Digitale Assistenten verbreiten sich zunehmend auf unterschiedlichen Geräten. Doch so bequem das Nutzen von Smart Home Komponenten oder die Vernetzung mit dem Fahrzeug ist: Häufig bindet man sich an eine einzelne Herstellerplattform für Assistenten, Smartphones und das zugehörige Betriebssystem. Diese Plattform bestimmt dann über die Rechte der Apps. Mit dem Erfolg des Projekts ENTOURAGE soll sich das ändern. Unter der Beteiligung des Fraunhofer IAO entsteht ein offenes Ökosystem für unterschiedliche Assistenzsysteme. Projektleiter Dr. Michael Kubach erklärt die Einzelheiten.

Hallo Herr Dr. Kubach! Assistenzsysteme, mit denen ich meine Wohnung über mein Smartphone steuern kann, kennen wir alle. Auch Apps in Fahrzeugen, mit denen ich die Komfortsysteme kontrolliere, setzen sich immer mehr durch. Die intelligenten kleinen Helfer kennen meine Termine, denken mit und sorgen so dafür, dass beispielsweise meine Heizung heruntergedreht wird, ich früher losfahre, wenn ein Stau gemeldet wird, oder unter Umständen sogar morgens der Kaffee gekocht wird. Sind die entsprechenden technischen Voraussetzungen erst einmal installiert, reicht eine Einstellung auf meinem Smartphone und ich starte in eine neue, komfortable Lebens- und Berufswelt. Trotzdem sind Sie mit der Entwicklung unzufrieden.

Mit der Entwicklung an sich nicht. Nur mit der Art und Weise, wie das geschieht. Wer so vorgeht, wie Sie es geschildert haben, ist den Herstellern der Assistenzplattformen »ausgeliefert« …

 … Sie meinen damit die Abhängigkeit vor allem von den jeweiligen Betriebssystemen für Smartphones?

Genau. Diese Abhängigkeit gibt es natürlich nicht nur bei den Nutzern. Auch wer ein Assistenzsystem entwickelt, muss seine Programme anpassen und sich den Vorstellungen des Unternehmens etwa zum Datenschutz unterwerfen. Anders gesagt: Apple, Google und Co. haben den Finger auf der Schlüsselstelle für Smart Home, Connected Cars oder gar für Steuerungen im Bereich Industrie 4.0. Sie nehmen damit einen teils erheblichen Einfluss auf die Entwicklungen und Geschäftsmodelle von Unternehmen, die Assistenzsysteme auf den Markt bringen wollen.

Deshalb wurde das Projekt ENTOURAGE ins Leben gerufen, für das Sie beim Fraunhofer IAO die Projektleitung übernommen haben.

Mit ENTOURAGE entwickeln wir vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO gemeinsam mit Partnern von Forschungsinstituten und Unternehmen ein Ökosystem, das es unterschiedlichen digitalen Assistenten nicht nur ermöglicht, gleichberechtigt miteinander zu interagieren. Wir werden großen Unternehmen genauso wie Start-ups auch eine Architektur zur Verfügung stellen, die als Basis für die künftige Integration von Assistenten für Geräte und Dienste aus unterschiedlichsten Anwendungsfeldern dient. Deren Produkte werden so deutlich vielseitiger, leistungsfähiger und damit attraktiver für die Kunden.

Der Demonstrator für ENTOURAGE auf der CEBIT 2017. Bild: Fraunhofer IAO

Wird es also möglich werden, dass ein Befehl, den Sie über Apples Siri, Amazons Echo oder Microsofts Cortana erteilen, auch von einer anderen Plattform verstanden wird und Sie so beispielsweise auch die Steuerung eines Garagentores von Bosch oder des Displays im Fahrzeug veranlassen können?

Die jeweiligen Apps oder Assistenten dienen in diesem Fall nur dazu, die Befehle aufzunehmen. Die Kommunikation erfolgt dann aber über das sichere und plattformübergreifende Ökosystem von ENTOURAGE. Hersteller und Nutzer lösen sich auf diese Weise von vielen restriktiven Vorgaben des jeweiligen Betriebssystems und sind deutlich freier bei der Entwicklung.

Das ist technisch reizvoll. Es dürfte aber problematisch sein, die Beteiligten dazu zu bewegen, auf die dafür benötigten offenen Standards zu setzen. Jeder will sein eigenes Süppchen kochen.

Bestes Beispiel dafür sind auch hier die Smartphone-Betriebssysteme. Sie dominieren den Markt und schirmen ihre eigenen Silos gut ab. Und natürlich steht die deutsche Wirtschaft vor der Herausforderung, erfolgreiche Alternativen zu entwickeln oder nach den Regeln der Silos zu spielen.

Einerseits benötigen wir ein System für den Datenaustausch, das unabhängig und datensicher ist. Auf der anderen Seite müssen dafür Standards geschaffen werden, die eine Öffnung der unternehmenseigenen IT-Welten nötig macht.

Richtig. Spätestens, wenn unterschiedliche Systeme miteinander kommunizieren sollen, brauchen wir an den Schnittstellen die Möglichkeit, die Daten schnell und sicher von einem System auf das andere zu übertragen. Deshalb ist es ein entscheidender Aspekt in unserem Projekt, neben den technischen und ökonomischen Fragen beispielsweise auch die organisatorische und rechtliche Seite zu beleuchten. Wir müssen die Frage beantworten, wie sich das nötige Vertrauen zwischen den Industriepartnern herstellen und gewährleisten lässt.

Der Umstand, dass sich so »große« Namen wie Bosch und das Kommunikationsnetzwerk der europäischen Automobilindustrie ENX an dem Projekt beteiligen, zeigt aber, dass die grundsätzliche Bereitschaft, sich zu »öffnen«, vorhanden ist.

Das interpretieren wir genauso. Letztlich aber liegt das auch daran, dass eine Öffnung alternativlos ist. Denn ohne den Datenaustausch werden sich die eigenen Systeme nicht in ein Gesamtsystem integrieren lassen. Mit dem ENTOURAGE-Ökosystem schaffen wir so die Basis zum Austausch für unterschiedlichste Entwicklungsbereiche. Beispielsweise für die Automobilindustrie, Smart Home Anbieter, Mobilitätsdienstleister und Start-ups aus diesen und weiteren Bereichen. Erst in Kombination der unterschiedlichen Domänen und des verteilten Knowhows erschließt sich das volle Potenzial digitaler Assistenten.

Welche sind die forschungstechnisch größten Probleme, mit denen Sie im Moment am meisten kämpfen?

Eindeutig die Definitionen der Schnittstellen. Hier kommt – im Wortsinn – alles zusammen. Aber es gibt noch einen zweiten Bereich: Security und Privacy. Wir müssen den Nutzer bei der Kontrolle darüber unterstützen, welcher Assistent welche Daten mit wem austauschen darf. Und wir müssen gewährleisten, dass dies zuverlässig und datensicher funktioniert, was angesichts der Vielzahl möglicher Assistenten eine hohe Hürde ist. Hierzu entwickeln wir einen Security und Privacy Assistenten, der dem Nutzer unter die Arme greift, indem er die Komplexität der Vergabe der Zugriffsrechte intelligent reduziert.

Trotzdem verzeichnen Sie bei der Entwicklung von ENTOURAGE gute Fortschritte.

Es gibt noch keine fertige Software. Aber auf der CeBIT 2017 beispielsweise haben wir einen Demonstrator vorgestellt. Er zeigt, wie die intelligenten Assistenzsysteme im Bereich Smart Home, Connected Cars und Smart Mobility im neuen Ökosystem miteinander verbunden werden können. Und im kommenden Jahr werden wir in die erste Phase marktnaher Tests einsteigen. (aku)

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