Städte müssen sich weiterentwickeln. Und das tun sie auch - zumindest im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Verantwortliche stoßen immer wieder an ihre Grenzen, gerade, wenn zukunftsentscheidende Fragen zu Smart Cities beantwortet werden sollen. Grund dafür sind unter anderem Unklarheiten über aktuelle Lösungen und ein nur mäßig funktionierender Erfahrungsaustausch mit anderen Städten. Im europäischen Projekt BABLE haben Forscher des Fraunhofer IAO nun eine Plattform entwickelt, die diese entscheidende Lücke erstmals nachhaltig schließen kann. Im Interview erklärt Alexander Schmidt, wie das geht. 

Hallo Herr Schmidt, BABLE ist mittlerweile eine Ausgründung des Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO geworden. Sie sind der CEO.

Wir haben uns ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Über BABLE wollen wir unternehmerische Ideen beziehungsweise Initiativen etwa zu Smart Cities und sauberen Technologien mit der »Zielgruppe« Städte zusammenbringen.

Auf einer Website der Morgenstadt-Initiative heißt es sogar, Sie wollen eine vorhandene Lücke schließen.

Auf der einen Seite entwickeln Unternehmen vielsagende Konzepte, die auch für den städtischen Raum interessant sind. Auf der anderen Seite erreichen viele dieser Konzepte zu wenig Stadtplaner und Stadtentwickler. Unsere Plattform möchte Produkte und Lösungen in den Entwicklungsprozess von Städten integrieren, damit sie gezielt nachhaltig arbeiten können.

BABLE setzt sich aus zwei verschiedenen Bestandteilen zusammen: einer Informationsplattform einerseits und einer Serviceplattform andererseits.

Die Informationsplattform haben wir ins Leben gerufen, um hier alles Wissenswerte für eine nachhaltige Stadtentwicklung zu bündeln. Städte und Unternehmen können beispielsweise bereits realisierte Projekte beschreiben und auch bewerben. So kommen Sie mit anderen Städten und Unternehmen ins Gespräch und können Erkenntnisse teilen. Die Serviceplattform hingegen soll die Umsetzung erleichtern. Ziel ist es, Städte bei ihrer Entwicklung und der Integration nachhaltiger Konzepte zu unterstützen. Zunächst durch Hilfe bei der Definition ihrer künftigen Bedürfnisse über die Formulierung einer Smart City Agenda bis hin zur tatsächlichen Umsetzung der Lösungen.

Beides verknüpft sich zu einem hochinteressanten Ansatz. Das Problem aber dürfte einerseits sein, Angebote und Nachfragen sozusagen zu »standardisieren«. Städte und Anliegen im Bereich der Nachhaltigkeit lassen sich kaum über einen Kamm scheren.

Das ist in der Tat eines unserer größten Probleme für die Informationsplattform gewesen. Um eine Vergleichbarkeit der Use Cases herzustellen, haben wir ein standardisiertes Datenaufbereitungsformat entwickelt. So wird es möglich, den Markt zu skalieren. Erfahrungen beispielsweise während des Prozesses der Implementierung können so auf der Informationsplattform gut eingeordnet, dargestellt und zur freien Verfügung gestellt werden.

… Andererseits dürften sich verschiedene Maßnahmen der Städte auch ähneln. Sie haben dann das Problem einer »Informationsfülle«.

Natürlich gibt es viele Ansätze, die nicht nur vergleichbar, sondern letztlich die gleichen sind. Der Unterschied besteht also nicht in der Substanz, sondern oftmals nur im Wording. Deshalb haben wir beispielsweise für Smart City Solutions so etwas wie einen Rahmen für Stichwortregelungen eingeführt, damit sich die interessierten Kommunen daran orientieren können. Trotzdem kann und muss sich die sprachliche Standardisierung in Grenzen halten. Wir wollen ja keine einheitlichen »Lösungen von der Stange« aufnehmen, sondern verschiedenartige Ideen, die sich individuell in die spezifischen Vorstellungen und Systeme integrieren lassen müssen.

Gute Lösungen sind bares Geld wert. Warum glauben Sie, dass Unternehmen ihre Ideen und Städte ihre Umsetzungen für andere sozusagen »gratis« publik machen?

Wir publizieren Referenzen. Und Referenzen sind für beide Seiten hochinteressant. Sowohl für Unternehmen, die dann in Kontakt zu anderen interessierten Städten kommen wie auch für die Städte selbst, die natürlich ein Interesse daran haben, auch in Bezug auf Nachhaltigkeit eine Vorbildstellung einzunehmen.

Als Ausgründung muss Ihr Unternehmen auch kommerziell arbeiten und bestehen. Was hat die Plattform von den Angeboten?

Ich hatte es schon angedeutet: Unternehmen bewerben die Erfolge, die mit ihren Produkten möglich waren. Sie werben also für sich. Dafür verlangen wir einen Unkostenbeitrag, der dann die Plattform finanziert.

Bei jeder Plattform im Internet stellt sich immer auch die Frage nach der Neutralität.

Wir sind – gerade als Ausgründung von Fraunhofer – daran gebunden, Neutralität zu garantieren und allen interessierten Akteuren den Zugang zu gewähren. Alles andere wäre – ehrlich gesagt – auch Unsinn. Wir wollen ja den Austausch pushen.

Die Plattform war jetzt ein halbes Jahr in einer Testphase und soll mit Beginn des Jahres 2018 sozusagen »durchstarten«. Können Sie trotzdem schon etwas zur Resonanz sagen?

Uns geht es darum, nicht nur in Deutschland, sondern auf europäischer Ebene umfangreiche Informationen zur Stadtentwicklung zur Verfügung zu stellen. Dafür arbeiten wir bereits jetzt – nach Ende der Testphase – mit über 40 Städten und Industriepartnern aus den Niederlanden, Belgien, Schweden, Großbritannien, Portugal, Irland, Spanien, Estland, Bulgarien oder Deutschland zusammen. Da wir uns hier und anderswo aber nicht nur auf die großen Städte beschränken, sondern auch kleinere und mittlere Städte unterstützen wollen, dürfte die Vielfalt noch deutlich anwachsen. Zumal viele der kleineren Städte im Zuge eines »bundling of demand« auch nach überregionalen, größeren Lösungen suchen.

Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Denken Sie etwa an Smart-Lighting-Lösungen für die Straßenbeleuchtung: Welche Sensoren, welche Lampen und welche Steuerungsmechanismen sind am effektivsten? Sollen Aktoren eingesetzt werden, die das Licht situationsgebunden steuern? Wie teuer ist das und lohnt sich der Aufwand? Solche Fragen betreffen Städte und kommunale Verbünde in Nordeuropa genauso wie etwa in Südspanien. Vergleichbares gilt auch für den Aufbau eine Ladeinfrastruktur für kommunale E-Flotten. Oder generell für Mobilitätsangebote.

Wie gut bleiben Sie auch in Zukunft mit Fraunhofer vernetzt?

Um es klar zu sagen: Ohne die Fraunhofer-Institute und andere Forschungsinstitutionen werden wir zum Beispiel im Bereich der Stadtentwicklung Richtung Smart City nicht weit kommen. Gerade während unserer eher an der Implementierung orientierten Aufgaben zeigt sich schon jetzt, wie nötig die Forschung an weiteren Projekten und damit auch diese Art der Partnerschaft bleiben wird. Im ersten Schritt ist es für uns aber wichtig bestehende Technologien weiter zu verbreiten, weshalb wir uns mit dem ganzen Team voll und ganz dieser Aufgabe widmen

(aku)

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Alexander Schmidt
  • Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO
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