. (mab)

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Johannes Sautter
  • Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO
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