Smart City: Das bedeutet in der Regel mehr Vernetzung und digitale Intelligenz für die Großstadt. Es besteht also die Gefahr, dass kleinere und mittlere Städte abgehängt werden. Dass es auch anders geht, zeigt die Stadt Lemgo. Hier arbeiten Institutionen, Bürger und Forscher Hand in Hand. Sie verwandeln die nordrhein-westfälische Mittelstadt zu einem Reallabor für digitale Neuerungen, die unter anderem dem Stadtverkehr und dem Einzelhandel zugutekommen können. Federführend dabei ist das Fraunhofer IOSB-INA.

»Wir befinden uns im Jahre 2019 nach Christus. Ganz Deutschland hat Probleme mit der Digitalisierung.... Ganz Deutschland? Nein! Eine von innovativen Forschern am Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB, Institutsteil Industrielle Automation tatkräftig unterstützte Mittelstadt im Norden der Republik wird nicht müde, immer mehr Hürden auf dem Weg zu einer cleveren City zu nehmen.«

So könnte eine moderne Asterix-Erzählung beginnen, die viele Bürgermeister in den Amtsstuben der Republik wohl nur zu gerne lesen würden. Nur: Es ist keine erfundene Geschichte. Die Entwicklung der Stadt Lemgo, die sich mit ihren etwas über 40.000 Einwohnern, 220 Einzelhändlern und nur wenigen Dutzend gastronomischen Betrieben von der eher unbekannten Provinz in ein deutschlandweit immer bekannter werdendes Beispiel für die Digitalisierung von Mittelstädten mausert, ist sehr real. Und das zum Vorteil nicht nur für die Alte Hansestadt. Denn die Ergebnisse, die das kommunale »Reallabor«, an dem neben dem Fraunhofer IOSB unter anderem auch die Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe und die Bürger selbst beteiligt sind, hervorbringt, stehen natürlich auch anderen Städten zur Verfügung.

Dabei setzen die Forscher vor allem auf vier Handlungsfelder: Mobilität, Einzelhandel, Umwelt und partizipatorische Technologiegestaltung. In ihnen sollen die Probleme auf dem Weg zur Smart City ausgemacht und gelöst werden. Impulsobjekte sollen die Vorteile der Digitalisierung nutz- und erlebbar machen. Erste Erfolge des seit zwei Jahren laufenden Projekts können sich sehen lassen. Folgend drei Beispiele aus dem Bereich Mobilität.

Mitdenkende Parkplätze

Nach drängenden Projekten zum öffentlichen Personennahverkehr, bei dem unter anderem die Fahrzeiten des ÖPNV nun auch durch Navigations-Apps abgerufen werden können, für kleinere Städte ist das noch keine Selbstverständlichkeit, bislang wird hier meist noch der Fußweg empfohlen, haben die Forscher weitere verkehrsfreundliche Akzente gesetzt. So sind nun alle 16 Stadtbusse in Lemgo mit Sensoren für die exakte Positionsbestimmung und zusätzlichen Displays ausgestattet. Die jeweils ermittelten Positionsdaten werden in einer sicheren Cloud verarbeitet und die Fahrgäste sehen morgens bereits am Frühstückstisch auf dem Smartphone, wann genau sie sich auf dem Weg zur Haltestelle machen sollten.

Zudem haben die Forscher exemplarisch eine bedarfsgerechte Straßenlaternenbeleuchtung und eine intelligente, sprich vernetzte Parklösung auf den Weg gebracht. Dafür wurden intelligente Sensoren in die Parkplätze integriert. Sie erkennen mit Hilfe einer elektromagnetischen Messung, ob der jeweilige Parkplatz besetzt ist und geben die Information an eine Plattform weiter, so dass sie allen Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung steht.  Einen Vorteil haben aber auch Betreiber beispielsweise von Supermärkten, Kliniken oder städtischen Unternehmen. Sie können mit dem vernetzten Sensorsystem beispielsweise die Auslastung ihrer Stellplätze in Echtzeit analysieren und auf Basis dieser Daten planen oder ihren Kunden tageszeitabhängige Angebote machen.

Auch der öffentliche Personennahverkehr wurde in der Stadt Lemgo digital vernetzt, so dass alle 16 Stadtbusse durch Sensoren ihre exakten Positionsdaten für die Fahrgäste bereitstellen. Bild: Fraunhofer IOSB-INA

Probleme verstehen

»Uns geht es nicht nur darum, auch in kleineren Städten Smart City Technik zu testen und den jeweiligen Bedürfnissen anzupassen. Wir wollen und müssen auch von den Bewohnern lernen, wo mögliche, nicht-technische Probleme liegen«, betont Jens-Peter Seick, Projektleiter Lemgo Digital am Fraunhofer IOSB, Institutsteil Industrielle Automation. Bestes Beispiel dafür sind digitale Services für den Einzelhandel: Die Idee, die Innenstadt von Lemgo als eine Art »Amazon vor Ort« zu interpretieren, scheitere schon deshalb, weil so gut wie kein Einzelhändler über ein elektronisches Warenwirtschaftssystem verfügt, das in Echtzeit arbeitet. Nur dann aber könnten Bestellungen sofort abgewickelt werden. »Der lokale, stationäre Handel bietet aber auch Vorteile, die ihn klar vom Onlinehandel unterscheiden – das wollen wir durch digitale Mittel noch verstärken«, betont Seick. Dazu zähle beispielsweise die professionelle Sichtbarkeit im digitalen Raum, die die Innenstadt wie ein großes Einkaufszentrum erscheinen lasse. Oder auch Chat-Funktionen, die es stationären Händlern ermöglichen, auf einem weiteren, digitalen Weg Beratung und Services anzubieten. Es gebe also eine Fülle von Konzepten und eine Vielzahl realistischer Ideen, die technisch und rechtlich umsetzbar sind, um Innenstädte wiederzubeleben und dem landläufig beobachteten »Einzelhandels-Sterben« entgegenzusteuern, sagt Seick.

Alternative zum Online-Shopping

Neben einem allgemeinen Schulungs- und Kompetenzprogramm beispielsweise zu Webseiten und Bewertungsportalen haben die Verantwortlichen deshalb auch »digitale Paten« etabliert. Diese Personen helfen den Geschäftsinhabern dabei, sich beispielsweise bei Google wirkungsvoller zu positionieren, wenn der Suchende sich in der Nähe ihres Geschäfts aufhält. »Das ist ein wichtiger Schritt, um zu den Angeboten von Online-Portalen aufschließen zu können«, meint Seick. Hinzu kommen Angebote, bei denen Innenstädte den Online-Shopping-Plattformen sogar deutlich überlegen sein können: Erlebniseinkäufe in Verbindung mit einzelnen Veranstaltungen. »Dazu gehört in Lemgo auch Zusatzinformationen, die über Smartphones abgerufen werden können, um beispielsweise eine bestimmte Einkaufsroute zu gehen, Veranstaltungshinweise zu erhalten oder auf Schaufensterbummel-Tour zu gehen. Dabei werden QR-Codes in den Schaufenstern (oder an anderen Stellen) angebracht, über die Besucher der Innenstadt sofort und einfach Zusatzinformationen zu den ausgestellten Produkten abrufen können. Möglich sind auch Augmented Reality-Lösungen oder das Etablieren neuer Zahlmethoden bis hin zu Bitcoin. »Allerdings stehen nicht alle Einzelhändler Ideen wie diesen aufgeschlossen gegenüber«, sagt Seick. In Lemgo wollen etwa 20 Prozent der Ladeninhaber digitale Neuerungen aktiv angehen. Aber weitere 60 Prozent seien zumindest sehr interessiert.

(aku)

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  • Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB
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