Die Suche nach der Wahrheit

Videos, in denen Menschen Worte in den Mund gelegt werden, die sie so nie gesagt haben. Anrufe, in denen die vermeintliche Enkelin die Oma nach Geld für ein neues Handy fragt. Mittlerweile gibt es unendlich viele Möglichkeiten, Video-, Bild- oder Audiomaterial zu verfälschen oder komplett künstlich zu generieren.  Medienforensik ist die wissenschaftliche Antwort auf diese Entwicklungen. Sie untersucht digitale Medien mit technischen und analytischen Methoden, um deren Echtheit zu prüfen und Manipulationen aufzudecken. 

Forschende unterscheiden grundsätzlich drei Strategien der Desinformation. Das sind die Dekontextualisierung, wo echtes Material in einen irreführenden Zusammenhang gestellt wird, Manipulation, also die gezielte Veränderung vorhandenen Materials und Fabrikation, bei der Inhalte komplett neu erschaffen werden. 

In der Praxis dominieren bislang sogenannte Shallowfakes oder Cheapfakes – aus dem Kontext gerissene oder leicht bearbeitete Ausschnitte bestehender Aufnahmen. Sie sind einfach herzustellen, aber oft erstaunlich wirkungsvoll. Daneben gewinnen Deepfakes an Bedeutung: KI-generierte audiovisuelle Inhalte, die Personen Dinge sagen oder tun lassen, die nie stattgefunden haben. 

Die Gefahr ist längst nicht mehr diffus, sondern hat klare Akteure und Muster. Krisen wirken dabei als Katalysator: Die Corona-Pandemie und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine lösten Wellen von Kriegspropaganda und Verschwörungserzählungen aus. Das eigentliche Ziel dieser Angriffe ist oft nicht der einzelne Inhalt, sondern das Vertrauen in demokratische Institutionen, freie Medien und Wissenschaft selbst. 

Der Werkzeugkasten der Forensiker*innen 

Wie lässt sich eine Fälschung entlarven? Die Antwort liegt in der Kombination mehrerer Analysen. Die Textanalyse prüft den Schreibstil und die Grammatik, erkennt KI-generierte Texte und gleicht Aussagen mit bekannten Fakten ab. Die Bild- und Videoanalyse sucht nach Bearbeitungsspuren und Pixelfehlern, wertet Metadaten wie Aufnahmezeit oder Kameramodell aus und identifiziert künstlich erzeugte Gesichter. Die Netzwerkanalyse verfolgt letztlich, wie sich Informationen im Netz verbreiten, deckt Bot-Netzwerke auf und rekonstruiert den Ursprung einer Kampagne.  

Institute, wie das Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT, setzen dabei auch auf die Signalanalyse, also die Untersuchung charakteristischer »Footprints«, wie Kodierungsverfahren oder Mikrofoncharakteristik, um Herkunft und Bearbeitungsspuren von Audiodateien nachzuvollziehen. 

So leistungsfähig diese Methoden sind, sie haben ihre Tücken. Erkennungssysteme müssen erklärbar bleiben, damit Anwendende ihre Einschätzungen nachvollziehen und fundierte Entscheidungen treffen können. Ein »Sample Bias« bedeutet, dass bestimmte Gruppen oder Individuen eine höhere oder geringere Wahrscheinlichkeit besitzen, in eine Stichprobe aufgenommen zu werden als andere. Werden diese Trainingsdaten verzerrt, kann das die Zuverlässigkeit untergraben, ebenso wie die mangelnde Robustheit gegenüber gezielten Angriffen. Hinzu kommt, dass ein Bias kein rein technisches Problem ist und auch Menschen, die Inhalte prüfen, kognitiven Verzerrungen unterliegen. Nicht zuletzt bleibt die Fähigkeit der Rezipierenden zu kritischem Hinterfragen mindestens ebenso wichtig wie jede Software. 

Folgen für Journalismus, Recht und Sicherheit 

Die Auswirkungen sind längst spürbar. Redaktionen müssen erheblichen Aufwand betreiben, um Bild- und Videomaterial vor Veröffentlichung zu verifizieren. Auch, weil gefälschte Aufnahmen von Politiker*innen das Grundvertrauen in Nachrichten erschüttern und im Extremfall Wahlen beeinflussen können. Vor Gericht stellen manipulierte Videos oder Tonaufnahmen als vermeintliche Beweismittel Richter*innen und Staatsanwält*innen vor neue technische Herausforderungen. Und die Gesetzgebung hinkt noch hinterher. Insbesondere gegen nicht-einvernehmliche oder sexualisierte Deepfakes fehlen bislang wirksame rechtliche Instrumente. Das Bundesjustizministerium arbeitet an Gesetzentwürfen gegen digitale Gewalt. Diskutiert wird zudem, ob Sicherheitsbehörden selbst Deepfake-Technologien nutzen dürfen, etwa Stimmklone für verdeckte Ermittlungen – ein Vorhaben mit erheblichen rechtlichen und grundrechtlichen Fragezeichen. 

Medienforensik bleibt ein Katz-und-Maus-Spiel. Mit jeder neuen Erkennungsmethode entstehen neue Umgehungsstrategien. Das erfordert kontinuierliche Forschung, tragfähige Geschäftsmodelle und eine engere Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft. Damit bleibt Medienforensik eine dauerhafte Herausforderung, bei der technologische Innovation und gesellschaftliche Verantwortung kontinuierlich weiterentwickelt werden müssen, um mit den zunehmend komplexen Formen digitaler Manipulation Schritt zu halten. 

(lna) 


Fraunhofer-Projekte zu Medienforensik

Eine Vielzahl von Fraunhofer-Instituten arbeiten stetig an neuen Methoden der Medienforensik. Im Folgenden haben wir eine Auswahl an Projekten zusammengestellt, die verschiedene Herangehensweisen an die Suche nach der Wahrheit anbieten: 

Projekt PADSE vom Fraunhofer IDMT

Audio-Deepfakes mit individuellen Stimmprofilen erkennen

Projekt PADSE vom Fraunhofer IDMT

Im Forschungsprojekt PADSE entwickeln das Fraunhofer IDMT, die Deutsche Welle und die Bauhaus-Universität Weimar gemeinsam ein System zur Erkennung und Einordnung synthetischer und manipulierter Sprachinhalte.

Im Mittelpunkt steht ein personenzentrierter Ansatz: Für besonders gefährdete Personen des öffentlichen Lebens werden Referenzprofile erstellt, die charakteristische Merkmale von Stimme, Sprechweise und Emotionalität ebenso berücksichtigen wie individuellen Sprachstil und typische Themen. Neue Aufnahmen werden anschließend mit diesen Profilen abgeglichen und zusätzlich hinsichtlich Herkunft und Kontext analysiert.

Damit erweitert PADSE bestehende Deepfake-Erkennung um eine zusätzliche Ebene. Manipulierte oder synthetisch erzeugte Sprache soll so auch dann erkannt werden können, wenn klassische Verfahren durch neue generative KI-Modelle an ihre Grenzen stoßen.

Das Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT koordiniert PADSE und entwickelt zentrale Technologien zur Erkennung manipulierter Sprache. Die Deutsche Welle bringt die Perspektive aus dem Newsroom ein und erprobt die Verfahren in bestehenden Verifikationsworkflows. Die Bauhaus-Universität Weimar ergänzt das Projekt um Textanalysen zu Stil- und Themenmustern.

Die modulare Plattform soll sich auch auf weitere Einsatzbereiche übertragen lassen. PADSE läuft von April 2026 bis März 2029 und wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt mit 1,88 Millionen Euro gefördert.

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Projekt VAMPIR vom Fraunhofer SIT

Jugendliche vor Desinformationen schützen

Projekt VAMPIR vom Fraunhofer SIT

Im Forschungsprojekt VAMPIR untersucht ein vom Fraunhofer-Institut für angewandte Informationstechnik FIT geleitetes interdisziplinäres Team aus Informatik, Kommunikationswissenschaft, Medienpsychologie und Rechtswissenschaft, wie sich Desinformation und Deepfakes über Plattformen hinweg verbreiten und insbesondere junge Menschen erreichen. Im Fokus steht dabei das Zusammenspiel von Diensten wie Telegram, TikTok und YouTube.

Technisch analysieren die Forschenden typische Verbreitungsmuster und entwickeln Verfahren zur Erkennung manipulierter Bilder, Videos und Audios. Dabei werden neben den Inhalten auch Metadaten und auffällige Verbreitungswege berücksichtigt, etwa ungewöhnlich schnell wachsende Reichweiten oder koordinierte Aktivitäten von Bot-Netzen.

VAMPIR untersucht außerdem, wie visuelle Desinformationen auf Jugendliche wirken, wie die Medienkompetenz gestärkt werden kann und wo rechtliche Schutzlücken bestehen. Die Verfahren fließen in einen Demonstrator ein, der Bild, Ton, Text und Verbreitungsverhalten gemeinsam analysiert. Er soll vor allem professionelle Anwender wie Faktencheck-Redaktionen und Plattform-Teams unterstützen. Ergänzend entstehen pädagogische Maßnahmen, rechtliche Empfehlungen und Workshops für weitere Zielgruppen.

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Projekt RealOrRender vom Fraunhofer IOSB

KI-Bilder zuverlässig von echten Fotos unterscheiden

Projekt RealOrRender vom Fraunhofer IOSB

Im Forschungsprojekt RealOrRender entwickelt das Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB Verfahren, mit denen sich KI-generierte Bilder zuverlässig von realen Fotos unterscheiden lassen. Ziel ist es, synthetische Inhalte besser zu erkennen und Desinformation einzudämmen.

Dafür kombiniert RealOrRender Deep-Learning-Verfahren mit einer Methode, die prüft, wie gut sich ein Bild durch ein generatives Modell rekonstruieren lässt. So soll die Erkennung auch bei immer leistungsfähigeren KI-Modellen robust bleiben. Zudem macht das System sichtbar, welche Bildmerkmale für die Einschätzung ausschlaggebend sind. Tests auf einem eigenen Bilddatensatz zeigen, dass der Ansatz bestehenden Verfahren deutlich überlegen sein kann.

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Projekt CleanFeed vom Fraunhofer FOKUS

Herkunft digitaler Medien lückenlos nachvollziehen

Projekt CleanFeed vom Fraunhofer FOKUS

Im Forschungsprojekt CleanFeed entwickelt das Fraunhofer-Institut für Offene kommunikationssysteme FOKUS Verfahren, mit denen sich die Herkunft und Bearbeitung digitaler Medien entlang der gesamten Produktionskette nachvollziehen lassen. Im Fokus stehen Video- und Broadcasting-Inhalte – live und on demand. Dabei geht es nicht um Fact-Checking, sondern um die Frage, was mit einem Medium von der Aufnahme bis zum Endnutzer passiert ist.

Dafür nutzt CleanFeed gesicherte Metadaten, die etwa Auskunft über Urheber, Zeitpunkt, verwendete Geräte, Bearbeitungsschritte und den Einsatz von KI geben. Technisch kommen unter anderem der C2PA-Standard, Hash-Verfahren, digitale Zertifikate sowie Watermarking und Fingerprinting zum Einsatz. So sollen Manipulationen sichtbar bleiben, selbst wenn Metadaten beim Austausch über Plattformen oder Messenger verloren gehen.

Neben Broadcastern und Redaktionen untersucht das Projekt weitere Anwendungen, etwa Behördenkommunikation, digitale Beweismittel oder KI-Chatbots mit verifizierbaren Quellen. CleanFeed entwickelt dabei kein fertiges Produkt, sondern berät bei der Integration in bestehende Systeme, stellt Open-Source-Komponenten bereit und erforscht, welche Vertrauensindikatoren für Nutzerinnen und Nutzer tatsächlich funktionieren.

Der Ansatz versteht sich als technisches Pre-Bunking: Die Herkunft und Authentizität eines Inhalts sollen bereits vor dem Konsum nachvollziehbar sein. Herausforderungen liegen unter anderem in fehlenden Standards über die gesamte Verarbeitungskette, dem Verlust von Metadaten und der noch begrenzten Unterstützung durch Kameras, Software und Endgeräte. Das auf drei Jahre angelegte Projekt wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert..

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Projekt Deepfake Total vom Fraunhofer AISEC

Audio-Deepfakes automatisiert erkennen

Projekt Deepfake Total vom Fraunhofer AISEC

Die Plattform Deepfake Total des Fraunhofer-Institut für Angewandte und Integrierte Sicherheit AISEC erkennt KI-gesteuert Audio-Deepfakes. Einzelne Dateien und YouTube-Videos können mit unterschiedlichen Audio-Spoof- und Deepfake-Erkennungsmodellen auf ihre Authentizität überprüft werden.

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Projekt Vera.ai vom Fraunhofer IDMT

Shallowfakes und Deepfakes in Audioinhalten erkennen

Projekt Vera.ai vom Fraunhofer IDMT

Im Forschungsprojekt vera.ai entwickelt ein internationales Konsortium mit Beteiligung des Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT KI-gestützte Werkzeuge zur Erkennung und Einordnung von Desinformation. Das Fraunhofer IDMT konzentriert sich dabei vor allem auf Audioinhalte und die Frage, wie sich manipulierte oder synthetisch erzeugte Aufnahmen zuverlässig erkennen lassen – von klassischen »Shallowfakes« bis hin zu KI-generierten »Deepfakes«.

Dafür untersucht das Institut unter anderem die Herkunft von Audio- und Videoinhalten, erkennt Aufnahmegeräte, Tonszenen und akustische Ereignisse und entwickelt Verfahren zur Erkennung von Audiomanipulation und Sprachsynthese. Auch kontext- und sprecherspezifische Merkmale werden berücksichtigt, um unterschiedliche Formen der Manipulation miteinander zu verbinden und besser einordnen zu können.

Die entwickelten Werkzeuge fließen in eine Plattform für professionelle Faktenchecker und Redaktionen ein. Grundlage sind unter anderem Daten aus Tausenden Faktenprüfungen; erprobt werden die Verfahren gemeinsam mit Partnern wie DW, AFP, EUDL und EBU.

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