Wer sich nicht weiterentwickelt, der verliert. Auch kleine und mittlere softwareentwickelnde Unternehmen wissen das. Trotzdem scheuen sich viele, die nötigen Änderungsprozesse einzuleiten und die unternehmensinterne Digitalisierung voranzutreiben. Das »Baukastensystem« ProKoB unterstützt KMU dabei, die nötigen Maßnahmen angepasst und Schritt für Schritt zu gehen – ohne bei zu vielen Neuerungen auf einmal Nachteile befürchten zu müssen.

Machen Sie einen Test: Schlagen Sie den Wirtschaftsteil Ihrer Zeitung und vielleicht auch die (hoffentlich) zumindest gelegentlich erscheinende Sonderbeilage „Digitalisierung“ auf. Schwärzen – oder noch besser – schneiden Sie alle Begriffe aus, die mit Wandel zu tun haben: »Entwicklung«, »neu aufstellen«, »anpassen«, »neue Strategie« oder »flexibles Reagieren« sind Beispiele dafür. Von der Essenz der Artikel wird danach nicht mehr viel übrig sein. Berichte über Unternehmen, die das Weiterentwickeln und Initiieren neuer Prozesse nicht ganz oben auf ihrer Agenda haben, gibt es kaum. Der Wandel beherrscht die Schlagzeilen und die IT soll dabei fast überall das Initial sein.

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind hier im Vorteil – könnte man zumindest meinen. Denn wer »klein« ist, kann schnell auf Markterfordernisse reagieren und ist neuen Techniken gegenüber aufgeschlossener, unter anderem weil die Einführung organisatorisch leichter zu bewältigen ist. Dass dies in den seltensten Fällen aber tatsächlich stimmt, bekräftigt Philipp Diebold vom Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE. »Gerade im Bereich der Softwareentwicklung, die als eine Art Treiber für eine moderne Produktion gesehen werden kann, haben KMU oft große Probleme, die dafür nötige Agilität für Veränderungen während der täglichen Arbeit aufzubringen«, sagt er.

Fehlende Agilität im Mittelstand

Denn während des eigentlich nötigen Wandels der Prozesse werden (oft zu Recht) Produktivitätseinbrüche befürchtet, die vom Mittelstand nicht aufgefangen werden können. Hinzu kommt, dass – etwas salopp ausgedrückt –  durch die Summe der nötigen Veränderungen ein regelrechter Berg an Neuerungen und Umgestaltungen entsteht. Und dieser wird in seiner Komplexität und Größe als nahezu unüberwindbar empfunden. »Weil ‚ein bisschen Agilität‘ laut Ansicht vieler Berater nicht funktioniert, scheuen sich zahlreiche KMU, umfassende Maßnahmen zu ergreifen. Die Konsequenz ist ein Verschieben der Anpassung an aktuelle Markterfordernisse und damit das große Risiko, Marktanteile zu verlieren«, betont Diebold.

Schritt für Schritt-Veränderung

Philipp Diebold und seine Kolleginnen und Kollegen sehen einen Großteil des Problems im Fehlen eines »feingranularen Baukastens«, der Möglichkeiten und Anleitungen enthält, um diese »Revolution« Schritt für Schritt anzugehen. Deshalb hat ein Konsortium von vier klein- und mittelständischen Unternehmen unter Federführung des Fraunhofer IESE das Forschungsprojekt ProKoB initiiert. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.  

»ProKoB steht für ProjektKontext spezifische ProzessBaustein-Orchestrierung zur Verbesserung des Entwicklungsvorgehens. Das Projekt hat das Ziel, einen empirisch unterfütterten Katalog zu entwickeln, damit kleinen und mittleren Unternehmen einzelne (und damit überschaubare) Prozessbausteine für die Softwareentwicklung zur Verfügung gestellt werden können«, erläutert Diebold. Jeder der Prozessbausteine ist dabei so konkret wie möglich gehalten und enthält eine Art Best-Practice-Anleitung, um notwendige Veränderungen sukzessive einzuleiten. Dazu gehören unter anderem Module für eine testgetriebene Programmierung (Test-Driven-Development), das Crowd-Testing oder die nötigen Besprechungen.

Cherry Picking

»Alle Prozessbausteine sind systematisch katalogisiert und berücksichtigen auch gegenseitige Abhängigkeiten, die für die individuelle Orchestrierung beachtet werden müssen.« erklärt Diebold. ProKoB liefere damit einen Katalog an To-Dos, Systematiken und Umsetzungsmethoden, die es auch KMU deutlich erleichtern können, sich den Marktgegebenheiten anzupassen. Das System ist so angelegt, dass ein kleines oder mittelständisches Unternehmen sich die für sie »passenden« Bausteine herausnehmen kann, um sie dann auf die individuellen Erfordernisse anzupassen und umzusetzen. »Cherry Picking« nennen das die Forscher. »Diese Methode erlaubt es den Unternehmen, die einzelnen Bausteine je nach Unternehmensstruktur anzugehen und aus dem Angebot ein optimiertes Vorgehen für die nötigen Änderungsprozesse abzuleiten«, sagt Diebold.

Projektseite freigeschaltet

Die Projektseite von »ProKoB« bietet über 60 Bausteine frei verfügbar an. Das Angebot soll noch weiter ausgebaut und verbessert werden. »Wir nutzen dafür die entstehende Community und gehen davon aus, dass uns die Nutzer dabei unterstützen werden, die Plattform weiter zu optimieren«, sagt Diebold. Und auch die Konsortialpartner werden weiter an ProKoB arbeiten. Das Projekt an sich läuft noch bis 2018 – eine Fortsetzung darüber hinaus ist geplant. (aku)

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