Ja, ich weiß, ein deutscher Bundeskanzler hat einmal gesagt: »Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.« Alle, die sich angesichts der Überschrift dieses Artikels gerade reflexartig gezwungen sehen, mir das zu entgegnen, warten damit bitte noch kurz und lesen zuerst das Folgende zu Ende.

Wenn man heute in Deutschland Menschen nach der Zukunft fragt, wird sie meist mit in Falten gelegter Stirn und besorgtem Gesicht als etwas Ungewisses, Düsteres beschrieben. Das war einmal anders. Bis zum Ende des letzten Jahrtausends, war die Zukunft immer etwas Großartiges, Strahlendes, was definitiv besser sein musste, als die Welt, in der man gerade lebte. Obwohl die Zukunft damals genauso ungewiss war, wie heute, sah man ihr hoffnungsvoll entgegen.

Doch wo sind der Mut, der Optimismus und die Euphorie geblieben, die Menschen beflügelt haben, Kontinente mit Schiffs-, Flug- und Telefonverbindungen zusammenzurücken, in wenigen Jahren das Weltall und den Mond zu erobern und ein friedliches Europa aufzubauen?

Obwohl Wissenschaft und Forschung auch in den letzten Jahren großartige Entwicklungen hervorgebracht haben, scheinen wir in vielen Bereichen auf der Stelle zu treten oder uns nur langsam zu bewegen. Neue Innovationen werden – zumindest in Deutschland – zunächst argwöhnisch betrachtet. Wir investieren sehr viel Energie in Technikfolgenabschätzung, d.h. wir überlegen als erstes, was theoretisch alles schiefgehen könnte. Nach diesem zeitaufwendigen Prozess, hat kaum noch jemand Lust, sich mit den Potenzialen neuer Entwicklungen zu beschäftigen. Eine Technologiechancenabschätzung findet viel zu selten statt. Einen starken zusätzlichen Faktor bilden die Medien. Sie berichten viel mehr über neue Technologien wie z.B. autonomes Fahren, Sprachassistenten oder Künstliche Intelligenz, wenn etwas noch nicht so funktioniert, wie es soll. Die damit gestärkte Grundskepsis in unserer Gesellschaft lähmt uns und bietet auch einen guten Nährboden für Behauptungen, die sich über Fakten und gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse hinwegsetzen.

Ideen first, Bedenken second

Als mein Sohn in der Schule einen Aufsatz mit dem Titel »Gefährlicher Fortschritt« schreiben sollte, war mir klar, uns sind unsere Visionen abhandengekommen und wir stecken fest. Wir stecken fest in einer schwermütigen Komfortzone. Es geht uns gut, so gut wie nie. Wenn wir kein großes Ziel vor Augen haben, wird jede Entwicklung nur als Veränderung gesehen. Da ziellose Veränderungen nicht positiv besetzt sind, versucht man sie aufzuhalten oder abzuwehren. Wer keine Visionen hat, hat kein Ziel. Und wer kein Ziel hat, kommt auch nirgendwo an. Es gibt also wenig Motivation zum Loslaufen.

Entscheidend ist dabei auch, wie solche Ziele formuliert und kommuniziert werden. Vor etwa 15 Jahren begann man in Europa, Wissenschaft und Forschung verstärkt an den Grand Challenges, also den großen Herausforderungen der Menschheit auszurichten. Das ist rational gedacht zwar sinnvoll, hat aber in der Kommunikation und emotional einige Nebenwirkungen. Die meisten Menschen verbinden die Zukunft mit dem, woran aktuell in Wissenschaft und Forschung gearbeitet wird. Wenn diese aber immer nur im Zusammenhang mit bisher ungelösten Problemen der Menschheit genannt werden, färbt das auch auf die Zukunft ab. Begrenzung der Erderwärmung und des Klimawandels, Verringerung von Emissionen, Bekämpfung des Hungers und der medizinischen Unterversorgung in Entwicklungsländern, Eindämmen von Flüchtlingsströmen, Bekämpfung des Pflegenotstandes usw. stellen kein positives Framing für die Zukunft dar. Würde man sich wieder etwas von den Grand Challenges lösen oder zumindest große Ziele positiv formulieren, würde dies wieder mehr Freiraum für Fantasie und Kreativität und vor allem wieder ein optimistisch motivierendes Umfeld schaffen.

Das Ziel ist das Ziel!

Nur mit einer großen, von der Mehrheit der Menschen mitgetragenen positiven Vision, können wir große Dinge erreichen. Wenn diese technologieunabhängige Vision zum gemeinsam erklärten Ziel wird, kommen die Klugen, die Erfahrenen, die Geschickten und die Begeisterten von ganz allein, um ihr Wissen, ihre Ideen und ihre Begeisterung einzubringen, um das Ziel zu erreichen. Viele Fragen zu einzelnen aktuellen Entwicklungen und Technologien beantworten sich dann fast von selbst und das Abwägen von Chancen und Risiken wird wieder objektiver.

Natürlich muss man auch Risiken und die Folgen des eigenen Handels bedenken. Wenn die Vision klar ist, gilt es, einen Weg dorthin zu finden, der die Risiken und negative Folgen minimiert. Schätzt man die Risiken als zu hoch ein, sucht man einen neuen Weg, aber das Ziel bleibt unverändert.

Auch ethische Fragen müssen beachtet werden. Aber Ethik darf einen nicht daran hindern, dem Ziel entgegenzustreben. Sie wird viel zu oft dazu verwendet, zu begründen, warum noch nichts getan wurde. Sie darf auch nicht zum Show-Stopper werden, der einem erklärt, was alles nicht geht. Sie muss ein Wegweiser sein, der einem zeigt, welchen Weg oder in welche Richtung man ohne gesellschaftliche und moralische Bedenken gehen kann.

Wir brauchen mehr Visionäre

Wir brauchen mehr Visionäre, die von einer besseren Welt träumen und diese Träume teilen und andere mitreißen können. Und wir brauchen mehr Begeisterungsfähigkeit und Freiräume, solche Ideen zu reflektieren und zu realisieren. Nutzen Sie den Jahreswechsel, um Ihre große Vision zu beschreiben und andere damit zu begeistern!

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Autor
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Thomas Bendig
  • Fraunhofer-Verbund IUK-Technologie
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