Wie gehen wir in Städten zukünftig mit Problemen wie Feinstaubbelastung, anfallenden Müllbergen, öffentlichen Sicherheitsrisiken oder Ressourcenknappheit um? Wie können urbane Sensornetzwerke im Rahmen des Internets der Dinge aufgebaut werden, ohne ein Klima der Überwachung zu schaffen? Wie lässt sich Wohnraum vor dem Hintergrund des Flüchtlingszustromes und des demographischen Wandels unter Partizipation der Bürger und Bürgerinnen zukunftsfähig gestalten? Wie kann man das Potenzial des autonomen Fahrens und der Elektromobilität in der Stadtentwicklung innovativ nutzen? Diese und weitere Themen standen zentriert auf der Agenda des Urban Futures Kongresses und waren schon im gesamten Wissenschaftsjahr 2015 unter dem Metaschlagwort »Zukunftsstadt« von zentraler Bedeutung.

Dies ist der erste von zwei Teilen eines Beitrags über den Kongress »Urban Futures«. Der zweite Teil wird am 21.01.2016 auf Fraunhofer InnoVisions veröffentlicht.

Der vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO veranstaltete Kongress vom 25. und 26. November 2015 stellte einen zusammenfassenden Überblick auf aktuelle Forschungsprojekte und einen Ausblick auf langfristige Anforderungen zur Gestaltung der Städte von morgen dar. Er bot Vertretern aus Gemeinden, Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Medien die Möglichkeit, einen interdisziplinären Brückenschlag zu vollziehen und den Austausch der nationalen und globalen Akteure zu stärken. Der Fokus lag u.a. darauf, europäische Projekte im Rahmen der Smart Cities Agenda im deutschen Raum bekannter zu machen und mit Hilfe der Fraunhofer Morgenstadt-Initiative eine Vernetzung nationaler Projekte, Plattformen und Initiativen zu erzielen. Podiumsdiskussionen, Workshops und verschiedene Präsentationsformen sorgten für einen zweitägigen Austauschprozess rund um das Thema Smart City.

Digitalisierung als Mittel oder Ziel?

Zwar bestand ein genereller Konsens zum Thema der digitalen Stadt, d.h. der Umsetzung von Planungsstrategien mit dem Fokus auf der Gestaltung des zukünftigen vernetzten Lebens in Städten auf der Agenda, allerdings wurde auch eine Vielzahl konkreter Projekte und Innovationen präsentiert. Ein wichtiges Beispiel für diese Verbindung stellte u.a. das Stadtentwicklungskonzept Berlin 2030 dar. Basierend auf einem Statusbericht von 2013 geht es dabei u.a. um die zeitnahe Umsetzung der Klimaneutralität Berlins, den Umgang mit der drohenden Überalterung und den stabilen Wachstumsraten sowie das ambitionierte Vorhaben, Berlin zu der führenden “Smart City” Europas zu machen. Es soll vor allem auf einen stärkeren Dialog mit der Bevölkerung bei der Erschließung neuer, preiswerter Stadtquartiere und den technisch-digitalen Infrastrukturausbau gesetzt werden, um beispielsweise den Lieferverkehr zu optimieren und der anhaltenden “Gründerstimmung” neuen Raum zu bieten.

Bekannte Sprecher wie Franz-Reinhard Habbel (Kolumnist und Schriftsteller sowie Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes) wiesen dabei allerdings auf noch allgemein zu lösende Probleme, bereits umgesetzte und geplante Maßnahmen und auf konkrete Veränderungsvorschläge in Deutschland hin. Dazu gehören u.a. der noch immer fehlende Zugang zu einem flächendeckenden, kostenlosen WLAN in deutschen Städten, ein besserer online-plattformintegrierter Zugang zu Co-Shared Arbeitsplätzen und Produktionslabs (z.B. im Bereich 3D-Printing) und die Veränderung im Feld der kommunalen Selbstverwaltung selbst. Der aus mehreren Bürgermeistern, Landräten und Führungskräften bestehende Innovators Club, welcher online u.a. eine Übersicht der bereits kommunal-städtisch entwickelten Apps für Flüchtlinge gibt, hat es sich in diesem Sinn zur Aufgabe gemacht, diese Themen aufzugreifen und in die beteiligten Gemeinden zu tragen.

Trotz des Innovationsdranges und der Digitalisierungsbegeisterung wurde, beispielsweise vom Stadtdirektor der Stadt München Stephan Reiß-Schmidt, immer wieder zur Vorsicht vor überschwänglicher Euphorie oder dem Einsatz „zu einfacher Rezepte“ gemahnt. Man müsse vor allem bereits existierende Trends fortsetzen, vergangene Konzepte überdenken und aus den Fehlern lernen, um gescheiterte Projekte, wie das der Metastadt Wulfen, nicht zu wiederholen und die Halbwertszeit der Zukunftsvisionen zu erhöhen. Reiß-Schmidt betonte, man müsse vor allem auf die „sozialen Innovationen, das Zusammenleben in der Stadt“ achten und solle den technisch-infrastrukturellen Ausbau der europäischen Städte nur als einen Teil des Ganzen und nicht als absoluten Orientierungspunkt betrachten. Davon nicht wegzudenken ist das Thema „Digital Divide“, welches in Deutschland und Europa immer relevanter wird – wie lassen sich z.B. Menschen ohne Smartphone gut in IT-gestützte Prozesse partizipatorisch einbinden?

Bürgerempowerment und mehr kommunale Selbstverwaltung

Ein klarer Trend bei der Konferenz ließ sich im Bereich „Bürgerempowerment“ abzeichnen. Unter dem Stichwort „Bürgerbeteiligung 4.0 – Smart Citizen als Motor“ wurde schnell klar, dass in Zukunft die kommunale Verwaltung der Städte autonomer finanziert und organisiert werden muss, um entsprechend mehr Handlungsspielraum zu haben und auf regionaler Ebene individuelle Innovationen zu fördern. Steffen Braun, Mitbegründer der Morgenstadt-Initiative und Leiter des Teams „Urban Systems Engineering“ am Fraunhofer IAO formuliert den Fokus dieses Schwerpunktes folgendermaßen: „Inwieweit kann man Innovationsprozesse in der Stadt so gestalten, dass die Bürger eine echte gestaltende Rolle bekommen? Welche neuen Dialogprozesse sind dafür nötig und wie können Kommunikations- und Crowdfunding-Plattformen dazu beitragen?“

Als konkrete Plattform wurde beispielsweise das „LivingLab BWe mobil“ in Ludwigsburg diskutiert. Es besteht im Kern aus 34 Projekten von Ausbildung über Energiemanagement bis hin zu Elektromobilität und Stadtplanung und ist eine direkte Umsetzung des Beteiligungsgedankens – ein interdisziplinäres Umfeld, in dem seit zehn Jahren Bürger, Verwaltung, Wirtschaft und Politik zusammenkommen, um ihre Stadt weiterzuentwickeln. Tobias Grossmann aus dem Referat für nachhaltige Stadtentwicklung der Stadt Ludwigsburg betonte, dass gerade am Anfang der Projektentwicklung die Bürger durch mehrere konsultative Veranstaltungen in den Langzeitstrategieprozess einbezogen wurden, wodurch sich neue Vernetzungen und Folgeprojekte innerhalb der städtischen Bevölkerung ergaben. Es wurde zudem versucht, schwer zu erreichende Milieus und städtische Zielgruppen beispielsweise über Schul- und Onlineprojekte zu aktivieren.

Julian Petrin, Mitgründer und Berater der Urbanista oHg führte in Bezug auf die Mitgestaltung in Hamburg an, dass durch aktives, partizipatorisches „Geschehenlassen“ auch unerwartet positive Ergebnisse zustande kommen und Einigungen zwischen Bürgern und Privatinvestoren erzielt werden können, sofern die Stadt rezeptiv agiert. Aus seiner Sicht geht es aber auch darum, Stadt „zu machen“, d.h. Stadträume aktiv und kreativ zu erschließen, wozu auch auf bestehende Strukturen wie „FabLabs“ und „Repair-Cafés“ gesetzt werden kann.

Ein weiteres Projekt in dieser Hinsicht war „Hack Your City“, welches in mehreren deutschen Städten erfolgreich durchgeführt und im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2015 gefördert wurde. Die dort entstandenen Projekte (Webseiten, Apps oder ganz andere) wurden in Zusammenarbeit mit vielen Jugendlichen, Hobbyforschern und –forscherinnen entwickelt.

Future Urban Business durch öffentlich-private Kooperation

Die essentielle Frage nach der Finanzierung und wirtschaftlichen Umsetzung der urbanen Transformation stellte einen Hauptfokus der Konferenz dar. Klar wurde: Durch die Politik und Kommune allein würde dies nicht mehr machbar sein – nur durch neue Innovationspartnerschaften. Daher müssen neue Geschäfts- und Betreibermodelle her, die zum einen neue Nutzungskonzepte der verschiedenen Sparten (Energie, Mobilität, Ernährung etc.) bedenken und gleichzeitig sogenannte „Business Eco Systems“ kreieren, also eine stärkere Verzahnung einzelner Unternehmen für urbane Lösungen.Die Unternehmen müssten sich generell stärker als Dienstleister und Betreiber, z.B. innovativer Mobilitätsangebote, positionieren und die Städte selbst in diesem Bereich aktiver in der Bedarfsermittlung werden. Im EU-Projekt „Smarter Together“, welches auch in Zusammenarbeit von Fraunhofer IAO und IBP in drei europäischen Städten (München, Lyon, Wien) durchgeführt wird, lassen sich solche Entwicklungen gut nachvollziehen. München möchte sich in diesem Rahmen beispielsweise stärker als Datendienstleister etablieren und teilweise auch eigene Business-Lösungen entwickeln.. Ähnlich verfährt das sehr viel kleinere Norderstedt, wo die Stadtwerke es sich zur Aufgabe gemacht haben, zwei Rechenzentren in Zusammenarbeit mit zwei IT-Unternehmen zu bauen, um sie Dataport, dem IT-Dienstleister für die Region, zur Verfügung zu stellen.

Herr Dr. Rainer Kallenbach, Geschäftsführer der Bosch Software Innovations GmbH, betonte zudem, dass eine Vernetzung der bestehenden Sensorsysteme und ein Ausbau der generellen Datenerfassungsinfrastruktur zu mehr Effizienz, also gesteigertem „through-put“ z.B. im Bereich Verkehrsmanagement unter gleichzeitiger Einsparung von Ressourcen führen kann. Auch die immer wieder angeführte und zukünftig mit der Stadt vernetzte Industrie 4.0 könne stark von den zusätzlichen Daten, der dadurch erhöhten Flexibilität und Effizienz profitieren. Vor allem aber seien neue Geschäftsmodelle von Nöten: Die hohe Diversität bei Smart City Projekten sei zwar eine Chance, aber auch ein Problem: Wird es jemals einheitliche Anforderungen oder homogene, integrierte Lösungen (z.B. Stadtplattformen) geben? Wer sind die Kunden: private Investoren, Systemintegratoren, Lösungsanbieter oder die Städte selbst? Anwendungsfälle können Smart Parking, E-Charging oder CityDashboard und viele weitere Lösungen umfassen. Dem müssten die großen Finanzierungsbereiche „öffentlich“ und „privat“ entsprechend begegnen: Der Fokus sollte hier vor allem auf der Langzeitfinanzierung der Projekte liegen, da meist nur die Entwicklung und Umsetzung bei einigen „Leuchtturmprojekten“ finanziell abgesichert sei.

Auch Keir Fitch, Leiter Forschung & innovative Transportsysteme der Europäischen Kommission führte an, dass eine Finanzierung der Umsetzung zukünftiger Projekte und Maßnahmen vor allem durch effizienteres Testen auf die Marktreife hin zu suchen sei. Trotz großer F&E Programme wie dem europäischen Horizon 2020 (ca. 80 Mrd. €) enden viele Ideen oft im „Valley of Death“ und würden es trotz intensiver Forschung nicht zur Marktreife und Umsetzung schaffen. Ebenso seien internationale, zukunftsfähige Standardisierung und Regulierung wichtig, um Investorenanreize durch Trendstabilisierung zu schaffen. Dazu soll der Zugang von SMEs (Small and Medium Entrepreneurs) zu F&E Fördertöpfen erleichtert werden und um eine effizientere Vernetzung und Planung zu erzielen, die Zusammenarbeit zwischen Städten vergrößert werden, z.B. im Rahmen der European Innovation Partnership on Smart Cities and Communities (EIP-SCC). Auch Graham Colclough, CEO der Urban DNA Solutions LLP führte an, dass es wichtig sei, den Förderungsalltag zu optimieren, z.B. durch die Einbeziehung von Financiers von Anfang an, um die Kooperation zwischen Nachfrage- und Angebotsseite zu verbessern und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Weitere Gedanken betrafen Crowdsourcing-Modelle, neue stadtintegrative Produktionsprozesse (z.B. durch die Rückverlegung von Fabriken) und Überlegungen zu einer On-Demand Economy in der Stadt von morgen. (mal)

Der zweite Teil dieses Beitrages zu Leuchtturmprojekten auf der europäischen Ebene, der Fraunhofer Morgenstadtinitiative, neuen praktischen Umsetzungen und Ideen zur Verbesserung des urbanen Lebens wird am 21.01.2016 auf Fraunhofer InnoVisions veröffentlicht.

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