Auch wenn Google seine Datenbrille wieder vom Markt genommen hat: US Marktanalysten erwarten bis 2020 ein weltweites Potenzial für Smart Glasses von fast sechs Milliarden Dollar. Besonders für Forschung und Industrie sollen die AR- und VR-Wearables neue Möglichkeiten eröffnen und Mehrwert generieren. Was die aktuellen Brillentechnologien bereits leisten, können Unternehmen mit dem Smart Glass Experience Lab nun live selbst ausprobieren.

Am Arbeitsplatz eine Brille zu tragen, ist für chemische und pharmazeutische Laboranten Alltag. Wenn sie Tests und Experimenten vorbereiten und durchführen, ist das Tragen einer Schutzbrille in der Regel verpflichtend. Im Smart Glass Experience Lab wird die Notwendigkeit nun zur (Mehrwert-)Tugend. Die Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT zeigen, wie Smart Glasses die Laborarbeit unterstützen können. Die Brille dient nicht länger nur zum passiven Schutz der Augen, sondern gleichzeitig als mitdenkender Labor-Assistent: »Alle Informationen, die der Labormitarbeiter zur Bearbeitung eines Versuchsauftrags benötigt, hat er über die Datenbrille situationsgerecht überall im Labor buchstäblich im Blick«, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Prinz vom Fraunhofer FIT.

Im Smart Glass Experience Lab zeigen die Wissenschaftler des Fraunhofer FIT unter anderem, wie Smart Glasses die Laborarbeit unterstützen können. Bild: Fraunhofer FIT

Die für die Versuchsvorbereitung und Durchführung erforderlichen Informationen werden ihm direkt auf der Datenbrille angezeigt. Am Materialschrank etwa sieht er die Liste der benötigten Substanzen. Geht er im nächsten Schritt damit zur Waage, erhält er die Probenmengen angezeigt und am Versuchsplatz unter dem Abzug hält die Brille Details zur Strukturformel und ergänzende Durchführungshinweise bereit. Die Datenvisualisierung steuert er per Sprachbefehl. Mit der zusätzlichen Funktion der Brille als ständig verfügbaren Labor-Assistenten lassen sich die Arbeitsprozesse erheblich effizienter und unterbrechungsfreier gestalten. Bisher musste der Laborant immer wieder seinen Arbeitsfluss unterbrechen, um am Bildschirmarbeitsplatz den Auftrag einzusehen oder um aus ausgedruckten Dokumenten die benötigten Informationen herauszusuchen.

Informationen zur Bearbeitung eines Versuchsauftrags haben Labormitarbeiter über die Datenbrille situationsgerecht direkt im Blick. Bild: Fraunhofer FIT

Auch für die Dokumentation der durchgeführten Arbeiten und der Versuchsergebnisse eröffnet die Datenbrille erhebliche Erleichterungen. »Um einzelne Arbeitsschritte oder Ergebnisse zu protokollieren, kann der Labormitarbeiter mit der Datenbrille jederzeit aus seinem Blickwinkel ein Foto aufnehmen oder Videos von Vorgängen aufnehmen«, so Prinz. Die entsprechenden Dateien sendet die Brille sofort an ein Dokumentenmanagementsystem, das sie dem jeweiligen Versuchsauftrag zuordnet und dokumentiert.

Mehrwert für den Arbeitsalltag im Blick

Die Datenbrille im Laboreinsatz ist nur ein Anwendungsszenario, mit dem die Wissenschaftler den Mehrwert aktueller Smart-Glass-Technologien verdeutlichen. In Logistik oder Produktion etwa dienen sie als Informations-Assistent, der den aktuellen Arbeitsauftrag direkt ins Blickfeld bringt. Augmented Reality ermöglicht zusätzlich die Überlagerung der Realität mit virtuellen Objekten. Unsichtbare Vorgänge und Zusammenhänge an Maschinen oder Anlagen können so sichtbar gemacht werden. Bei Wartungs- und Reparaturarbeiten beispielsweise erhält der Arbeiter durch Einblendung angezeigt, wie er vorzugehen hat und wie das Ergebnis korrekt auszusehen hat. Ebenso werden Produkte oder Architekturen, die es real noch nicht gibt, mit AR- und VR-Systemen bereits im frühen Planungsstadium live erlebbar (siehe auch InnoVisions-Artikel »Seht Euch das mal an! – Architekturplanungen live erleben«).

Virtuelle Brillenfeatures vor Ort live erleben

Das Smart Glass Experience Lab ist mobil. »Wir kommen mit dem gesamten Equipment auch in die Unternehmen und ermöglichen so, die Möglichkeiten der verschiedenen Systeme vor Ort zu testen«, sagt Prinz. Im Rahmen eines Workshops erklären die Wissenschaftler die Technik und die speziellen Fähigkeiten der AR- und VR-Systeme. Die Teilnehmer haben zudem die Möglichkeit, die unterschiedlichen Smart Glass Systeme selbst auszuprobieren. »Die Erfahrung hat uns gezeigt: Eigene Erfahrungen mit den Systemen zu machen – wie sie sich tragen und wie sie bedient werden – ist entscheidend, damit sich potenzielle Anwender eine Vorstellung von den möglichen Vorteilen für das eigene Arbeitsumfeld machen können«, betont Prinz. Zusammen mit den Experten vom Fraunhofer FIT lassen sich so konkrete Einsatzmöglichkeiten in einzelnen Arbeitsumgebungen erkennen und Lösungen entwickeln, wie die neuen Geräte in bestehende Arbeitsabläufe und Informationssysteme eingebunden werden können. (stw)

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