Wir leben länger. Aber wir werden weniger. Und die Vielfalt steigt. Die demographische Entwicklung wird Deutschland in den kommenden Jahren deutlich verändern. Auswirkungen hat dies nicht nur in den Statistiken zur Bevölkerungsstruktur. Von Fachkräftemangel über Pflegenotstand bis zur Wirtschaftsleistung: Der Wandel betrifft jeden einzelnen von uns. Und das muss keinesfalls negativ sein. Jede grundlegende Veränderung eröffnet gleichzeitig neue Handlungsspielräume. Sie auszuloten und nach Lösungen zu suchen, wie sich der demografische Wandel als Chance für Deutschland gestalten lässt, ist Thema des Wissenschaftsjahres 2013, einer deutschlandweiten Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Eine Pionierrolle in Europa hat Deutschland nicht nur, weil es die größte Volkswirtschaft ist – mit herausragender Produktivität und Innovationskraft. Auch beim demographischen Wandel geht Deutschland seinen europäischen Nachbarn voran: Seit den 1960er Jahren sinkt in Deutschland die Zahl der Geburten, seit 1972 sterben pro Jahr mehr Menschen, als geboren werden. Deutschland hat bereits heute die älteste Bevölkerung und sie schrumpft am schnellsten. Für die gesellschaftliche Entwicklung ist parallel dazu eine zweite demografische Komponente mit entscheidend: Die Menschen hierzulande werden immer älter und bringen sich immer länger in Gesellschaft und Wirtschaft ein. Dem medizinischen Fortschritt und einer gesundheitsbewussteren Lebensweise ist es zu verdanken, dass die Lebenserwartung der Deutschen in den letzten zwei Generationen um mehr als ein Drittel gestiegen ist. Bei den Mädchen des Geburtsjahrs 2011 können drei von zehn davon ausgehen, dass sie mehr als 100 Jahre leben werden. Als dritte Säule des demografischen Wandels wirkt sich die Zuwanderung von Fachkräften und ihrer Familien ebenso wie der Wandel in den individuellen Lebensläufen der Menschen aus. Prägend für das gesellschaftliche und familiäre Miteinander sind neben der zunehmenden kulturellen Vielfalt in der Bevölkerung auch neue Beziehungsmuster innerhalb und zwischen den Generationen. Zum Beispiel wird es künftig immer häufiger so genannte »Bohnenstangen-Familien« geben: mit wenigen Kindern, dafür aber vier Generationen – von der Uroma bis zum Urenkel.

Zum Wissenschaftsjahr 2013 stellt sich die Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) deshalb folgende Frage: Wie lässt sich unter diesen demografischen Bedingungen mit ihren Auswirkungen auf alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereiche die Innovationskraft und der Wohlstand Deutschlands sichern? Alle gesellschaftlichen Gruppen sind eingeladen, sich mit Anregungen, Ideen und praxistaugliche Lösungen daran zu beteiligen, den demografischen Wandel aktiv als Chance für Deutschland zu gestalten. Die Diskussion des Themas in der Öffentlichkeit wird unter anderem unterstützt durch eine Wanderausstellung und einen Bürgergipfel zum demografischen Wandel sowie einer Deutschlandtour des Ausstellungsschiffes MS-Wissenschaft. Parallel dazu fördert das BMBF gezielt die Vernetzung von Forschern unterschiedlichster Disziplinen und laufende sowie neue Forschungsprojekte, die sich mit konkreten Fragestellungen und Lösungskonzepten für die Zukunft der gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands beschäftigen. 

Insbesondere Innovationen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien (IuK) unterstützen die Bürger dabei, bis ins hohe Alter aktiv und selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Beim im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2013 geförderten Projekt »ACCESS« zum Beispiel arbeiten die Forscher des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen IIS gemeinsam mit weiteren drei Entwicklungspartnern an einer mobilen Navigationshilfe für Reisen in fremde Städte und Urlaubsregionen. Das Besondere dabei: Das mit jedem Smartphone nutzbare Leitsystem funktioniert nicht nur auf Straßen und Plätzen, sondern kann auch in Gebäuden oder in der U-Bahn barrierefreie Wege anzeigen. Zusätzlich lassen sich Online-Informationen und -Dienstleistungen passend zum jeweiligen Aufenthaltsort abrufen beziehungsweise nutzen. 

Für ein eigenständiges, aktives Leben im Alter sind gleichermaßen die körperliche Gesundheit wie die geistige Fitness grundlegend. Beides regelmäßig und nachhaltig zu trainieren ist das Ziel der Forscher im Projekt »Motivotion60+«. Ein Entwicklungskonsortium, an dem sich auch die Fraunhofer-Institute für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO und für Graphische Datenverarbeitung IGD beteiligen. Das Konsortium baut ein Telematik-Portal auf, das die Aktivitäts- und Vitaldaten über das Internet abspeichert, aufbereitet und den Nutzern, dem Pflegedienst, Arzt und den Krankenkassen in jeweils passender Form zur Verfügung stellt. Für ihr individuelles Trainingsprogramm können die Senioren unter anderem ein Aktivitätsarmband als drahtlose Schnittstelle zur Telematik-Plattform sowie am Körper tragbare Herz- und Bewegungssensoren oder Videotrackingsysteme zur Erkennung komplexer Bewegungsabläufe bei Übungen zuhause nutzen. Aus einem Pool aus motivierend aufbereiteten Trainingsmodulen lassen sich je nach Gesundheits- und Fitnesszustand die individuell optimalen Übungseinheiten zusammenstellen. Speziell zur Förderung und Erhaltung der geistigen Leistungsfähigkeit entwickeln die Forscher am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT mit Wissenschaftspartnern im Projekt »WebDA« neuartige webbasierte Dienste, die Menschen bei zunehmender Vergesslichkeit dabei unterstützen, das Gedächtnis zu entlasten, den Alltag zu strukturieren und ihre Kommunikations- und Gedächtnisfähigkeiten zu trainieren. Unter anderem werden Radio Frequency Technologien (RFID) so weiterentwickelt, dass verlorene Gegenstände mit besonders einfach zu nutzender Technik jederzeit zuverlässig und präzise lokalisiert werden können.

Pflegebedürftige werden heute bereits in den meisten Fällen zuhause in ihrer Wohnung betreut. Wichtige Unterstützung im Alltag der Senioren leisten dabei neben professionellen Pflegekräften und Ärzten insbesondere auch Angehörige, Bekannte und Nachbarn. Damit Betreuung- und Pflegeleistungen aller Beteiligten optimal aufeinander abgestimmt werden kann, entwickeln das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST gemeinsam mit Partnern im Projekt »DCJ« das Daily Care Journal. Am Fernsehgerät im Wohnzimmer des Pflegebedürftigen steht dabei eine »elektronische Pflegeakte« zur Bearbeitung und Nutzung bereit. Intelligente Unterstützungstechniken wie ein spezieller digitaler Stift sorgen dafür, dass die Betreuungs- und Pflegedokumentation effizient und kostensparend erfolgen kann. 

Über alle Projekte, die sich mit dem gemeinsamen Ziel, die »demografische Chance« in Deutschland umzusetzen, an der Initiative des BMBF beteiligen, sind im Internet unter http://www.wissenschaftsjahr2013.de auf einer Forschungslandkarte abrufbar. Das Wissenschaftsjahr 2013 ist zudem unmittelbar verknüpft mit der von der Bundesregierung beschlossenen Demografiestrategie »Jedes Alter zählt«, der vom BMBF erarbeiteten Forschungsagenda »Das Alter hat Zukunft« sowie dem Bürgerdialog »Demografischer Wandel«. (stw)

Weitere Informationen

Keine Kommentare vorhanden

Das Kommentarfeld darf nicht leer sein
Bitte einen Namen angeben
Bitte valide E-Mail-Adresse angeben
Sicherheits-Check:
Fünf + = 7
Bitte Zahl eintragen!
image description
Experte
Alle anzeigen
Thomas Bendig
  • Fraunhofer-Verbund IUK-Technologie
Weitere Artikel
Alle anzeigen
Dein Wunsch ist mir Befehl
Sicher und smart
»Zähne gut geputzt? App-solut sicher!«
Stellenangebote
Alle anzeigen