Über 800 Radfahrer*innen und Fußgänger*innen sind in Deutschland im Jahr 2020 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, weitere 115.000 wurden verletzt. Viele dieser Unglücke wären vermeidbar gewesen. Allein dadurch, dass die Beteiligten die Gefahrensituation rechtzeitig als solche erkannt und entsprechend umsichtig agiert hätten. Das ist leicht gesagt. Denn wer außer einem oder einer Lkw-Fahrer*in zum Beispiel kann sich den Stadtverkehr aus der Lastwagenperspektive vorstellen? Virtuelle Realität ermöglicht es nun, Unfallhergänge gefahrlos aus verschiedenen Sichtperspektiven zu erleben.

Eine Radfahrerin fährt auf eine Kreuzung zu. Sie hat Vorfahrt und die Einmündung der Seitenstraße ist gut zu sehen. Dort kommt ein Auto, das aber offensichtlich anhält. Die Radfahrerin fährt weiter. Nichts deutet darauf hin, dass in wenigen Sekunden ein tödlicher Unfall passiert. Das Fahrzeug aber fährt unvermittelt wieder an, gerade als das Fahrrad in der Kreuzung eingefahren ist. Es kommt zum Unfall. »Solch ein unbeabsichtigtes Verletzen der Vorfahrt im Kreuzungsbereich führt im innerstädtischen Verkehr noch immer zu folgenschweren Kollisionen«, sagt Nora Strauzenberg vom Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme IVI. Vor allem das Risiko von Fahrradfahrer*innen oder Fußgänger*innen sei enorm. In der Regel sind sie es, die schwer verletzt werden oder gar zu Tode kommen. Immens wichtig sei es daher, die Unfallgefährdungen gerade für vulnerable Verkehrsteilnehmer*innen weiter zu verringern. Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur und neue Sicherheits- und Assistenzsysteme in den Fahrzeugen leisten dazu zwar wichtige Beiträge, »aber trotz aller Sicherheitsvorkehrungen wird es weiter vorkommen, dass der Mensch im Verkehr Fehler macht, aus denen gefährliche Situationen entstehen«, betont Strauzenberg. Damit es aber so selten wie möglich zu derartigen Extremsituationen kommt, sei es wichtig, alle hinsichtlich möglicher Gefährdungen zu sensibilisieren.
Die Crux dabei: Eine Sensibilisierung ist nur dann besonders erfolgreich, wenn sich Verkehrsteilnehmer*innen in die Lage des oder der jeweils anderen versetzen können. Denn Unfälle entstehen häufig aus einer Situation heraus, bei denen die eine Seite die Situation gar nicht als gefährlich wahrnimmt. So hat die Radfahrerin im obigen Beispiel eine natürliche 360-Grad-Umsicht und eine höhere Sitzposition als ein oder eine Fahrzeugfahrer*in. Sie geht davon aus, dass auch andere Verkehrsteilnehmer*innen über eine vergleichbare Wahrnehmung verfügen und sieht kaum Veranlassung, besonders vorsichtig zu sein – der oder die Fahrzeuglenker*in musste sie ja auch gesehen haben …

Oder etwa nicht?

Zurück auf Anfang – dieses Mal aus der Perspektive des Fahrzeugs: Der oder die Fahrzeuglenker*in fährt aus der Seitenstraße auf die Vorfahrtstraße zu. Beim Blick nach links ist der Gehweg zu sehen, zur Straße hin ein Grünstreifen mit Büschen und Bäumen, dazwischen hindurch stückweise die Fahrbahn und augenscheinlich weder ein Fahrrad noch ein anderes Fahrzeug. Da »Vorfahrt achten« gilt, stoppt das Fahrzeug dennoch kurz. Noch einmal vergewissert sich der oder die Fahrer*in, ob der Fahrweg in die Kreuzung frei ist, fährt los und es kommt zum Zusammenstoß. Vom Cockpit des Fahrzeugs aus war die Radfahrerin also nicht beziehungsweise nur für Sekundenbruchteile sichtbar. Zuerst verdeckten sie die Büsche bei der Fahrt entlang des Grünstreifens. Und in den letzten Augenblicken vor dem Unfall war sie von der A-Säule des Autos verdeckt.

Unfallprävention in der virtuellen Realität

Mögliche Gefahren nicht nur aus der eigenen Perspektive, sondern auch aus dem Blickwinkel der übrigen daran Beteiligten einzuschätzen, ist jeden Tag aufs Neue anspruchsvoll – keine Verkehrssituation ist wie die andere, das Verhalten jedes Einzelnen ist verschieden. Das gilt für Erwachsene, die seit vielen Jahren sowohl mit dem Auto als auch mit dem Fahrrad und zu Fuß im Stadtverkehr unterwegs sind wie für Kinder und Jugendliche, denen umfassende Erfahrungen fehlen.

»Genau hier greift unser neues Konzept an. Wir nutzen die Möglichkeiten der virtuellen Realität, damit Kinder, Jugendliche und Erwachsene gefährliche Verkehrssituationen nahezu realitätsgetreu, aber vollkommen gefahrlos selbst erleben können«, erklärt Strauzenberg. Im vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) geförderten Projekt »PAPS-XR« entwickelten Expert*innen für Verkehrspsychologie und Verkehrspädagogik am Fraunhofer IVI gemeinsam mit Spezialist*innen für VR-Technologien von Wildstyle Network, LUMALENSCAPE und Meetle ein immersives 3-D-System für Schulungen zur Unfallprävention.

Das Projektteam hat dafür typische Örtlichkeiten im realen Verkehrsraum mittels 360-Grad-Videotechnik erfasst, um sie virtuell zu rekonstruieren. Innerhalb dieser 3-D-Welten können die Entwickler*innen nun verschiedene unfallkritische Situationen realistisch nachbilden. Diese Vorgehensweise an sich ist nichts Besonderes. Sie wird zum Beispiel bei der Entwicklung von Computerspielen eingesetzt. »Im Unterschied zu einer Spielwelt muss die virtuelle Adaption des Verkehrsgeschehens jedoch höchste Anforderungen an die Detailtreue erfüllen«, betont Strauzenberg. Denn um nachvollziehen zu können, warum sich in bestimmten Situationen Unfallgefahren entwickeln, muss die Computeranimation zum Beispiel die Sichteinschränkungen durch Büsche oder die A-Säule vom Autositz aus im zeitlichen Ablauf lückenlos und korrekt darstellen. Zum Betrachten der Computeranimationen stellen die Systementwickler*innen den Proband*innen handelsübliche VR-Brillen zur Verfügung. Jede Unfallanimation lässt sich damit aus verschiedenen Perspektiven erleben. »Der selbe Unfallhergang kann damit nacheinander erst mit den Augen der verschiedenen Beteiligten sowie dann noch zusätzlich aus der Sicht eines unbeteiligten Außenstehenden durchlebt werden«, so Strauzenberg. So werde es möglich, ein Gefühl für das Zustandekommen des jeweiligen Unfalls zu entwickeln und sich die Gefährlichkeit der Situation besonders einprägsam bewusst zu machen.

Sicherheitstraining anhand realer Unfallereignisse


»Ein weiterer zentraler Aspekt unseres Konzepts ist, dass Computeranimation und Realität nicht nebeneinanderstehen, sondern miteinander verzahnt sind«, sagt Strauzenberg. Ihr Team hat die virtuellen Gefahrenszenarien nicht am Reißbrett entwickelt. Sie zeigen vielmehr den Verkehrsraum und den Ablauf von Unfällen, die tatsächlich so auch vorgefallen sind. »Außerdem wollten wir so sicherstellen können, dass unser Präventionsangebot besonders typische, folgenschwere Unfallszenarien adressiert«, sagt Strauzenberg.

Im Vorfeld hatten die Forscher*innen deshalb die Unfallberichte aus fünf Bundesländern ausgewertet und insgesamt rund 150.000 Unfälle, bei denen nicht-motorisierte Personen verletzt oder getötet wurden, detailliert analysiert. Für eine virtuelle Adaption im Rahmen des Projekts wählten sie zunächst drei besonders typische Unfallhergänge aus. Einer davon ist der hier beschriebene Kreuzungsunfall der Radfahrerin mit dem Pkw. Ein anderes, typisches Szenario zeigt einen Fahrradunfall mit einem rechtsabbiegenden Lkw, der die Sichtproblematik vom Fahrersitz eines Lastwagens aus verdeutlicht. Und ein dritte, besonders gefährliche Verkehrssituation ist ein Unfall, bei dem ein Kind, das zwischen parkenden Fahrzeugen auf die Straße gegangen war, von einem Pkw verletzt wurde.

Eingesetzt werden die im Projekt entwickelten VR-Unfallanimationen zunächst in mehreren Schulen in Sachsen. Das Live-Nacherleben von Gefahrensituationen mittels VR-Brille wird dafür in das pädagogische Konzept der Fraunhofer IVI Accident Prevention School integriert. Dieses, ebenfalls von Fraunhofer IVI entwickelte Angebot zur Unfallprävention führt der ADAC Sachsen bereits seit mehreren Jahren im Auftrag der Landesregierung durch. »Unser Präventionskonzept und die VR-Animationen dazu könnten natürlich auch bundesweit verwendet werden. Und das nicht nur im Schulunterricht. Sie sind beispielsweise auch wichtig, um Fahrschüler*innen für besonders unfallträchtige Verkehrssituationen zu sensibilisieren«, resümiert Strauzenberg.

(stw)

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