Wie auf dem Pfaff-Gelände in Kaiserslautern Digitalisierung und Klimaschutz zusammenfinden
Auf dem ehemaligen Werksgelände des Nähmaschinenherstellers Pfaff in Kaiserslautern entsteht seit 2017 eines der ambitioniertesten Stadtentwicklungsprojekte Deutschlands. »EnStadt:Pfaff«: das klimaneutrale und funktional genutzte Stadtquartier in Kaiserslautern. Wohnen, Arbeiten, Forschung und medizinische Versorgung kommen hier zusammen – unterstützt durch digitale Technologien, die nachhaltiges Verhalten im Alltag erleichtern. Im Zentrum des Projekts steht eine offene Quartiersplattform, die neue Formen von Mobilität, Nachbarschaft und Ressourcennutzung ermöglicht. Die aus dem Proejekt bisher gewonnenen Erkenntnisse bündelt ein Abschlussbericht aus dem Jahr 2025, der zugleich den Blick nach vorn richtet: Welche Rolle werden Informations- und Kommunikationstechnologien bis 2029 – und darüber hinaus – für Akzeptanz, Teilhabe und Klimaschutz in der Stadt spielen?
Begleitet wird das Projekt seit seinen Anfängen von Dr. Frank Elberzhager, Leiter des Bereichs Architecture-Centric Engineering am Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE. Seit mehr als 15 Jahren leitet er Forschungs- und Industrieprojekte. »EnStadt:Pfaff«, sagt Dr. Elberzhager, gehöre zu den lernintensivsten – nicht zuletzt, weil sich hier Forschung, Stadtentwicklung und gesellschaftliche Aushandlung unmittelbar begegnen.
Vom Industrieareal zum Modellquartier
Ausgangspunkt war ein städtebauliches Vakuum: Rund 20 Hektar innerstädtische Fläche in Kaiserslautern, jahrelang ungenutzt. Die Stadt erkannte die Chance, hier nicht abzureißen, sondern Bestehendes zu revolutionieren und Neues auszuprobieren. »EnStadt:Pfaff« wurde eines von sechs bundesweiten Modellprojekten im Rahmen einer Förderung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWK) und des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMBF). Eine der größten Herausforderungen: der Umgang mit dem Bestand. Viele Gebäude waren energetisch veraltet, einige standen unter Denkmalschutz. Ein Abriss kam bei zentralen Gebäuden nicht infrage. Stattdessen wurde experimentiert. Zum Beispiel mit einem ehemaligen Verwaltungsgebäude, dessen Fassade erstmals mit integrierter Photovoltaik ausgestattet wurde. Nicht jeder Ansatz erreichte den höchsten Effizienzstandard, doch genau darin lag der Forschungscharakter des Projekts. Hinzu kamen Altlasten aus der industriellen Vergangenheit, komplexe Genehmigungsprozesse und politische Abstimmungen. Die Entwicklung verlief deutlich langsamer als ursprünglich geplant – eine Erfahrung, die Dr. Elberzhager als zentrales Learning beschreibt: Stadttransformation braucht Zeit.

Ein Quartier nimmt Gestalt an
Heute ist die Dynamik auf dem Gelände sichtbar. Erste Wohngebäude sind bezogen, rund 20 Prozent der Fläche bebaut. Ein medizinisches Versorgungszentrum mit zahlreichen Praxen ist entstanden, eng verknüpft zum naheliegenden Westpfalz Klinikum. Weitere Nutzungen folgen: Ausbildungsangebote, Büros, Forschung, kleinteilige Industrie. Der Anspruch bleibt: ein diverses Mischquartier.
Von Beginn an setzte das Projekt auf Offenheit: Workshops, öffentliche Veranstaltungen, Hackathons, ein YouTube-Kanal, digitale Beteiligungsformate – die Entwicklung sollte transparent sein. Viele Bürger*innen verbanden mit dem Namen »Pfaff« eine persönliche Geschichte, das Pfaff Gelände war über 130 Jahre ein großer Bestandteil von Kaiserslautern.
Seit 1999 ist die Nähmaschinen-Produktion eingestellt und das stellt die Modernisierung vor ein Dilemma: die Menschen, für die das Quartier umgebaut wird, haben diese Vergangenheit nicht unbedingt miterlebt. Ihre potenziellen Bedürfnisse ließen sich nur antizipieren – wie wichtig ist für sie die Historie des Geländes?
Digitale Dienste als Alltagshelfer
Das Herzstück von »EnStadt:Pfaff« ist eine offene, digitale Quartiersplattform. Sie adressiert konkrete Alltagssituationen – vom nachbarschaftlichen Austausch, über Ressourcenteilung bis hin zu Mobilitätsfragen. Einige Angebote wurden bewusst als Prototypen angelegt, andere entwickelten sich über das Quartier hinaus weiter und wurden stadtweit nutzbar.
Ein zentrales Element war »PfaffFunk«, ein Nachbarschafts- und Kommunikationsdienst. Die App erleichtert den Austausch von Informationen und Ressourcen, etwa das Teilen von Werkzeugen oder E-Mobilen. Diese Plattform wurde im im Projekt erprobt, weiterentwickelt und wird heute nicht mehr nur auf dem Pfaff-Gelände, sondern unter dem neuen Namen »StadtLand.Funk« im gesamten Stadtgebiet genutzt. Experimenteller war die »Fish’n’Tipps«-App, ein Prototyp, der Community-Ideen mit technologischer Unterstützung verband. Nutzer*innen erhielten einen persönlichen Avatar, der Hinweise zum Energiesparen gab. Gleichzeitig konnten sie eigene Tipps teilen, etwa zur Weiterverwendung von Lebensmitteln. Geplant war auch der Einsatz von KI, um automatisiert Empfehlungen zu generieren. Zum damaligen Zeitpunkt waren die technischen Möglichkeiten begrenzt – aus heutiger Perspektive, so Dr. Elberzhager, lassen sich viele dieser Ansätze als Vorläufer generativer, datengetriebener Assistenzsysteme lesen.

Einen spielerischen Zugang wählte das Team mit »MiniLautern«. Der Webdienst machte neue Mobilitätskonzepte erfahrbar und zeigte bewusst auch ihre Konfliktlinien. Autofreies Wohnen schafft Raum und senkt Emissionen, wirft aber praktische Fragen auf: Wie lassen sich schwere Einkäufe organisieren? Solche Spannungen sollten sichtbar gemacht werden – nicht als abschließende Lösungen, sondern als Ausgangspunkt für Diskussion und gemeinsames Weiterdenken. Mit »KLara«, einer Augmented-Reality-Anwendung, ging das Projekt noch einen Schritt weiter. Nutzer*innen können sich Geschichten zur lokalen Wertschöpfung anhören und visuell nachvollziehen, wie wirtschaftliche Kreisläufe in der Stadt funktionieren, wer daran beteiligt ist und wie sie unterstützt werden können. Ergänzt wurden diese Anwendungen durch eine digitale Pfaff-Landkarte, die alle entwickelten Dienste bündelt, Zugänge schafft und teilweise auf begleitende YouTube-Videos verweist. Sie dient zugleich als Überblick und als Dokumentation des Projekts.
Entscheidend, betont Dr. Elberzhager, sei jedoch nicht die technische Raffinesse einzelner Anwendungen, sondern ihr konkreter Nutzen. Digitale Angebote müssten zuverlässig funktionieren, intuitiv bedienbar sein und einen echten Mehrwert im Alltag bieten. Andernfalls würden sie nicht angenommen – unabhängig davon, wie innovativ sie auf dem Papier erscheinen.
Forschung als Teamarbeit
»EnStadt:Pfaff«, ist ein komplexes Zusammenspiel vieler Akteure. Die Zusammenarbeit im Konsortium erfolgte über regelmäßige Treffen im Zwei-Wochen-Rhythmus, ergänzt durch Berichtspflichten gegenüber dem Fördermittelgeber. Während der Corona-Pandemie verlagerte sich vieles in den digitalen Raum, inzwischen ist der persönliche Austausch wieder intensiv. Parallel wurde die Öffentlichkeit eingebunden: Hackathons, Workshops, Vorträge, Veranstaltungen wie die »Nacht der Wissenschaft« oder die »Nacht der Kultur«. Der eigene YouTube-Kanal entstand zunächst aus der Not heraus – als Mittel der Wissenschaftskommunikation in der Pandemie – entwickelte sich aber zu einem Archiv, das bis heute in neuen Projekten genutzt wird. Für Dr. Elberzhager ist gerade dieser direkte Kontakt außergewöhnlich für die Forschung – und besonders wertvoll: Forscher*innen treten in Dialog mit Menschen, die später tatsächlich in den entwickelten Strukturen leben.
Was Menschen zu nachhaltigem Handeln bewegt
Akzeptanz entsteht dort, wo Lösungen praktisch, günstig und alltagstauglich sind. Ein geteiltes Auto wird genutzt, wenn es verfügbar und preiswerter ist als ein eigenes. Digitale Plattformen können Transparenz schaffen, Anreize setzen und das Miteinander fördern. Im aktuellen Folgeprojekt setzt das Team deshalb stärker auf lokale Multiplikator*innen: Menschen vor Ort, die technisches Interesse mitbringen und andere mitziehen können.

Blick nach vorn: 2029, 2040 – und darüber hinaus
Der Abschlussbericht denkt in Zeithorizonten: Was ist heute machbar? Was in 15 Jahren? Für das Pfaff-Quartier bedeutet das: mehr digitale Informationsangebote im öffentlichen Raum, intelligente Energie- und Mobilitätslösungen, vernetzte Infrastrukturen vom Smart Home bis zur Abfallwirtschaft. Dr. Elberzhager ist überzeugt, dass das Quartier seinen Charakter nicht verlieren wird – auch wegen der starken historischen Identität des Ortes. Für ihn ist »EnStadt:Pfaff« mehr als ein Forschungsprojekt: ein lebendiges Reallabor, das zeigt, wie technologische Innovation, städtische Entwicklung und gesellschaftliche Aushandlung zusammenwirken können. Und ein Beispiel dafür, dass nachhaltige Städte nicht am Reißbrett entstehen, sondern im langen, oft widersprüchlichen Zusammenspiel von Menschen, Technik und Zeit.

Experte
Dr. Frank Elberzhager
Dep. Head Architecture Centric Engineering
Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE
