Zu den unangenehmsten Gefühlen gehört der Ein­druck, zu sein, wo man nicht hingehört. Und eben jener beschlich einen noch vor nicht gar zu langer Zeit beständig, wenn man ein paar Zeilen zu einem belie­bigen IT-Thema füllen wollte. Die Leute, die man befragte, erzählten einem nur noch von Steckdosen, Stromzählern und Kilowattstunden:

Gleichsam daraus sollte die Rechen­leistung fließen, so zuverlässig und so selbstverständlich. Und wie elek­trische Energie sollte sie abgerechnet werden. Die Branche vollzog gerade mal wieder einen Paradigmenwechsel - jenen hin zum Grid-Computing.

In seiner ursprünglichen Bedeutung ist ein Grid ein Stromnetz. Deswegen gingen die ITler zum Metaphern-­Schnorren in die Kraftwerke. Ja: »Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über« (Matthäus, Kapitel 12, Vers 34). Und in der IT-Industrie sind die Herzen stets voll und die Münder gehen über, weil dort permanent Auf­bruchsstimmung herrscht - Frühling quasi. Die IT-Branche ist die Welt des immerwährenden Frühlings.

Dann wurde es November, zuerst November 2005: Unter der Schnee­last eines zu frühen Wintereinbruchs knicken im Münsterland Strommas­ten aus dem Thomasstahl der 60er zusammen. Eine ganze Region geht vom Netz. Die Daten, die Materi­alprüfer bei RWE erhoben hatten, waren nicht beachtet worden.

Es folgte der November 2006: Am 4. dieses Monats führt die Zusammenschaltung mehrerer Stromleitungen beim deutschen Versorgungsunter­nehmen E.ON zur Netzüberlastung. Um 22:00 Uhr gehen große Teile Europas offline. Die Schaltung war zuvor nicht am Rechner simuliert worden.
Diese Ereignisse haben das Bild, das man sich in der IT-Branche von den Versorgungsunternehmen macht, wieder zurechtgerückt.

Richtig ist, dass jene ein hochkomplexes Netz managen. Aber sie tun dies mit Equipment, das ihnen Computer-­Bauer und Software-Häuser liefern. Ausfallsicherheit ist für die EVUs existenziell. Aber sie herzustellen, ist keine energie-, sondern eine informa­tionstechnische Disziplin.
Und ähnliches gilt für die Zukunfts­aufgaben der Versorgungsbranche. Eine höhere Energie-Effizienz und Energie-Einsparungen lassen sich nur durch den Einsatz intelligenter Gerät­schaften - will sagen: durch Informa­tionstechnik - erzielen.

Das Verhältnis von Computer- und Versorgungsbranche hat sich wieder eingerenkt. IT-Unternehmen sehen inzwischen in den EVUs nicht mehr die großen Vorbilder, sondern immer wichtiger werdende Kunden. Für jene ist das sehr vorteilhaft. Schließ­lich wird keine zwischenmenschliche Beziehung so liebevoll gepflegt wie die Kundenbeziehung. Und wenn ein ITler sich heute auf den Weg zu einem Kraftwerksbetreiber macht, dann geht er nicht zum Metaphern-­Schnorren, sondern zum Arbeiten. Und so soll es auch sein. 

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Achim Killer
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