Wie autonome Shuttles die Mobilitätskultur verändern können
In autonomen Shuttles wird eine Schlüsseltechnologie für einen flexiblen und modernen Nahverkehr gesehen. Deutschland hat die Chance, Vorreiter zu werden, jedoch bremsen komplexe Strukturen der Zusammenarbeit und fehlende Marktverfügbarkeit von Fahrzeugen diese Entwicklung aus. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO stellt mit dem Projekt »AMEISE« eine effiziente Mobilitätslösung vor.
Wieso werden autonome Shuttles gebraucht – es gibt doch Busse? Cansu Yapıcı, Projektmitarbeiterin am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, fragte sich das, als sie in das Projekt »AMEISE« einstieg, welches zum Ziel hat autonome Shuttles als festen Bestandteil des ÖPNV zu etablieren.
Autonome Shuttles gelten als große Hoffnung für den öffentlichen Verkehr der Zukunft; besonders dort, wo heute kaum noch Busse fahren. Mit dem Projekt »AMEISE« entwickelt das Fraunhofer IAO gemeinsam mit dem Baden-Württembergischen Verkehrsministerium sowie den Partnern Interlink, Bridging IT, Bertrandt, der Hochschule Esslingen und dem Kommunikationsbüro Ulmer einen Ansatz zur Integration selbstfahrender Minibusse in den ÖPNV. Hinter dieser Idee steckt mehr als technologische Neugier: Ein autonomes Shuttle ist eine der Antworten auf wachsende Lücken im Nahverkehr. Dort, wo Linien ausgedünnt wurden oder gar nicht mehr bestehen, kann ein autonomes Fahrzeug verlässlich übernehmen – ganz ohne Fahrerin oder Fahrer. Somit wirkt die Technologie direkt auf den akuten Fachkräftemangel im Verkehrssektor, der vielerorts schon heute den Betrieb klassischer Linien unmöglich macht. Auf diese Art eröffnen autonome Shuttles neue Möglichkeiten, Mobilität in ländlichen Räumen wieder sicherzustellen: flexibel, effizient und ohne zusätzliches Fachpersonal.
Zu der bestehenden Lücken im Nahverkehr kommt eine weitere Herausforderung: Immer mehr Fahrer*innen gehen in Rente, neue Fachkräfte fehlen. Gleichzeitig soll Mobilität überall sichergestellt werden. Auf vielen Strecken, vor allem außerhalb urbaner Zentren, fahren Busse nur noch selten oder fallen ganz weg. Hier setzt das Projekt »AMEISE« ein. Autonome Shuttles sollen jene Lücken schließen, die der klassische ÖPNV bald nicht mehr bedienen kann. Damit soll es nicht nur eine technische Innovation ermöglichen, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur Daseinsvorsorge leisten.
Das Projekt »AMEISE«
Um Antworten auf diese strukturellen Probleme zu finden, wurde 2020 das Forschungsprojekt »AMEISE« ins Leben gerufen, gefördert durch das Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg. Ziel ist es, nicht nur technisch-organisatorischer Grundlagen für autonome Shuttles zu entwickeln, sondern sie strategisch in den ÖPNV einzubinden. Nach drei Jahren Forschung liegt inzwischen ein erster Prototyp vor, der bereits auf einer Teststrecke gefahren ist. In der ersten Phase legte das Projekt die technischen und infrastrukturellen Grundsteine für einen autonomen ÖPNV. Dazu gehörte vor allem der Ausbau der notwendigen Straßeninfrastruktur: Markierungen, Beschilderung, eine gesicherte Testumgebung und die digitale Anbindung. Parallel dazu erforschte das Projektteam geeignete Umfelderfassungssysteme – also Sensoren und digitale Technologien, die nicht im Fahrzeug, sondern in der Infrastruktur selbst verbaut sind. Sie sorgen dafür, dass das Shuttle seine Umgebung präzise wahrnehmen kann. Diese Systeme wurden in mehreren Iterationen spezifiziert, integriert und mit dem Fahrzeug vernetzt. Ein weiterer Meilenstein dieser Phase war die Einrichtung eines leistungsfähigen 5G-Mobilfunknetzes, das als zentrale Kommunikationsbasis für den späteren autonomen Betrieb dient. Phase 1 bildete damit das technologische Fundament, auf dem alle weiteren Projektabschnitte aufbauen. Die zweite Projektphase übersetzte die vorbereitenden Arbeiten in einen realen Betrieb: In Waiblingen entstand das erste Reallabor. Dort rollte der autonome Shuttlebus erstmals im öffentlichen Raum – ein Meilenstein, der 2022 sogar zur offiziellen Jungfernfahrt führte. Der Kleinbus »AMEISE« beförderte bis zu sechs Personen zwischen dem S-Bahnhof Waiblingen (Ameisenbühl) und dem Berufsbildungswerk (BBW). Die Strecke von rund zwei Kilometern wurde bewusst gewählt, um die sogenannte »letzte Meile« zwischen Bahnstation und Zielort zu testen – ein potenziell besonders relevanter Einsatzbereich für autonome Shuttles im ländlichen Raum.
Das Fahrzeug hielt vor Zebrastreifen, bremste bei Gegenverkehr, reagierte auf enge Straßen und parkende Fahrzeuge. Ein Operator war stets an Bord, griff jedoch nur im Notfall ein, das System fuhr überwiegend selbstständig. Phase 2 lieferte damit entscheidende Erkenntnisse für Sicherheit, Technik und Akzeptanz und machte erstmals erlebbar, wie ein autonomer ÖPNV künftig aussehen könnte.
In der dritten Projektphase standen die Erprobung eines neuen Zulassungsprozesses, digitale Planungshilfen für die Streckenführung sowie Daten und Wertschöpfung im Mittelpunkt. Die Bedürfnisse von Nutzenden flossen in dieser Phase ebenfalls mit ein: So wurde anhand realer Rückmeldungen das Barrierefreiheitskonzept des Fahrzeugs weiterentwickelt.
Aktuell befindet sich das Projekt in seiner vierten Phase: der Technikfolgenabschätzung und dem Marktdesign, damit die Grundlagen für einen Markt geschaffen werden können. Da es in Europa weder einheitliche Leitlinien für autonome Shuttles noch Serienfahrzeuge gibt, entwickelt »AMEISE« Zukunftsszenarien und Betreiberkonzepte, die zeigen, wie ein autonomer ÖPNV bis 2040 realistisch aussehen kann.
Aus Skepsis wird Leidenschaft
Für Cansu Yapıcı war der Einstieg in das Projekt »AMEISE« in der vergangenen Phase zunächst alles andere als selbstverständlich. »Am Anfang war ich überhaupt nicht begeistert von dem Thema Autonome Mobilität, da mir die gesellschaftliche Relevanz nicht bewusst war.«, erzählt sie im Gespräch. Doch je länger sie sich mit der Technologie beschäftigte, desto klarer wurde ihr die Wichtigkeit des Projekts.
Schlussendlich veränderte der sich abzeichnende Fachkräftemangel im ÖPNV ihren Blick: »Es ist ein Fakt, dass sehr viele Busstrecken – insbesondere auf dem Land – bald nicht mehr bedient werden können.« Genau diese Versorgungslücke könnten autonome Shuttles schließen. Hinzu kommt die Aussicht, dass autonome Shuttles auch die Arbeitsbedingungen im Mobilitätssektor verändern könnten. Statt vieler Fahrer*innen vor Ort würden künftig Leitstellen entstehen, die mehrere Fahrzeuge gleichzeitig koordinieren. »Das schafft neue, ressourceneffiziente Arbeitsbedingungen, die es auch Menschen, die körperlich eingeschränkt sind, ermöglichen können, Verantwortung für einen Bus zu tragen.« sagt Yapıcı. Für sie ist das Projekt deshalb nicht nur ein Forschungsprojekt, sondern ein Hebel, um Mobilität, Daseinsfürsorge aber auch Inklusion neu zu denken.
Das Team rund um »AMEISE« hat in Testphasen intensiv mit Nutzerinnen und Nutzern gearbeitet und Verbesserungen direkt in die Entwicklung einfließen lassen. Besonders im Fokus: Barrierefreiheit.
Das sogenannte »Mehr-Sinne-Prinzip« spielt dabei eine zentrale Rolle: Informationen sollen hörbar, sichtbar und fühlbar sein, sodass alle Menschen das Angebot problemlos nutzen können. Dazu kommen modulare Sitzkonzepte, automatische Rampen und ein möglichst niedriger, breiter Einstieg. Dabei wird auch klar: Barrierefreiheit kommt allen zugute. Es profitieren beispielsweise nicht nur Menschen im Rollstuhl, sondern auch Personen, die mit einem Kinderwagen unterwegs sind oder schwere Koffer tragen müssen.
Das Projekt zeigt damit, dass autonome Mobilität nicht nur eine Frage des Fahrzeugs ist, sondern ein ganzheitliches System, das von Stadtplanung über Digitalisierung bis hin zu sozialer Teilhabe reicht.
Wo es hakt
Während die Genehmigungsprozesse, die vor allem zu Beginn der AMEISE ein Problem waren, zunehmend schneller ablaufen, steht der autonome ÖPNV in Deutschland noch vor einer ganz anderen Herausforderung: Aktuell fehlen in Europa grundlegende Rahmenbedingungen – von einheitlichen technischen Standards bis zu verbindlichen Leitlinien für Zulassung und Betrieb autonomer Fahrzeuge. Ohne solche Standards kann sich kein Markt entwickeln. Ein Blick auf die Produktion zeigt: Hersteller, die Shuttles in Serie produzieren, sind selten. Forschung und Kommunen fordern Fahrzeuge, die Industrie wartet auf Regeln. Ein System, das sich selbst blockiert.

Hinzu kommen wirtschaftliche Fragen: Der Betrieb Autonomer Shuttles ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht rentabel – weder für Kommunen noch für private Betreiber, wie beispielsweise Freizeitparks. Gleichzeitig verlangt die Technologie Investitionen in Leitstellen, digitale Infrastruktur und die Ausbildung von Personal. Das Projekt »AMEISE« erarbeitet aus diesem Grund Betreiberkonzepte, die aufzeigen, wie autonome Shuttles langfristig finanzierbar werden.
Ein Blick auf andere Länder zeigt, dass nicht nur die Technologie selbst entwickelt werden muss, sondern eine wesentliche Herausforderung die Integration in bestehende Verkehrssysteme darstellt. In China beispielsweise gibt es zwar bereits laufende Projekte mit autonomen Shuttles, doch aufgrund geringer Sicherheitsstandards wurde der autonome ÖPNV zurückgefahren. »Wir wollen es richtig machen, aber wir dürfen in der Geschwindigkeit nicht einbüßen«, sagt Yapıcı. Denn wenn Deutschland den Anspruch hat, Vorreiter zu sein, muss nicht nur die Technik mithalten, sondern vor allem das System dahinter.
In Baden-Württemberg gibt es grundsätzlich die Akteure, die die Technik und autonome Shuttles bauen und betreiben – also skalieren – könnten. Noch fehlen jedoch die Rahmenbedingungen, dass sich Konzerne sicher genug fühlen, um »groß« in diese Zukunftstechnologie zu investieren. Gleichzeitig ist die Nachfrage nach autonom betrieben Shuttles hoch und positive Arbeitsplatzeffekte für Baden-Württemberg sind zu erwarten.
Mehr als Technik
Während sich viele Debatten rund um autonomes Fahren auf technologische Aspekte wie Sensorik, Algorithmen oder Künstliche Intelligenz konzentrieren, zeigt »AMEISE« deutlich, dass die eigentliche Innovation weit über das Technische hinausgeht. Ein weiterer Kernbaustein ist die Etablierung einer zentralen Leitstelle, welche die Koordination und Sicherheit der Fahrzeuge im Blick hat. Für den autonomen ÖPNV ist sie das, was der Tower für den Flugverkehr ist: ein Kontrollzentrum, das Sicherheit, Koordination und effiziente Abläufe sicherstellt.
Mobilitätskultur
Autonome Shuttles können – so die Hoffnung vieler Fachleute – nicht nur ein technisches Problem lösen, sondern auch eine kulturelle Bewegung auslösen. Mobilität kann auch durch etablierte Routinen geprägt sein. Der Umstieg auf den ÖPNV erfolgt häufig nur dann, wenn dieser als zuverlässig, komfortabel und verfügbar wahrgenommen wird. Autonome Shuttles könnten insbesondere für jüngere Generationen einen neuen, innovativen und selbstverständlichen Zugang zum öffentlichen Verkehr eröffnen: Wer früh Erfahrungen mit autonomen Mobilitätsangeboten sammelt, entwickelt langfristig geringere Nutzungshürden. Doch neue Technik allein reiche nicht, wenn die Politik nicht mitzieht und autonomen ÖPNV nicht zu einem wichtigen Element ihrer Förderungen macht, so die Wissenschaftlerin.
Das Transformationspapier des Projekts »AMEISE« formuliert deshalb klare Erwartungen: Der Weg zum autonomen ÖPNV braucht koordinierte Entscheidungen, überwiegend aus der Politik. Dazu gehören eine zentrale Koordinationsstelle, die beschleunigte Verfahren und klare Vorgaben schafft, sowie verbindliche Standards für Technik und Sicherheit, damit Hersteller in Serie produzieren können und eine weitere finanzielle Unterstützung von Pilotprojekten in Kommunen, bis die Skalierung autonomer Shuttles an Fahrt aufnimmt. »AMEISE« versteht sich dabei nicht nur als Projekt, das neue Technik entwickelt, sondern als Orientierungsrahmen für Bund, Länder und Kommunen.
Um es in den Worten Yapıcıs zu sagen: »Autonome Mobilität ist die Chance, gesellschaftliche Mobilität und Daseinsvorsorge noch einmal neu zu denken. Wir haben hier die Gelegenheit, sowohl das Image des ÖPNV als auch Deutschlands Position im internationalen Wettbewerb, um autonome Shuttles grundlegend zu verbessern. Diese Chance sollten wir nicht ungenutzt lassen.«
(lna)

Expertin
M.A. Cansu Yapıcı
Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO
