Wer live dabei sein will, muss vor allem eines haben: Glück! Die Karten für Großveranstaltungen wie Sportevents, Popkonzerte oder die Operngala sind meist bereits nach wenigen Tagen, manchmal sogar nur Stunden und Minuten ausverkauft. Bei denen, die dabei Pech haben, wird „public viewing“ immer beliebter. Mittlerweile treffen sich nicht nur Fußballfans auf dem Platz vor dem Rathaus, um auf Großleinwänden gemeinsam das Geschehen als Fernsehübertragung am Bildschirm mitzuverfolgen, auch das public viewing von Opern wird - beispielsweise in München oder Bayreuth - immer beliebter. Trotzdem aber ähnelt das Erlebnis oft mehr einem Fernsehabend daheim, als dem „live vor Ort dabei sein“ in der Arena oder dem Konzertsaal.

Eine am Fraunhofer HHI entwickelte Projektionstechnologie macht nun Liveübertragungen möglich, die die Zuschauer direkt ins Geschehen versetzt und den Eindruck erweckt, man sitze direkt auf einem der besten Plätze. Erste Voraussetzung dafür ist die Größe der Leinwand: Bisher waren dabei Grenzen gesetzt, da die Auflösung digitaler Projektoren derzeit überwiegend bei 2.048 mal 1.080 Bildpunkten liegt. Selbst sehr teure Spezialprojektoren liefern höchstens eine Projektion mit 4.096x2.160 Pixel. Die Lösung des Problems ist eine Projektionstechnologie, die das Übertragungsbild in Einzelbilder zerlegt und auf eine beliebige Anzahl neben- und übereinander angeordneter Standardprojektoren verteilt. Die erreichbare Bildauflösung ergibt sich also aus der Summe der Einzelprojektoren. Damit wird es möglich eine Leinwandrotunde in jeder gewünschten Qualität zu bespielen, die das gesamte Blickfeld des Betrachters ausfüllt. Beim Zuschauer entsteht so der Eindruck, nicht mehr länger vor dem Geschehen zu sitzen, sondern er taucht ganz in die gezeigte Szenerie ein. Ein integriertes Kalibrierungssystem sorgt für eine übergangs- und streifenfreie Großbildprojektion und berechnet für eine verzerrungsfreie Darstellung in Echtzeit die Krümmung der Leinwand in die Bildgeometrie mit ein. Während bei einer herkömmlichen Fernsehübertragung das Aufnahmeteam entscheiden muss, welche Ausschnitte beispielsweise eines Fußballfeldes am Bildschirm gezeigt werden, Kameraschwenks und Perspektivwechsel somit dem Zuschauer eine vorgefertigte Regie aufzwingen, kann bei einer Großbildprojektion auch die Totalansicht übertragen werden. Wie live im Stadion entscheidet nun der Zuschauer, auf welchen Bildausschnitt er seinen Blick richtet, um das für ihn im Moment interessanteste Geschehen zu beobachten, ob er nach links schaut und dem Weg des Balles folgt oder seinen Kopf nach rechts wendet, wo der Trainer gerade mit dem Schiedsrichter diskutiert.

Damit die Zuschauer solch eine Panoramaprojektion erleben können ist jedoch nicht nur die Projektionstechnik notwendig. Voraussetzung ist ebenso eine entsprechende Aufnahmetechnik vor Ort. Auch bei den Fernsehkameras stellt sich das Problem, dass eine Kamera allein nicht dazu in der Lage ist, sichtfeldfüllend das Geschehen in ausreichend hoher Auflösung zu erfassen. Auch eine Verwendung mehrerer Kameras ist nicht ohne weiteres möglich: Damit die zusammengesetzten Einzelbilder als einheitliches Gesamtbild wiedergegeben werden können, müssten sie vom exakt gleichen Platz im Stadion aus aufgenommen werden. Selbst wenn mehrere Kameras direkt nebeneinander aufgestellt werden, hat jede von ihnen einen eigenen Aufnahmemittelpunkt. Diese Unterschiede in den Bildinformationen lassen sich zwar bei einer nachträglichen Bearbeitung mit hohem Zeit- und Rechenaufwand angleichen, für eine Liveübertragung eignen sich solche Verfahren aber nicht.

Parallel zur Wiedergabetechnologie entwickelte das Fraunhofer HHI daher auch ein Kamerasystem, mit dem Panoramaaufnahmen bis hin zu einer 360°-Rundumsicht möglich sind. Für den Blick von den Rängen eines Fußballstadions wird das Kamerasystem mit sechs HD-Kameras bestückt. Ihre Objektive sind dabei auf Umlenkspiegel gerichtet, die so ausgerichtet sind, dass alle Kameras von einem gemeinsamen virtuellen Kameramittelpunkt aufnehmen und zusammen ein Sichtfeld von 180° abdecken.

Neben der Weiterentwicklung ihrer Aufnahme- und Wiedergabetechnik, etwa für die Herstellung und Projektion von 3D-Filmen, arbeitet das Fraunhofer HHI auch an effizienten Verfahren zur Übertragung des Datenstroms. Da für die Liveausstrahlung nun die Bilder eines ganzen Kamerabündels simultan übertragen werden müssen, sind entweder entsprechend viele HD-Übertragungskanäle nötig, oder aber der Datenstrom muss mit Hilfe leistungsfähiger Kompressionsverfahren und ohne sichtbaren Qualitätsverlust reduziert werden. Um dies zu erreichen, werden Verfahren eingesetzt, die redundante Bildinformationen in Echtzeit herausfiltern und so die zu übertragende Datenmenge erheblich verringern können. Um die Leistungsfähigkeit der gesamten Systemkette für eine Liveübertragung von Großereignissen im Panoramaformat unter Realbedingungen demonstrieren zu können, werden vom Fraunhofer HHI derzeit Testanwendungen bei verschiedenen Sportveranstaltungen geplant.

Keine Kommentare vorhanden

Das Kommentarfeld darf nicht leer sein
Bitte einen Namen angeben
Bitte valide E-Mail-Adresse angeben
Sicherheits-Check:
Sieben + = 10
Bitte Zahl eintragen!
image description
Experte
Alle anzeigen
Christian Weißig
  • Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik Heinrich-Hertz-Institut HHI
Weitere Artikel
Alle anzeigen
Meister des digitalen Wandels
Mehr Ergonomie – aber wie?
Exakt Erkennen
Stellenangebote
Alle anzeigen