Im Projekt DAMA entwickeln Forscher*innen einen Assistenten, der den Datenverkehr aller Geräte im Smarthome nach individuell einstellbaren Kontext-Leveln reguliert. Nutzer*innen von Sprachassistenten, Überwachungsgeräten oder beispielsweise auch smarten Kühlschränken können dann selbst entscheiden, wann welche Informationen genutzt und »nach außen« gegeben werden. Im Interview erklärt Projektleiter Christopher Ruff vom Fraunhofer IAO, wie das funktioniert und warum Anwender*innen von dieser Informationstransparenz profitieren – ohne selbst in komplexe Prozesse eingreifen zu müssen. 

Hallo Herr Ruff, welche Bestellungen mein Kühlschrank aufgibt, wessen Gespräche Alexa anhört und welche Besucher*innen bei Eingang in die Redaktion gefilmt oder anderweitig registriert werden, geht nur einen sehr begrenzten Kreis etwas an. Das sollte eigentlich auch die Elektronik wissen, ob sie sich daran hält und wem sie welche Daten über wen zur Verfügung stellt, weiß ich aber nicht. 

Genau das ist das Problem. Sie können den Datenfluss aktuell kaum kontrollieren und haben wenig Möglichkeiten, die Überwachung auf intelligente Weise zu begrenzen. Mit anderen Worten: Sie haben keine Souveränität über die Daten, die ein Smarthome oder ein smartes Office erzeugt. Zumindest nicht, wenn sie keinen Experten- oder Expertinnenstatus haben. 

Das aber könnte sich ändern, wenn ich mir mit dem DAMA-System weitere Elektronik ins Haus hole? 

Ja. Intelligente Systeme erleichtern die Kontrolle über andere Systeme, wenn sie gut handhabbar und sicher sind. Und DAMA ist genau darauf angelegt. Unser Ziel ist es, dass Sie mithilfe dieser Software einen Überblick gewinnen, welche Daten von Sensoren, Sprachassistenten, Kameras, Türklingeln und so weiter abfließen. Und wenn sie einzelne Aktivitäten nicht wünschen, gibt DAMA Ihnen die Möglichkeit, ihrer Aktivitäten einzuschränken oder auch beispielsweise für einen begrenzten Zeitraum ganz abschalten zu lassen. 

Um das bequem möglich zu machen, ist DAMA als Webserver konfiguriert.

Richtig. DAMA ist ein Service, der sich bequem über ein Tablet oder den heimischen PC steuern lässt. Über unseren Einrichtungsassistenten lässt er sich einfach in das lokale Netzwerk integrieren, das Sie ohnehin betreiben. Dann hat die Software Zugriff auf die verschiedenen Smarthome-Systeme. Dafür haben wir alle relevanten Schnittstellen zu den Geräten integriert. Danach haben Sie Einblick in das, was Ihre Geräte so treiben, beispielsweise welche Daten wohin abfließen. Und das ausgesprochen übersichtlich, denn wir wollen die Nutzer und Nutzerinnen nicht überfordern, sondern ihnen den bis dato unsichtbaren Datenfluss sicht- und verstehbar machen. So können sie die Datenweitergabe jedes Geräts oder jedes Gerätetypus gezielt erlauben, reduzieren oder verbieten. Kurzfristig, etwa wenn Sie Besuch bekommen. Oder auch langfristig.

Es dürfte auf der anderen Seite aber auch viele Nutzer*innen geben, die kein Problem damit haben, wenn ihre Wlan-Steckdose Daten zum Ein- und Ausschalt-Verhalten oder zum Verbrauch der angeschlossenen Lampe preisgibt. Sie werden sich schlicht sagen: Was solls? 

Und das können Sie auch weiterhin. Aber was ist mit den Mikrofonen von smarten TVs oder von Alexa, Siri oder Google Nest? Viele wissen gar nicht, wie viele Geräte ihnen mittlerweile im Wohnzimmer oder auch im Schlafzimmer zuhören können. Zumal es immer mehr werden dürften. Ähnliches gilt für Kameras. Vielleicht weiß ein Gesichtserkennungssystem im Ausland eher als sie selbst, wer da vor Ihrer Tür steht. Eine Steckdose mag den meisten egal sein, das belauschte und gefilmte Privatleben aber nicht. 

DAMA Word Cloud Bild: Fraunhofer IAO

Wobei es bei DAMA nicht nur um das Privatleben geht. Smarthome-Geräte sind längst auch in Büros installiert?

Oder davor. Denken Sie zum Beispiel an eine möglicherweise installierte Überwachungskamera am Eingang einer Detektei, eines Anwaltsbüros oder einer Behörde. Hier sollte jeder Inhaber wissen, welche Daten nach außen gehen. Ein anderes Beispiel ist ein Besuch bei Ihnen zu Hause, der keine wie auch immer geartete Überwachung will. DAMA kann dann Voraussetzungen schaffen, in denen Menschen wirklich privat sind. Und das gilt natürlich auch umgekehrt. Wenn später gute Freunde zu Besuch kommen, lässt sich mit einfachen Klicks einstellen, dass Alexa wieder zuhört und Playlisten auch auf Zuruf abgespielt werden können. Um den Service so einfach wie möglich zu machen, ist DAMA mit einer Künstlichen Intelligenz verknüpft, die auf Wunsch mit Ihrem Terminkalender korrespondiert und bei einem anstehenden, sensiblen Besuch beispielsweise die akustische und visuelle Überwachung abschalten und danach wieder anschalten kann.

Sie arbeiten dabei mit sogenannten Kontext-Leveln?

Gedacht ist an einstellbare Szenerien, die einzelne, wiederkehrende Situationen spiegeln. Der Nutzer oder die Nutzerin muss dann nicht jedes Mal eine Konfiguration für einzelne Geräte einstellen, sondern kann auf seine vorab eingestellten Presets zurückgreifen.

Smarthome-Geräte werden immer vielfältiger und die Sensibilität zur Nutzung ändert sich. Sie werden mit DAMA kein System entwickeln, dass alle Befindlichkeiten bis ins Kleinste berücksichtigt, weil es dann unübersichtlich wird. Wie setzen Sie Schwerpunkte bei den Einstellmöglichkeiten?


Wir befragen die Nutzerinnen und Nutzer. Ihre Auskünfte sind dann Grundlage nicht nur für die Weiterentwicklung des User Interface. Sondern beispielsweise auch für Zusatzservices. Dazu gehören Überlegungen, wie Besucher und Besucherinnen von Arztpraxen, Kanzleien oder Behörden informiert werden können, dass am Empfang eine Sicherheitskamera installiert werden musste. DAMA könnte Menschen dann über ein Tablet am Eingang über die Kamera informieren und ich kann dem Monitoring zustimmen oder es ablehnen. Entsprechend reagiert dann das System, wenn ich eintrete. Ähnlich wie das beim Besuch von Internetseiten mit den Cookies ist. Aus unserer Sicht wäre das eine gute Lösung, um einerseits mehr Sicherheit zu schaffen und andererseits Privatheit zu gewährleisten. 

DAMA könnte mit Überlegungen wie diesen vermutlich auch die Voraussetzungen dafür schaffen, künftige Privacy-Vorschriften technisch leichter umsetzen zu können?


Natürlich. Auch deshalb überlegen wir die Software als Open Source zu veröffentlichen, wenn wir das Projekt voraussichtlich im Sommer 2023 abschließen. Dann kann sie von verschiedenen Seiten schneller weiterentwickelt und an möglicherweise kommende Vorschriften angepasst werden. 

(aku)

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Interviewpartner
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Christopher  Ruff 
  • Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO
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